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Tonart | Beitrag vom 14.07.2020

Postpunk der 80er-JahreProduktive Wut statt Nihilismus

Fabian Wolff im Gespräch mit Andreas Müller

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Paul Simonon von The Clash bei einem Konzert der "Out of Control"-Tour in der Brixton Academy. London, 06.12.1984  (picture alliance/Geisler-Fotopress)
Paul Simonon von The Clash bei einem Konzert in London 1984 (picture alliance/Geisler-Fotopress)

Ölkrise, Inflation, Streiks: Diese Ereignisse der 1970er-Jahre in Großbritannien prägten die Musik des Postpunk und frühen Industrial in den 80ern. Nach dem ersten Punk-Ende kam neben der Nazi-Ikonografie auch die Suche nach positiven Werten.

Andreas Müller: In einer Sommerserie beschäftigen wir uns diese Woche mit Musik und gescheiterten Revolutionen. Die zweite Folge beginnt mit etwas ganz Besonderem. Es gibt nämlich ein Tondokument, das den genauen Zeitpunkt einfängt, an dem die Revolution, um die es heute geht, gestorben ist: "Hattet ihr je das Gefühl, betrogen worden zu sein?", mit dieser Frage beendete Johnny Rotten das letzte Konzert der Sex Pistols im Winterland Ballroom in San Francisco am 14. Januar 1978 – nicht das Ende von Punk, aber der ersten UK-Punkwelle.

Postpunk: Neuanfang oder ein Tödesröcheln?

Über die Bedeutung dieser kryptischen Frage und darüber, ob der Postpunk ein Neuanfang oder nur ein verlängertes Todesröcheln war, rede ich mit Fabian Wolff. Was meinte Johnny Rotten mit diesem Ausspruch?

Fabian Wolff: Einerseits bezog er sich konkret auf die Sex Pistols als Band, die fertig und am Ende war: Das Konzert war das letzte auf einer nicht sehr erfolgreichen Tour durch die USA, bei der sich die Band mehr und mehr entfremdete und zerstritt, auch wegen der fehlenden Aufsicht durch das Management. Und die musikalische Limitierung zeigte sich immer mehr.

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Ich lese das Statement aber auch als Resignation über das ganze Projekt der Band, vielleicht auch über Punk selbst: Schließlich war es auch ein clever geschnürtes Imagepaket, das ihr Manager Malcom McLaren und Vivienne Westwood als Designerin zu verkaufen wussten.

Daran ist natürlich nichts per se verwerflich. Punk ist schließlich nicht automatisch links, nicht nur wegen der Hakenkreuz-Shirts von Sid Vicious, dem Bassisten der Band. Punk ist vielleicht noch nicht einmal eine Haltung, sondern eine Methode, um zu stören. Und der Schrecken, mit dem erst in England und dann in den USA auf die Band reagiert wurde, war ja authentisch. Aber Johnny Rotten scheint gemerkt zu haben, dass etwas nicht passt. Nicht umsonst hieß seine Band danach Public Image Limited.

Müller: Diese neue Band, Public Image Limited, gehörte zu einem Genre, das Post-Punk genannt wurde. Wie stand diese Bewegung zu Punk?

Wolff: Ich sehe sie als Fortsetzung, Widerlegung und Ergänzung. Punk war ein bisschen gleichzeitig Urknall und Atombombe, danach war viel Leere, die diese Bands füllen mussten. Das Hantieren mit Schockwerten und Provokation ist eine Konstante, aber musikalisch stehen zum Beispiel Public Image Limited im Widerspruch zum betonten Primitivismus von Punk, nehmen Einflüsse aus Dub, Jazz, Funk auf,  sogar der verhasste Prog-Rock hinterlässt Spuren.

"Plötzlich geht es auch um Rhythmus"

Plötzlich geht es auch um Rhythmus, sogar Grooves. Bei The Clash, einer Band, die die Transformation von Punk zu Postpunk vollzog, ohne sich zwischendurch aufzulösen, lässt sich diese Entwicklung ja quasi von Album zu Album ablesen. Und statt betontem Nihilismus stand jetzt sogar die Suche nach positiven Werten wie Solidarität oder wenigstens produktiver Wut im Mittelpunkt. Und wem das dann doch zu optimistisch war, der bemühte sich wenigstens um eine genauere Beschreibung der eigenen Entfremdung.

Müller: Inwiefern waren diese musikalischen Umbrüche auch eine Reaktion auf das gesellschaftliche Klima dieser Jahre?

Wolff: Inzwischen denken wir ja eher an die Thatcher-Jahre als Ära des Zerfalls von Gemeinschaft, von Gewalt und Rassismus, aber die 70er haben ihr ganz eigenes Trauma hinterlassen. Der Historiker Andy Beckett beschreibt das Jahrzehnt ganz einfach mit "when the lights went out", also "als die Lichter ausgegangen sind", ganz buchstäblich: im Zuge der Ölkrise musste der Stromkonsum massiv eingeschränkt und für viele auf drei Tage in der Woche beschränkt werden.

Paranoia als tragendes Element

Inflation und zahlreiche Streiks belasteten die Infrastruktur zusätzlich, Müll wurde nicht abgeholt, in Liverpool streikten während des "Winter of Discontent" 1979, also dem Jahr, in dem Margaret Thatcher gewählt wurde, sogar die Bestatter, und die Leichen verschimmelten. Diese Bilder, diese Stimmung tauchen auch in der Musik von Bands des Postpunk und frühen Industrial auf.

Müller: Sie haben den "Winter of Discontent" Anfang 1979 erwähnt – in diesem Jahr veröffentlichte die Band Joy Division aus Manchester ihr erstes Album "Unknown Pleasures". Das Album gilt als definitives Postpunk-Statement, wie passt es in diesen Kontext?

Wolff: All die Gefühle, die so ein gesellschaftliches Klima hervorruft, Hoffnungslosigkeit, Depression, Verlust, wurden von Sänger Ian Curtis in assoziative Textfragmente gegossen, während die Musik gleichzeitig fast explodierte und sich eng zusammendrückte. Das tragende Element ist die Paranoia, das Gefühl der Überwachung. Der Journalist Francis Wheen nannte die 70er dann auch das "Golden Age of Paranoia", das "Goldene Zeitalter der Paranoia". 

Zu den unglücklichen und gerne ignorierten Aspekten der Bandgeschichte gehört, dass diese Gefühle auch mit Nazi-Ikonografie ausgedrückt wurden. Schon der Bandname stammt aus einem Roman von Yehiel Feiner über ein Zwangsbordell in einem KZ, der "Freudenabteilung". Im schönen Film "24 Hour Party People" gibt es eine Szene, in der ihr Manager, der Impressario Tony Wilson, gefragt wird, ob die Bandmitglieder Nazis seien, woraufhin er antwortet, ob der Fragesteller schon mal etwas von der Postmoderne gehört hätte.

Müller: Heute berufen sich viele Bands auf Punk oder Postpunk, gerade Joy Division umgibt ein Mythos. Ist das Genre doch eine Revolution des Pop? 

Wolff: Diese Bands gelten als visionär, nicht nur musikalisch, sondern auch in dem, wofür sie stehen. Der Kulturtheoretiker Mark Fisher schrieb schon 2005, dass etwa Joy Divison "the band of the moment" seien, also "die Band, die am besten in diese Zeit passt", weil er deren defätistische Haltung als gesamtgesellschaftliches Symptom erkannte. Fisher war sehr gut darin, die Strahlkraft der Band und dieser Haltung zu beschreiben, die gerade auf junge Männer große Wirkung hat. Aber ich sehe sowohl in der Band als auch in ihrer Verklärung durch jemanden wie Marc Fisher eine sehr limitierte Sicht auf die Welt.

Selbstbezogene junge weiße Männer

Die Wahrheit ist, auch das lässt sich bei Andy Beckett nachlesen, dass die 70er so schlimm nicht waren – jedenfalls nicht für die jungen weiße Männer von Joy Division. Da wirkt es ein bisschen merkwürdig, wenn Bernard Sumner erzählt: Der Umzug in ein Hochhaus, das war das große Trauma, der große Verlust meines Lebens. Für Frauen, für nichtweiße Menschen, für queere Menschen waren die 70er tatsächlich eine Zeit großer Gewalt und gleichzeitig großer Umwürfe und Rebellionen. Joy Division waren zu sehr selbstbezogene junge Männer, um das zu erkennen. Und Mark Fisher, der 2017, weitaus älter als Curtis, auch Suizid begangen hat, stand seine Depression im Weg.

Ich lese die steten, unangenehmen Verweise auf das Dritte Reich auch vor diesem Hintergrund. Natürlich waren die Bandmitglieder keine Nazis, im Gegenteil: Sie haben sich mit den Opfern identifiziert. Als Bild finde ich das aber fast genauso obszön, dass diese deprimierten Jungs aus Nordengland sich wie KZ-Insassen fühlen. Dafür muss Manchester sich nun wirklich nicht verantworten.

"The revolution will not be televised", wusste schon der Musiker Gil Scott-Heron. Aber was, wenn sie schon angekündigt war – und dann nicht stattfindet? In unserer Serie "Musik und Revolution" beschäftigt sich Fabian Wolff mit gescheiterten Aufständen und abgesagten Umstürzen, mit persönlichen Krisen und sterbenden Genres.

Die fünf Folgen decken 50 Jahre Pop-Geschichte ab und kehren jeweils zum Beginn eines Jahrzehnts zurück: vom Ende der Bürgerrechtsbewegung und "There's A Riot Goin' On" von Sly & the Family Stone Anfang der 1970er bis zu Drake und Kanye West und dem Aufstieg Donald Trumps zu Beginn der 2010er Jahre.

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