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Thema / Archiv | Beitrag vom 02.11.2009

Präsident der FU Berlin: Die Hochschul-Reform muss überarbeitet werden

Lenzen: Mehr Flexibilität vor allem bei der Länge des Studiums erforderlich

Dieter Lenzen im Gespräch mit Liane von Billerbeck

Das Studium könne auch wieder auf 4 Jahre ausgedehnt werden, meint Dieter Lenzen. (AP)
Das Studium könne auch wieder auf 4 Jahre ausgedehnt werden, meint Dieter Lenzen. (AP)

Der Präsident der Freien Universität Berlin, Dieter Lenzen, hat sich dafür ausgesprochen, die Bologna-Reform an den deutschen Hochschulen einer Revision zu unterziehen. Besonders bei der Länge des Studiums seien Änderungen möglich. Ein Bachelor-Studium müsse nicht zwangsläufig auf drei Jahre festgelegt sein. Zumal der Unmut in der Wirtschaft darüber wachse, dass die Absolventen zu unerfahren seien. "Das ist natürlich pervers, nachdem vorher, insbesondere aus dem Unternehmensbereich, gesagt wurde, die Leute sind so alt".

Liane von Billerbeck: Kürzer und attraktiver sollte das Studium werden, um mehr Studenten zu guten Abschlüssen zu bringen. Hehre Ziele – in der Praxis bekommen die neuen Bachelor-Studiengänge allerdings miese Zeugnisse: Zu viel Kontrolle, zu verschult seien sie, der Wechsel ins Ausland wurde erschwert. Unterstützung bekommen die Studenten von Jürgen Kaube. Der Journalist hat ein Buch herausgegeben unter dem Titel "Die Illusion der Exzellenz. Lebenslügen der Wissenschaftspolitik". Und für ihn ist die Bologna-Reform, unter deren Namen ja diese Reform läuft, gescheitert.

Auch Professoren äußern sich kritisch. Der Präsident der Berliner Freien Universität, Dieter Lenzen, sagte in einer Rede: Die deutschen Universitäten benötigen eine Reform der Reform. Die FU hat beschlossen, die Rahmenbedingungen der Umsetzung von Bologna einer Revision zu unterziehen. Und mit ihm sind wir jetzt telefonisch in Berlin verbunden. Herr Professor Lenzen, ich grüße Sie!

Dieter Lenzen: Ich grüße Sie auch!

von Billerbeck: Muss die ganze Hochschulpolitik auf den Prüfstand?

Lenzen: Nein, zweifellos nicht die gesamte Hochschulpolitik. Die besteht ja nicht nur darin, Lehre zu organisieren, die Universitäten haben ja eine doppelte Aufgabe, nämlich Forschung und Lehre zu organisieren. Nein, was geprüft werden muss, ist die Notwendigkeit der Veränderung von Festlegungen aus der ersten Welle der Reform, die ja sehr stark das abgebildet hat, was in anderen, insbesondere angloamerikanischen Ländern üblich war. Und man hat das sehr stark kopiert in den kontinentalen Bereich hinein, also auch in Deutschland. Und da die Deutschen nun mal mit ihrem Föderalismus zu 16 Personen in Brüssel sitzen, muss man sich nicht wundern, wenn sie sich immer enthalten müssen und ihre Interessen nicht durchsetzen konnten.

von Billerbeck: Wo genau sehen Sie denn den größten Reformbedarf?

Lenzen: Ich denke, wir müssen flexibler werden in Bezug auf die Zeiten. Es steht nirgendwo geschrieben, dass die Bachelor-Studiengänge drei Jahre sein müssen, sondern es war immer von vornherein klar drei oder vier Jahre. Deutschland hätte also mühelos alle Bachelor-Studiengänge auch vier Jahre lang sein lassen wollen oder können, aber einige Bundesländer haben gesagt, das machen wir nicht, wir wollen die Zahl der Studienplätze erhöhen. Und in der Tat, wenn Sie den Bachelor auf drei Jahre anbieten, haben Sie, ohne einen einzigen Euro mehr in die Hand zu nehmen, 25 Prozent mehr Studienplätze.

Wenn man das auf vier Jahre erweitert, hat man ganz andere Möglichkeiten, man kann darauf dann als Master-Studiengänge einen einjährigen aufruhen lassen oder einen zweijährigen für die wissenschaftliche Laufbahn. Also mehr Flexibilität und nicht so ein starres Umgehen und Starren auf kurze Zeit.

Ich meine, Sie müssen einfach mal sehen, wenn jemand sehr jung Abitur macht, mit 17 sagen wir oder von mir aus auch 18, dann ist er mit 21 fertig und natürlich mitnichten in der Lage, ohne Weiteres in einen Beruf zu gehen. Neulich hat sogar ein Vorstand eines DAX-Unternehmens mir gesagt: Ach, jetzt haben wir die ersten Bachelor-Absolventen, die sind ja so schrecklich jung, die sind ja ganz unerfahren. Das ist natürlich pervers, nachdem vorher, insbesondere aus dem Unternehmensbereich, gesagt wurde, die Leute sind so alt.

von Billerbeck: Wenn das Studium etwas länger dauern soll, das ist ja eine Forderung, da ist man ja nicht erst drauf gekommen, als das Kind in den Brunnen gefallen war – war das nicht vorher absehbar?

Lenzen: Natürlich, wenn man rechnen kann, ist das absehbar gewesen. Trotzdem ist der politische Druck ja erheblich gewesen, eine Verkürzung herbeizuführen, und die Ausgangssituation war ja auch berechtigt. Ein durchschnittliches Studium dauerte 17 Semester, das ist nicht bezahlbar, das ist durch nichts zu rechtfertigen – aber zwischen 17 Semestern und sechs Semestern natürlich ein großer Unterschied.

von Billerbeck: Es gab ja immer die Bemerkung, dass die deutschen Universitäten – ich glaube, Sie selber waren das auch, der das gesagt hat – die Beschlüsse von Bologna besonders rigide umgesetzt haben. Wie viel Gestaltungsspielraum hat denn eigentlich eine einzelne Universität innerhalb dieser Reform?

Lenzen: Das ist ja so was wie ein Kaskadenmodell, das heißt, die Reformvorgaben sind von der KMK heruntergebrochen worden ...

von Billerbeck: Von der Kultusministerkonferenz.

Lenzen: ... von der Kultusministerkonferenz auf bestimmte Normen und dann wiederum in den einzelnen Bundesländern. Und je nach Kassenlage haben die sich natürlich unterschiedlich verhalten, die Ärmeren möglicherweise dann doch eher auf die kürzeren Studiengänge geschielt und die anderen das etwas liberaler gehandhabt. Die Universitäten sind ja am Ende der Kaskade und haben da nur noch begrenzte Möglichkeiten. Das heißt, wenn eine Universität etwa hätte entscheiden können, alles vierjährig zu machen, dann fehlen ihr 25 Prozent der Kapazität, denn der Staat geht dann her und sagt: Moment mal, ihr habt ja 25 Prozent mehr Studienplätze, macht das doch bitte in drei Jahren. Und da genau ist die Falle.

von Billerbeck: Die Reform des Hochschulstudiums muss reformiert werden – mein Thema im Gespräch mit Dieter Lenzen, dem FU-Präsidenten. Der Journalist Jürgen Kaube wirft ja den Universitäten vor, sie hätten sich immer mehr von ihrem Kerngeschäft wegbewegt. Er hat das bei uns im Interview folgendermaßen ausgedrückt:

Jürgen Kaube: "Man muss den Studenten wünschen, dass sie Professoren bekommen, die Zeit für sie haben, in ausreichender Anzahl natürlich auch, und die mit ihnen etwas treiben, was Professoren auch können. Die ganzen Versprechungen auf Ausbildungen, in einen Beruf, die sind ja für viele Fächer völlig illusorisch, das kann die Universität ja gar nicht. Was sie machen kann, ist die Leute schlauer, intelligenter, orientierungsfähiger zu machen. Und diese, wenn man so will, Orientierung an ihrem Kerngeschäft, um mal diese Vokabel zu nehmen, die sollte die Universität wieder zurückgewinnen, anstatt diesen Reformträumen nachzueilen, wie Mobilität, Senkung der Abbrecherquoten, Verkürzung des Studiums, Praxisnähe und all diese Dinge, die der Student dann heute – und deswegen gehen die ja auch auf die Straße – als gar keine Wirklichkeit erlebt."

von Billerbeck: Das war der Journalist Jürgen Kaube. Man gibt ja nun immer gern der Politik die Schuld an der Misere, denn die hat die Reform beschlossen. Welchen Anteil aber haben die Universitäten selber?

Lenzen: Also man muss auch hier deutlich sagen, dass die genannten Eckdaten von Herrn Kaube auf ein Kernproblem der deutschen Hochschulen – die im Übrigen nicht nur aus Universitäten bestehen, sondern zum größeren Teil aus Fachhochschulen, die auch die Bologna-Reform machen –, dass das Kernproblem in den schlechten Betreuungsverhältnissen liegt. Wenn Sie für 80 Studierende eine Lehrkraft haben, dann können Sie nicht das Gleiche machen, als wenn Sie wie in den Staaten acht Studenten auf eine Lehrkraft rechnen. Also das, was er sich wünscht als Kerngeschäft, wie er das nennt, der Universität, ist mit diesen Kapazitäten nicht leistbar und im Übrigen auch natürlich ein bisschen idealistisch und ein bisschen atavistisch und altväterlich.

Schauen Sie sich doch das bitte an: Die meisten jungen Menschen müssen am Ende essen, wie alle Menschen, und dazu müssen sie einen Beruf haben, damit müssen sie Geld verdienen. Und das alte Universitätsideal, wo es sozusagen nicht drauf ankam, welche Richtung jemand einnimmt, das gilt für Pharmazeuten nicht, für Veterinärmediziner nicht, für Mediziner nicht, für Juristen nicht, für Wirtschaftswissenschaftler nicht. All diese Menschen haben ziemlich klare Berufsziele, und darauf hin, das war der Beschluss der Europäischen Union, muss natürlich auch orientiert werden.

Das heißt ja nicht, dass das nur eine Orientierung am Beruf ist, sondern natürlich auch an einem Studium generale, was andere Länder ja auch machen, andere Nationen in Europa. In Deutschland geht man von der falschen Voraussetzung vielleicht aus, dass das Abitur das schon gemacht hat. Das Gymnasium ist aber selbst auch keine Stätte der Allgemeinbildung mehr, sondern hat sich selbst auch so stark spezialisiert, sodass diese alten Ideale im Grunde an verschiedenen Stellen verloren gehen. Und das ist aber letztlich immer eine Frage der Finanzen.

von Billerbeck: Schließen sich die Universitäten eigentlich zusammen, um Vorschläge zur Verbesserung der Lage sagen wir zu bündeln?

Lenzen: Das ist so. Die Hochschulrektorenkonferenz hat ein Maßnahmenpaket vorgeschlagen – die HRK hat ja kein Durchgriffsrecht auf die Hochschulen, das ist ja auch gut so – vorgeschlagen, dem die Hochschulen sich nähern können. Die Freie Universität hat sehr viel mehr daraus entwickelt und einen großen Katalog gemacht, das haben andere auch getan, der nun Stück für Stück umgesetzt werden muss. Leider geht das nicht so schnell, denn man muss ja sehen, in Deutschland ist ja alles reglementiert. Und durch die Idee der Credits, durch die Idee des Sichtbarmachens von Aktennotizen und allem Möglichen haben Sie eine unglaubliche Menge an Daten, die entsteht, und Sie müssen dann die Prüfungsordnungen wieder umstellen, Sie müssen die Studienordnungen umstellen. Das ist ein Prozess, der mindestens ein Jahr dauert, weil er bis in den einzelnen Fachbereich hineinragt. Und insofern werden Veränderungen dann erst im nächsten Winter spürbar sein, wenn die Universitäten schnell sind.

von Billerbeck: Sind die Studenten eigentlich einbezogen? Sie haben das ja in Ihrer Semesteransprache versprochen. Wie wird das praktisch laufen?

Lenzen: Das ist selbstverständlich der Fall, denn die Universitäten haben ja, in Berlin insbesondere, Gremien, die zu 50 Prozent aus Studenten besetzt sind. Alle Gremien, die sich mit Lehrangelegenheiten und Ausbildungsangelegenheiten beschäftigen, müssen einen 50-prozentigen Anteil der Studenten haben. Insofern stellt sich eher die Frage, ob die Professoren beteiligt sind. Nein, das ist der Fall und das ist auch gut so, denn sie können natürlich von der Basis eher berichten. Wichtig ist, dass dann auch Studierende in den Gremien sind, die selbst in den B.A./M.A.-Studiengängen stecken und nicht diejenigen aus den alten Studiengängen, die gar nicht wissen, um was es eigentlich geht.

von Billerbeck: Einige Studenten an Ihrer Freien Universität scheinen das anders zu sehen. Nach den Protesten im Sommer hat sich ja an der FU eine Initiative "Time to say good bye" gegründet, da werden Unterschriften gesammelt, so eine Art Minivolksentscheid, um Ihren Rücktritt zu erreichen, Herr Lenzen. Sie hätten, so sagen die Initiatoren, die FU in eine, Zitat, "autokratische Elitehochschule verwandelt und zudem die Möglichkeiten studentischer Mitbestimmung beschnitten". Wie geht man denn als Präsident mit so viel Unmut um?

Lenzen: Ach, man muss nicht jeden Studentenulk kommentieren, aber wenn man das denn tut, muss man dazu Folgendes sagen: Es ist nicht möglich, dass über einen solchen Weg, der da gerade versucht wird, ein Präsident abgewählt wird, aber es ist ja der Versuch, auch ein bisschen ein Zeichen oder so etwas zu etablieren. Der Vorwurf ist unsinnig, denn die Verfassung der Freien Universität ist von den Gremien beschlossen worden, und diese Verfassung sagt sehr klar, dass das Präsidium entscheidet.

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