Portugals Azoren-Inseln

    Hochdruckgebiet mit Tiefgang

    22:20 Minuten
    Epischer Panorama über einen grünen Vulkankrater, in dessen Mitte sich ein See befindet
    "Wie eine andere Welt": der Blick in den Vulkan-Krater Caldeirão auf der Insel Corvo. © imago / Robert Seitz
    Von Oliver Neuroth · 07.07.2021
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    Die Azoreninseln sind der westlichste Punkt Europas. Sie haben mehr zu bieten als das Azorenhoch aus dem Wetterbericht: zwar keinen Massentourismus, aber grüne Krater und unzählige Kühe. Einmal lag sogar massenhaft Kokain am Strand – mit Folgen.
    Premiere auf São Miguel: Zum ersten Mal überhaupt ist eine Maschine von Deutschlands größter Fluggesellschaft auf der Insel gelandet, ein Linienflug aus Frankfurt. Die Flughafenfeuerwehr begrüßt den Airbus Ende Mai mit einer Wasserfontäne. Kamerateams des Regionalfernsehens haben sich auf dem Rollfeld postiert und filmen das Ereignis.

    Nach der Coronapause kommen endlich wieder Urlauber

    Endlich kommen wieder Urlauber – Besucher, die das Archipel im Atlantik nach langer Coronapause neu entdecken und Fans der Inseln, die schon mehrmals da waren.
    "Uns reizt auf den Azoren natürlich die Natur. Das Essen ist fantastisch, wir haben ja fast die komplette Rinderzucht Portugals auf den Azoren. Die Menschen sind etwas lockerer, entspannter, entschleunigt. Als Reiseziel für Urlauber, die gerne wandern und auch ökologisch etwas versiert sind, passen die Azoren optimal."
    Blick von oben auf eine Stadt am Meer.
    Gute Aussichten dank dem Azorenhoch: Die Stadt Horta und ihr Jachthafen liegen am Südostufer der Insel Faial.© Oliver Neuroth, ARD-Studio Madrid
    Die Azoren: Das sind neun Inseln mitten im Atlantik, der portugiesische Außenposten auf dem Weg nach Amerika. Sämtliche Inseln sind vulkanischen Ursprungs und doch sehen sie alle anders aus, haben ihren eigenen Charakter. Auch der höchste Berg Portugals befindet sich auf den Azoren: der 2.350 Meter hohe Pico auf der gleichnamigen Insel.

    Das Azorenhoch im Wetterbericht

    Die Landschaften leuchten in einem saftigen Grün, die Pflanzenwelt ist üppig – dank des milden Klimas und des Azorenhochs, das immer mal wieder aufzieht. Es bestimmt nicht nur das Wetter auf dem Archipel, sondern auch auf dem europäischen Festland.
    Rita Mota vom staatlichen meteorologischen Institut in Ponta Delgada erklärt, was es mit dem berühmten Hochdruckgebiet aus dem Wetterbericht auf sich hat:
    "Wenn sich das Hoch über den Azoren weit nach Norden ausdehnt, dann kommen die Polarfronten nicht daran vorbei. Das Hoch blockiert sie. Das bedeutet: weniger Niederschlag für den europäischen Kontinent. Natürlich hat das auch hier auf den Azoren Konsequenzen: weniger Regen und höhere Temperaturen."
    Zwischen zwei Bergen geht es durch eine grüne Landschaft steil hinunter zum Meer.
    Die Steilküste von Faial: Die Azoren sind der westlichste Punkt Europas. Man nennt sie auch Portugals Wilden Westen.© Oliver Neuroth, ARD-Studio Madrid
    Das Klima auf den Inseln nennt die Expertin "ozeanisch-subtropisch". Konkret heißt das: Die Temperaturen schwanken über das Jahr nur wenig. Im Schnitt wird es im Winter tagsüber 17 Grad warm, im Sommer etwa 25. Allerdings regnet es häufig. Weil die Azoren quasi ungeschützt im Ozean liegen, weht fast immer ein strammer Wind. Was der ein oder andere Urlauber vielleicht unangenehm findet, ist für andere ein Muss.
    Für Robin Kenny zum Beispiel. Der Brite ist professioneller Segler und überführt Segelschiffe quer über die Weltmeere. Heute ist es eine Zwölf-Meter-Jacht, die Robin mit seinem Team von der Karibikinsel St. Lucia nach England bringt. Die Azoren sind ein klassischer Zwischenstopp. Bis hierher hat die Crew 17 Tage gebraucht.
    "Es ging ganz gut los, doch dann kamen wir in einen Sturm mit kräftig Gegenwind, der uns natürlich ganz schön ausgebremst hat. Wir hätten es vielleicht in 15 Tagen geschafft, aber 17 ist auch noch gut."
    Ein älterer Mann mit blauem Pulli steht vor einer Segel-Yacht am Ufer, auf der eine Crew arbeitet.
    Zwischenstopp auf den Azoren: Der britische Skipper Robin Kenny segelt von der Karibikinsel St. Lucia nach England.© Oliver Neuroth, ARD-Studio Madrid
    Etwa zwölf Tage sind es noch bis zum englischen Brighton. Aber erst einmal stehen ein paar Ruhetage auf der Insel Faial an.
    "Die Insel liegt quasi auf unserer Route, der Wind weht einen immer hierher. Ein Halt ergibt also absolut Sinn, auch um unsere Wassertanks aufzufüllen, frisches Essen an Bord zu laden und nachzutanken. Außerdem kann man hier Teile vom Schiff reparieren lassen, die eventuell kaputt gegangen sind auf der Überfahrt."

    "Ein gutes, großes Gefühl"

    Jakob Fleischmann kommt das bekannt vor. Auch er hat schon einmal einen Trip quer über den Atlantik gemacht – mit einem Segelboot von den Britischen Jungferninseln via Azoren nach Hamburg. Das bedeutet: tagelang nur Wasser sehen und den Klang der Wellen hören.
    "Wenn man sich darüber Gedanken macht und hier nachts Wache geht, also am Ruder steht und man nichts sieht, es ist nur schwarz. Man sieht fluoreszierende Wellenkämme mit Plankton. Es rauscht, man sieht Wellen brechen – oder man hört es hinter sich, sieht es aber nicht.
    Bis zur Reling sieht man etwas, dahinter nichts mehr. Dann guckt man unten in der Navigation und sieht, dass es 1.200 Meilen nach hinten und 1.200 Meilen nach vorne sind und es hilft einem keiner. Das ist ein gutes Gefühl, ein großes Gefühl."

    Post bitte an die Adresse "Postlagernd Atlantik"

    So gut wie alle Segler zieht es in das Peter Café Sport. Das blau-weiß gestrichene Haus kennt jeder auf Faial. Das Café ist eine Institution für Seefahrer. Die Wände und Decken des Lokals hängen voll mit Fahnen und Wimpeln von Booten, deren Besatzungen hier schon eingekehrt sind.
    José Azevedo hat das Lokal von seinem Großvater übernommen.
    Ein blau-weiß gestrichenes Gebäude am Ende einer Reihe von Gebäuden von außen.
    Seglertreffpunkt auf Faial: das Peter Café Sport. Dort findet sich auch ein Walfangmuseum.© Oliver Neuroth, ARD-Studio Madrid
    "Von Beginn an haben wir uns um die Segler gekümmert, die mit ihren Schiffen hier ankamen. Wir haben ihnen Geld gewechselt und ihnen gesagt, wo sie Material und Hilfe für eine Bootsreparatur bekommen.
    Ganz wichtig war auch die Post: wir sind die Adresse ‚Postlagernd Atlantik‘ geworden. Familien und Freunde schicken Briefe und Geburtstagsgeschenke zu uns, wenn jemand unterwegs ist. Das ist bis heute so."
    Ein Raum mit Tischen und Stühlen und Touristen an der Kasse. Wände und Decke sind voll mit bunten Wimpeln und Fahnen.
    Jedes Boot lässt eine Fahne hier: Peters Café Sport auf der Azoren-Insel Faial ist eine Institution für Seefahrer.© Oliver Neuroth, ARD-Studio Madrid
    Hinter dem Tresen führt eine schmale Treppe hinauf zum Heiligtum des Peter Café Sport: zum kleinen Museum auf dem Dachboden. Der Urgroßvater von José hat es gegründet, ausgestellt sind Scrinshaw-Kunstwerke: bemalte Knochen und Zähne von Walen.

    Viele lebten hier einst vom Walfang

    Sie stammen aus der Zeit, als viele Menschen auf den Azoren noch vom Walfang lebten. Vor allem der Tran der Wale war beliebt und wertvoll. Aus ihm wurden Margarine oder auch Nitroglycerin gemacht.
    Große Walzähne mit gezeichneten schwarz-weiß Porträts und aufgestellt auf Sockeln.
    Bemalte Walzähne im Museum auf Faial: Seit Mitte der Achtzigerjahre werden vor den Azoren keine Wale mehr gejagt.© Oliver Neuroth, ARD-Studio Madrid
    José zeigt stolz auf die Walzähne, die für ihn persönlich die Wichtigsten sind: Die Gesichter seiner Vorfahren sind darauf gezeichnet. Auf einem Zahn ist auch sein Gesicht.
    "Wir haben hier 1.300 bemalte Walzähne. Die Sammlung ist die größte der Welt. Anfangs haben die Walfänger selbst diese Kunstwerke erstellt, allerdings eher mit grober Hand, nicht so filigran.
    Erst als die Künstler auf den Inseln anfingen, die Walzähne zu bearbeiten, wurde ernstzunehmende Kunst daraus. Wir entschieden, sie hier bei uns auszustellen."
    Ein Mann mit grauen Haaren und gauem Bart steht neben einer Sammlung von bemalten Walfischzähnen auf einer Kommode.
    José Azevedo, der Besitzer des Peter Café Sport auf Faial: "Mit 1.300 bemalten Walzähnen die größte Sammlung der Welt."© Oliver Neuroth, ARD-Studio Madrid
    Seit Mitte der Achtzigerjahre werden vor den Azoren keine Wale mehr gejagt. Außer Josés Museum erinnert auf der Insel Faial auch nicht mehr viel an diese Tradition.

    Ein Erdbeben zerstörte zahlreiche Häuser

    Heute leben die Menschen hauptsächlich von der Landwirtschaft, der Fischerei und vom Tourismus und das anscheinend nicht schlecht: Wer mit dem Auto Faial umrundet – eine Fahrt von etwa einer Stunde – sieht hübsche, gepflegte Häuser mit schönen Anwesen, die einen gewissen Wohlstand vermitteln.
    Doch die Geschichte dahinter ist eher traurig, wie José erzählt.
    "1998 gab es hier auf Faial ein schweres Erdbeben, bei dem siebzig Prozent der Häuser beschädigt wurden. Viele wurden komplett zerstört. Es kam Wiederaufbauhilfe aus Portugal und auch von der EU in Brüssel. Deshalb ist der Wohnungsbestand jetzt sehr gut."

    Vulkanausbrüche in den Fünfzigern

    Das Erdbeben war nicht die einzige Naturkatastrophe, die Faial heimgesucht hat: Zwischen 1957 und 1958 brach gleich drei Mal der Vulkan Capelinhos aus.
    Durch die Lavamassen entstand eine neue Insel im Meer, direkt vor Faial. Es dauerte einige Wochen und die beiden Inseln verbanden sich. Seitdem ist Faial auf ihrer westlichen Seite 2,4 km² größer. Die Bewohner konnten sich vor den Vulkanausbrüchen in Sicherheit bringen, doch viele verloren ihr Hab und Gut.
    Eine schwarze hügelige Vulkanlandschaft ohne Vegetation am Meer.
    Die Azoren sind die Spitzen eines gewaltigen Vulkangebirges. Hier zu sehen: die neu entstandenen Teile der Insel Faial nach den Vulkanausbrüchen.© Oliver Neuroth, ARD-Studio Madrid
    Zum Beispiel Olivia Faria: Sie hat die Ausbrüche damals als junge Frau miterlebt.
    "Als die Explosionen kamen, sah das aus wie Watte am Himmel. Das wirkte erst mal schön. Schlimm wurde es erst, als der Vulkan Sand und Steine heraus schleuderte. Gefährlich war das für uns. Die Luft war voller Asche und die hat alles verbrannt: Das Grün der Bäume verschwand, alles war schwarz."
    Noch heute sind Spuren zu sehen: Reste von Häusern, die von Lava und Asche zerstört wurden. Viele der Bewohner verließen Faial Ende der Fünfzigerjahre und versuchten, sich auf der anderen Seite des Atlantiks ein neues Leben aufzubauen – in Amerika.

    Viele haben die Insel verlassen

    Migration ist bis heute ein großes Thema auf den Azoren. In den vergangenen 60 Jahren haben mehr als 180.000 Menschen die Inselgruppe verlassen und sind in die USA oder nach Kanada gezogen. Früher wurden viele von amerikanischen Walfangflotten abgeworben. Heute ist es die Aussicht auf mehr und bessere Arbeitsplätze, die Menschen von den Azoren weiter in den Westen treibt.
    Viele seiner Bekannten seien nach Nordamerika gegangen, erzählt Francisco. Er selbst hat auch für ein paar Jahre in Kalifornien gelebt.
    Aber er sei lieber wieder zurückgekehrt auf die Azoren. Der 58-Jährige steht mit einer Schaufel in der Hand im Garten seines Hauses auf der Insel Flores. Sie ist die westlichste des Archipels. Das Leben sei hier sehr ruhig und entspannt, sagt Francisco. Die milden Temperaturen und der Regen sorgten dafür, dass das Gemüse in seinem Garten perfekt gedeihe.
    "Ich baue süßen Mais an. Sonnenblumen stehen hier auch. Außerdem Bohnen, grüne Bohnen. Alles wächst hier sehr gut."

    Spektakuläre Natur

    Von Flores aus sind es gut 3.500 Kilometer Luftlinie nach New York und knapp 2.000 zum europäischen Festland. Offiziell liegt Flores schon auf der nordamerikanischen Erdplatte. Politisch gehört die Insel aber zu Portugal, ist damit also noch Europa.
    Wer mit der Fähre im Ort Lajes das Flores ankommt, sieht gleich ein großes Schild mit dem Schriftzug: "Willkommen im westlichsten Landkreis Europas." Rund 3.700 Menschen leben auf der Insel, die als die grünste der Azoren gilt. Das Wort "Flores" bedeutet "Blumen". Die blühen hier angeblich noch schöner als auf den anderen Inseln.
    Besucher lieben Flores wegen der spektakulären Natur: in der Nähe von Fajãzinha stürzen Wasserfälle rund 300 Meter in die Tiefe. Flores teilt sich den Titel des westlichsten Punkts Europas mit der Nachbarinsel Corvo. Wer die besuchen möchte, sollte vor allem einen stabilen Magen haben.

    Von der Außenwelt abgeschnitten bei schlechtem Wetter

    Wegen ihrer Lage, frei im Atlantik, weht praktisch immer ein sehr kräftiger Wind rund um Corvo. Der Anflug mit der kleinen Propellermaschine ist daher ganz schön wackelig.
    Nach dem Aufsetzen folgt eine Vollbremsung, denn die Piste ist nur 800 Meter lang. Flughafenchef Marco da Silva steht persönlich auf dem Rollfeld und lotst die gelandete Maschine zur Parkposition vor dem Terminal, das eher die Größe eines Bushaltestellenhäuschens hat.
    "Der Flughafen ist für Corvo sehr wichtig. Denn selbst wenn ein starker Wind weht, können Flugzeuge in der Regel starten und landen. Auf dem Meer sieht das anders aus: Bei hohem Wellengang können keine Schiffe fahren. Wir sind schließlich in der Mitte des Atlantiks. Gerade im Winter ist das Meer wild. Manchmal kann einen Monat lang kein Schiff bei uns an- oder ablegen."
    Ein Mann mit gelber Signaljacke und Mundschutz steht auf dem Flughafenfeld. Im Hintergrund ein Flugzeug.
    Ohne Flughafen geht es hier nicht: Marco da Silva, Flughafenchef auf der Azoreninselin Corvo.© Oliver Neuroth, ARD-Studio Madrid
    Marco hat auch schon so schlechtes Wetter erlebt, dass fünf Tage lang kein Flugzeug starten und landen konnte. Die Menschen auf Corvo sind dann komplett von der Außenwelt abgeschnitten.
    "Darauf muss man sich vorbereiten, auch psychisch, und zu Hause alles Notwendige vorrätig haben. Der Flughafen stellt so etwas wie die Infrastruktur zum Überleben dar."
    Denn auch Lebensmittel und die Post kommen mit dem Flugzeug auf die Insel. Im Winter drei Mal pro Woche, im Sommer fünfmal.

    Ein knallgrüner Vulkankrater

    Bei so wenig Kontakt nach außen läuft das Leben auf Corvo entsprechend unaufgeregt und langsam ab. Es gibt ein einziges Dorf, Vila do Corvo, in dem 400 Menschen wohnen. Die etwa doppelt so vielen Kühe weiden auf der ganzen Insel, viele auch in der einzigen Sehenswürdigkeit: im etwa zwei Kilometer breiten Krater des erloschenen Vulkans.
    Eine Kuh grast friedlich auf einer grünen Wiese am Rande eines Kraters.
    Gleichstand: Auf den Azoren gibt es ungefähr so viele Kühe wie Einwohner - etwa 245.000. Hier eine Kuh auf Corvo.© Oliver Neuroth, ARD-Studio Madrid
    Was nach jeder Menge Steinen und Asche klingt, strahlt auf Corvo so grün, wie man es sich kaum vorstellen kann: überall wächst saftiges Gras und lässt den Krater zum Foto-Highlight der Insel werden. Urlauber José ist überwältigt von diesem Anblick.
    "Die Caldera hier auf Corvo ist beeindruckender als die auf den anderen Inseln, weil sie wahrscheinlich am größten ist. Es gibt Kühe, Hügel, Seen – wie eine andere Welt."

    Auf den Azoren sind mehr Milchbauern als auf dem Festland

    Dass selbst in den entlegensten Ecken der Azoren Kühe weiden, hat mit dem Wirtschaftsmodell der Inselgruppe zu tun. Es ist seit Jahren auf die Vieh- und Milchproduktion fokussiert. Mehr als die Hälfte der Inselflächen wird landwirtschaftlich genutzt. Auf den Azoren gibt es ungefähr so viele Kühe wie Einwohner: etwa 245.000. Die meisten sind Milchkühe.
    Etwa 2.300 Bauern auf den Inseln produzieren Milch, auf dem portugiesischen Festland sind es nur rund 2.000. Der wichtigste Markt für Milchprodukte von den Azoren liegt daher auf dem Kontinent.
    Während die Gebiete im Inneren der Inseln von der Landwirtschaft leben, sind es an der Küste die Schätze des Meers. Im Norden von São Miguel verrät schon der Name einer Ortschaft, wo die Haupteinnahmequelle liegt: "Rabo de Peixe", "Schwanz des Fisches".
    Das Geschäft mit dem Fischfang läuft einigermaßen rund, doch auch der Atlantik ist überfischt. Die Zeiten waren schon einmal besser.

    Mit einem Mal war Kokain am Strand

    Ziemlich genau vor zwanzig Jahren zum Beispiel. Damals wurden viele der rund 9.000 Bewohner über Nacht reich. Andere erlebten einen Absturz, als im Juni 2001 Unmengen Kokain an einen Strand des Orts gespült wurden.
    Alvaro Correia erinnert sich genau. Er war damals Ende 20 und – wie so oft – mit einem Fischerboot rausgefahren. Ein paar Kilometer vor der Nordküste sah Alvaro plötzlich weiße Päckchen im Meer schwimmen. Sie waren so groß wie drei oder vier nebeneinander gelegte Backsteine, sagt er. Ihm dämmerte schon, was es sein könnte und rührte die Pakete nicht an.
    Zwei weiße Kokainlinien und ein Geldschein.
    Im Juni 2001 schwemmte das Meer Kokain im Schwarzmarktwert von rund 40 Millionen Euro an den Strand.© picture alliance / Romain Fellens
    Der starke Nordwind habe die Päckchen schließlich an die Küste gespült. Einige der Bewohner sammelten sie auf. Doch die meisten hatten keine Ahnung, was sich darin befand, dass es reines Kokain war.
    "Ich weiß noch, wie manche Leute im Ort Wassergläser mit dem Kokain befüllt und sie für 25 Euro das Stück verkauft haben. Einige dachten auch, es sei Mehl. Sie hatten noch nie im Leben Drogen gesehen."

    Mancher Dorfbewohner wurde zum Dealer

    Bis heute machen Legenden die Runde: Leute hätten ihren Fisch in Kokain paniert oder anstatt Zucker morgens einen Löffel in den Kaffee geführt. Was davon stimmt, weiß niemand so genau.
    "Zuerst wurde Kokain zu lächerlichen Preisen in Gläsern verkauft. Kaum einer wusste, welchen Wert das Kokain wirklich hatte. Danach hat sich die Situation umgekehrt."
    So mancher Bewohner von Rabo de Peixe sei zum Profidealer geworden, sagt João Oliveira von der Polizei der Azoren. Die Drogen stammten von einem Schiff, einer Segeljacht. Sie hatte mehr als 500 Kilo Kokain mit einem Schwarzmarktwert von rund 40 Millionen Euro geladen.

    Heiße Ware über Bord

    Das Schiff war auf dem Weg von Venezuela auf die Balearen gewesen und geriet auf dem Atlantik in ein Unwetter. Teile der Jacht gingen kaputt, sie wurde manövrierunfähig. Dem Kapitän war schnell klar, dass er mit den Drogen niemals in einen Hafen von São Miguel einlaufen konnte, um das Schiff reparieren zu lassen. Nordwestlich der Azoreninseln entschied er sich deshalb, den Großteil der heißen Ware über Bord zu werfen.
    Das Leben in Rabo de Peixe stellte sich dadurch von einen auf den anderen Tag völlig auf den Kopf. Der Drogenrausch endete nicht selten auch im Krankenhaus, erzählte die Notaufnahmeschwester Luisa Cunha damals im portugiesischen Fernsehen.
    "Bei uns werden immer mehr Menschen mit einer Überdosis eingeliefert. An einem Wochenende waren es neun Patienten, die zu uns in die Notaufnahme kamen. Zwei von ihnen hatten zu viel Kokain genommen, die anderen konnten nicht erklären, um welche Droge es sich gehandelt hat."

    "Viele Leute bereicherten sich auf Kosten der Armen"

    Rabo de Peixe war damals und ist bis heute ein sozialer Brennpunkt auf São Miguel. Mit den Drogen begann sich die Gesellschaft noch weiter zu spalten, erinnert sich dieser Bewohner.
    "Eine Generation im Ort hatte unter ihren Lebensumständen zu leiden. Eine andere Generation schwamm plötzlich im Geld. Auch sie hatte vorher nichts im Leben – heute läuft sie mit Krawatte herum."
    "Viele Leute bereicherten sich auf Kosten der armen Menschen. Einige davon wurden auch von der Polizei erwischt und kamen ins Gefängnis. Es war einfach so unfassbar viel Kokain, das an die Küste gespült wurde", sagt Alvaro.

    Die Zahl der Drogenabhängigen steigt

    Offen sprechen wollen Gewinner und Verlierer des Drogenrauschs nicht. Die Kokaindealer von Rabo de Peixe wurden zu fünf Jahren Gefängnis verurteilt. Der Kapitän der Segeljacht, von der die Unmengen Drogen stammten, zu elf Jahren.
    Kurz nach seiner Festnahme brach er gleich aus dem Gefängnis der Inselhauptstadt Ponta Delgada aus. Gut zwei Wochen war der Mann auf der Flucht, dann fasste ihn die Polizei wieder. Seine Haftstrafe saß der Dealer schließlich in einem Gefängnis auf dem portugiesischen Festland ab.
    Unklar bleibt, inwieweit der Vorfall vor zwanzig Jahren den Drogenkonsum auf den Azoren nachhaltig beeinflusst hat. Offizielle Statistiken legen einen Zusammenhang nahe: Demnach stieg die Zahl der Drogenabhängigen seit 2001 stetig an. Ein Höchstwert wurde 2017 erreicht.
    Suzete Frias, Direktorin für staatliche Präventionsprogramme auf den Azoren im Sender Sic:
    "Es gab damals Leute, die noch nie Drogen konsumiert hatten und dann anfingen, mit Kokain zu experimentieren. Andere hatten schon Erfahrung mit Drogen, waren zum Beispiel heroinabhängig. Sie nahmen dann zusätzlich Kokain. Wir können aber keinen Kausalzusammenhang herstellen zwischen der höheren Zahl Abhängiger und der Tatsache, dass ein Schmuggler die Insel mit Kokain quasi bombardiert hat. Einige Menschen experimentieren mit Drogen und werden abhängig – andere experimentieren und werden es nicht."
    Bis heute verteilen die Behörden Methadon an Abhängige auf der Insel – als Ersatzstoff für harte Drogen wie Kokain.
    "Es gibt ohne Zweifel ein Drogenproblem auf den Azoren. Aber wir versuchen, dagegen anzukämpfen. Doch was auch zur Wahrheit gehört: Wir leben nicht in einer Idealwelt und werden nicht erreichen, dass niemand mehr auf den Inseln Drogen konsumiert."

    Die Azoren als wichtiger Zwischenstopp für Drogenkuriere

    Die Azoren sind immer noch ein wichtiger Zwischenstopp für Drogenkuriere auf ihrem Weg von Südamerika nach Europa. Immer wieder findet die Polizei Rauschgift in Schiffen, die in den Häfen des Archipels anlegen. Die Geschichte der Kokain-Jacht und der Drogenschwemme vor zwanzig Jahren liege bis heute wie ein Fluch über dem Ort Rabo de Peixe, meint Alvaro Correia. Die Ereignisse, die im Juni 2001 ihren Lauf nahmen, hätten das Klima in dem Städtchen vergiftet.
    "Die Drogen waren eine Geißel und haben dem Ort nur Schlechtes gebracht."

    Die Kokain-Geschichte bald als Serie im Fernsehen?

    Alvaros Sohn Ruben möchte die Drogengeschichte dagegen als Chance nutzen: Er schreibt gerade an einem Buch über den Fall, einem Roman nach wahrer Begebenheit. Mehr will Ruben über sein Projekt im Moment nicht verraten. Nur so viel: als nächsten Schritt plant er, den Kokainrausch in seiner Heimatstadt als Serie ins Fernsehen und ins Internet bringen.
    Ob das allerdings eine Werbung für Azoren wäre, sei einmal dahingestellt. Aber Urlaubermassen wollen die neun Inseln im Atlantik sowieso nicht anziehen. Eher Liebhaber der Naturschönheiten, die so in Europa kein zweites Mal zu finden sein dürften.
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