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Reportage / Archiv | Beitrag vom 04.01.2013

Post aus Neubrandenburg

Wie Rentner im Ausland besteuert werden

Von Gerhard Richter

Bezieher von steuerpflichtigen Renten leben in der ganzen Welt. (picture alliance / dpa / Caroline Seidel)
Bezieher von steuerpflichtigen Renten leben in der ganzen Welt. (picture alliance / dpa / Caroline Seidel)

Seit 2005 müssen Renten besteuert werden. 14 Millionen Bezieher von Altersbezügen sind davon betroffen, ein Zehntel von ihnen lebt im Ausland. Eine knifflige Aufgabe für den deutschen Fiskus, für die das Finanzamt Neubrandenburg in Mecklenburg-Vorpommern zuständig ist.

Jeden Morgen klingelt der Postbote und schiebt einen Rollwagen mit gelben Plastikkisten herein.

"Tag schön, Schön guten Tag"

In den Kisten sind Briefumschläge. Verschiedenste Formate und Farben mit bunten Briefmarken aus aller Welt. Aus Albanien, Botswana, Ceylon. Verfasst von Rentnern auf die Bitte des Neubrandenburger Finanzamts, eine Steuererklärung einzureichen. Simone Hinrichs legt die Briefe bündelweise in die Brieföffnermaschine:

"Kanada ist das alles, das wäre jetzt alles Kanada."

Zwei Frauen im Nebenraum nehmen die Schreiben heraus und knallen den Eingangsstempel darauf.

Seit 2005 hat das Finanzamt Neubrandenburg die Aufgabe übernommen, die Rentenempfänger im Ausland zu bearbeiten. Die meisten leben in Österreich, Italien und Kroatien, die übrigen sind verstreut in der ganzen Welt.

Holger Seyfert beispielweise bearbeitet die Philippinen, Ungarn, Peru, Thailand und Bolivien. An seiner Bürowand hängt eine Landkarte von Kanada, dort leben 80.000 Menschen, die eine Rente aus Deutschland bekommen:

"Na ja, wir haben so die Auswanderungswellen so ab 1947 und bis 1970 und dann bricht das rapide ab. Also es sind sehr alte Rentner, über 80, über 90, teilweise 100-jährige, ja die wohnen in Kanada."

Holger Seyfert nimmt einen Brief vom Stapel und liest ihn sich durch. Er ist handgeschrieben, in einer wackeligen kleinen Schrift. Die meisten Rentner, erzählt der Diplomfinanzwirt, sind überrascht, Post vom deutschen Finanzamt zu bekommen, mit der Aufforderung Steuern zu zahlen, und dann auch noch rückwirkend ab 2005:

"Manche sagen, ja wenn ich aus meinen Heimatland Steuern zahlen muss, dann mach ich das, ist leider der geringere Anteil (lacht). Und dann gibt es viele, die sich beschweren und sagen: 'Hätte man mich eher drauf hinweisen müssen, und warum kommen sie jetzt? Und nicht 2005?´ Also schon viel Unverständnis. Und natürlich eine Fülle von Einsprüchen und Änderungsanträgen."

In Seyferts Regal stehen dicke Ordner mit kleingedruckten Steuergesetzen. Deutschland hat mit 95 Ländern sogenannte Doppelbesteuerungsabkommen abgeschlossen, darin ist geregelt, welches Land die Steuer eintreiben darf und welche Einkommen wo angerechnet werden.

"In diesem Fall muss Kanada, die Steuern, die hier gezahlt werden auf ihre Steuern anrechnen, damit es eben nicht doppelt besteuert wird. Das ist aber ein sehr umständliches Verfahren in Kanada, weil: Die Rentner haben schon mal bezahlt, die müssen erst bei uns zahlen, um dann wieder anzurechnen in Kanada. Und dann gibt's natürlich auch Leute, die haben versäumt, ihre deutsche Rente in Kanada zu versteuern, und die wundern sich, wenn sie dann nichts wiederbekommen."

Holger Seyfert vertieft sich in das nächste Schreiben. Manche der Rentner suchen lieber das Gespräch, rufen direkt im Neubrandenburger Finanzamt an.

"Finanzamt Neubrandenburg, guten Morgen. Oui, bon jour Madame …"

Auf Französisch fragt Monika Güldner nach dem Aktenzeichen und wie sie helfen kann. Die 46-Jährige musste ihr Schul-Französisch mit Steuer-Fachvokabeln auffrischen:

"Learning by doing, und dann Wörterbuch hin, Internetrechner bemüht für Übersetzung, ja man fummelt sich dann rein, also es geht und inzwischen kann man sich in der Materie halbwegs sicher ausdrücken."

Rund 300-mal am Tag klingelt im Neubrandenburger Finanzamt das Telefon. Wer nur Französisch spricht, wird zu Monika Seyfert weitergeleitet. Denn nicht jeder, der eine deutsche Rente bekommt, spricht deutsch:

"Das sind ehemalige Gastarbeiter, die halt nicht viel hier gearbeitet haben, die Sprache nicht können, oder nicht mehr können, das sind deren Witwen oder Kinder, die dann Waisenrente bekommen, bis zum Studentenalter. Also unterschiedliches Klientel, was da Rentenansprüche in Deutschland erworben hat. Und ... die haben dann ihre Schwierigkeiten."

Noch wissen viele Rentner gar nicht, dass sie Steuern zahlen müssen. Von den 1,4 Millionen Auslandsrentnern haben erst eine halbe Million das Schreiben aus Neubrandenburg bekommen. Sven Völchert druckt fünf Blätter aus, das Anschreiben, das alle zuerst kriegen. Den Namen und die Adresse hat der 40-Jährige mit kleinkariertem Hemd und Eintagesbart vom Rententräger bekommen, dazu die Höhe der Rente.

Mehr weiß Völchert nicht. In der Antwort schildern die Rentner dann oft ihre ganze Lebensgeschichte:

"Das sind oft sehr interessante Geschichten, teilweise auch sehr emotionale und traurige Geschichten, denn nicht jedem Rentner, der im Ausland lebt, geht es immer gut. Manchmal ziehen die Rentner ganz bewusst in Regionen, die einen niedrigeren Lebensstandard haben, und meinen, da kommen sie mit einer kleinen Rente ganz gut klar."

Ein Brief in die Bergregion Argentiniens dauert manchmal vier Wochen hin und fünf Wochen zurück, erzählt Sven Völchert. Da sei es schwer, für die Rentner Fristen einzuhalten. Der Hauptabteilungsleiter geht in den Nebenraum, der Kopierer hier spuckt Hunderte und Tausende neue Anschreiben aus. Die Adressaten leben in Österreich, Schweden oder Brasilien und die Rentner dort sind von der Steuerforderung oft überrascht.

"Wir kriegen deswegen logischerweise auch viele Anträge auf Ratenzahlung, auf Stundung. Sicherlich auch Anträge, dass wir gar nicht versteuern, aber - wie gesagt - da steht eben der Grundsatz gegen, dass wir jeden Rentner auch besteuern müssen."

Sven Völchert bringt seine Briefe zur Poststelle. In den gelben Kisten liegen schon 2000 Briefe, alle im gleichen Format und warten auf den Briefträger: Post vom Finanzamt Neubrandenburg für die Rentner in aller Welt.

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