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Politisches Feuilleton / Archiv | Beitrag vom 28.11.2013

PostdemokratieKlare Kante, egal wie!

Zur Mode der Politikverachtung

Von Reinhard Mohr

Wer sich in diesen Tagen schier endloser Koalitionsverhandlungen umhört, der entdeckt allerorten nur Widerworte. Ob auf Partys oder in Talkshows - Politikverachtung ist längst Mainstream. Reinhard Mohr wendet sich in seinem "Politischen Feuilleton" dagegen.

Manchmal dauert es ein paar Jahre, bis Wahrheiten gelassen ausgesprochen werden können: "Es ist okay, in Deutschland zu leben. - Ja, es ist sogar schön."

Das Zitat stammt von Robert Habeck, stellvertretender Ministerpräsident in Schleswig-Holstein, der damit, kurz nach der Bundestagswahl, einen alten grünen Glaubenssatz revidierte. Der ging so: "Wir leben in einem Scheißsystem, und das müssen wir attackieren und ändern." Dies sei, so der Spitzengrüne nun, das Denken der 80er-Jahre. Aha.

Wer sich jedoch in diesen Tagen schier endloser Koalitionsverhandlungen umhört, der entdeckt eine aktuelle Variante dieses anachronistischen Denkens. Ob auf Partys oder in Talkshows – die gepflegte Politik- und Politikerverachtung ist längst Mainstream, und Kulturschaffende schwadronieren über die "Postdemokratie".

Die parlamentarische Demokratie als quälendes Kasperletheater

Oh Gott, die Merkel, die Nahles, der Dobrindt! Schon seit langem erzielt das linke Kabarett stürmisches Schenkelklopfen im Publikum, wenn bloß der richtige Name fällt: Brüderle! Söder! Pofalla! Ha! Hoho! Die parlamentarische Demokratie als quälendes Kasperletheater, als lächerlicher Ringelpiez unfähiger Marionetten.

Wie reimte jüngst ein aufrechter Leser der Frankfurter Rundschau: "Die Pfeifen in der Politik tanzen nach dem Pfeifen der Konzerne". Selbst die "heute Show" des ZDF, hochgerühmtes Flaggschiff der politischen Satire, vermittelt das Bild einer peinlichen Pappnasen- und Lachnummer-Republik, bei der allenfalls der Humorstandort Deutschland gestärkt wird.

Klar, dass auch die langwierigen Gespräche zur Regierungsbildung fast ausschließlich negativ gesehen werden: Faule Kompromisse, dazu teuer und ungerecht, kaum verständlich, kompliziert und unübersichtlich. Wer soll da noch durchblicken? Nicht mal Günter Grass, der deshalb seiner SPD mit kaschubischer Klarsicht rät, in die Opposition zu gehen.

Crash überall

Und es stimmt ja: Die meisten Bürger draußen im Lande bilden sich, wie der Literaturnobelpreisträger, ihr Urteil sowieso eher aus dem Bauch heraus als per intimer Sachkenntnis, mehr Ressentiment als Reflexion. Da wird die Bundesrepublik im Handumdrehen zum "Vasallenstaat" der USA, und die Eurokrise ist, na klar, die Vorstufe zum Untergang des Abendlandes. Crash überall.

Die Sehnsucht nach perfekten, vermeintlich sachorientierten Lösungen ist groß. Man staunt. Was oft mitschwingt: Einer soll mal wieder die Dinge in die Hand nehmen und kompromisslos durchziehen - mit der bleihaltigen Durchsetzungskraft von John Wayne. Atomausstieg jetzt! Energiewende sofort! Klimaerwärmung stopp! Her mit der Auto-Maut! Raus aus dem Euro! Klare Kante, egal wie. Der Ruf nach einem Führer, der auch ein linker Caudillo sein könnte, ist da gar nicht mehr so weit.

Leider geht im Furor des populären Sofortismus eine zentrale Erkenntnis des 20. Jahrhunderts unter: Gerade Kompliziertheit und Konfliktanfälligkeit demokratischer Verfahren bilden das entscheidende Bollwerk gegen Fanatismus und Diktatur: Die oft beklagte Schwäche der Kompromiss- und Konsenskultur verwandelt sich in Stärke.Double-bind: Alle, die Betroffenen und die Basis, die Partei, die Vogelschützer und der ADAC, wollen stets gefragt werden und mitentscheiden – zugleich aber soll das einzig Richtige gnadenlos durchgezogen werden. "Unterkomplex" hätte man früher ein derart schlichtes Bewusstsein genannt. Umso wichtiger ist für viele Wutbürger, Besserwisser und Freizeitstrategen das Bewusstsein, Teil einer gefühlten Mehrheit zu sein.

Nicht zuletzt deshalb ist es okay, in Deutschland zu leben. Manchmal ist es sogar mehr als okay: Verdammt okay. Selbst dann, wenn die unfehlbare Basis der SPD die Große Koalition platzen lassen sollte.

Reinhard Mohr (dpa / picture alliance / Karlheinz Schindler)Reinhard Mohr (dpa / picture alliance / Karlheinz Schindler)

Reinhard Mohr, geboren 1955, ist freier Journalist. Zuvor schrieb er für "Spiegel Online" und war langjähriger Kulturredakteur des "Spiegel". Weitere journalistische Stationen waren der "Stern", "Pflasterstrand", die "tageszeitung" und die "Frankfurter Allgemeine Zeitung".

Buchveröffentlichungen u. a.: "Bin ich jetzt reaktionär? Bekenntnisse eines Altlinken", "Das Deutschlandgefühl", "Generation Z", "Der diskrete Charme der Rebellion. Ein Leben mit den 68ern" und "Meide deinen Nächsten. Beobachtungen eines Stadtneurotikers". 

 

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