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Interview | Beitrag vom 02.09.2019

Positionsbestimmung nach den LandtagswahlenIst die AfD eine bürgerliche Partei?

Heinz Bude im Gespräch mit Julius Stucke

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Der Soziologe Heinz Bude (imago stock&people)
Der Soziologe Heinz Bude warnt: "Die AfD beschwört eine kulturelle Kampfsituation." (imago stock&people)

Die AfD bezeichnet sich gern als bürgerliche Partei. Soziologe Heinz Bude bescheinigt ihr ein Talent, sich den Anschein des Bürgerlichen zu geben, sie sei aber eine rechtspopulistische Partei. Die wahre bürgerliche Partei sei heute Bündnis90/Die Grünen.

Ein kleines Wort genügte für große Aufregung: In einer Wahlsendung im MDR fragte die Moderatorin nach einer möglichen Koalition von CDU und AfD in Sachsen – und nannte dies rechnerisch mögliche, vom CDU-Spitzenkandidaten aber vor der Wahl ausgeschlossene Bündnis, eine "bürgerliche" Zweierkoalition.

Die Kritik ließ nicht lange auf sich warten: Im Netz warf man der Moderatorin vor, die Strategie der Rechtspopulisten zu übernehmen. Diese gäben sich als bürgerlich aus, obwohl sie eigentlich am rechten Rand stünden. Doch was bedeutet es heute überhaupt,  bürgerlich zu sein? Und warum wohnt diesem Begriff eine solche Kraft inne?

Stütze der Gesellschaft

Es gab Zeiten, da stellten sich diese Fragen nicht: Eine bürgerliche Koalition bestand aus der CDU und der FDP, also den Konservativen und Liberalen, in Abgrenzung gegen das linke Lager.

Der Soziologe Heinz Bude sagt, bürgerlich habe geheißen, sich als Stütze der Gesellschaft zu sehen – im Gegensatz zu den proletarischen Parteien, die versuchten "diejenigen Leute, die sich als unterdrückt und ausgebeutet empfinden, zu organisieren."

Für Bude sind die Grünen heute die wahre bürgerliche Partei. Sie zögen ein gebildetes Publikum an, darunter auch viele Frauen. Wer grün wähle, befinde sich oft in einer guten beruflichen Position und habe nicht selten Familie. Auch eher klassische Indikatoren der Bürgerlichkeit, etwa Abitur und ein gewisses Bildungsniveau, fänden sich bei den Wählern der Grünen wieder. 

AfD bleibt rechtspopulistische Partei

Die AfD hingegen geriere sich als Partei für Recht und Ordnung, weil viele momentan das Gefühl hätten, hier gebe es eine Leerstelle. Am Ende sei sie aber keine bürgerliche, sondern eine rechtspopulistische Partei.

Bude bescheinigt der AfD allerdings ein gewisses Talent darin, sich den Anschein des Bürgerlichen zu geben: Die Partei beschwöre eine "kulturelle Kampfsituation, wo auf der einen Seite Bürgerlich-Konservative stehen und auf der anderen Seite chaotische Nicht-Bürgerliche. Damit bringen sie sich in eine Situation zu sagen: Der eigentliche Kampf in Deutschland ist zwischen der AfD und den Grünen." 

Auf diese Weise, so Bude, versuchten die Rechtspopulisten, die Auseinandersetzung in Deutschland zu ihren Gunsten zu verschieben – obwohl ein solcher Kampf in Wahrheit ein Fantasma sei.

(rod)

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