Porträt

Stadionrocker und Pfefferminz-Prinz

Keine großen Stadien mehr: Marius Müller-Westernhagen bei einem Konzert im Jahr 2005 © AP Archiv
Von Tarik Ahmia  · 06.12.2013
Ob als Rockstar, der Stadien füllt, oder als Schauspieler auf der Leinwand: Seine Talente lebt Marius Müller-Westernhagen stets mit Konsequenz und Leidenschaft aus. Am Freitag wird er 65 Jahre alt.
Von der "Rolling Stones" Kopie zu einem der erfolgreichsten deutschen Rockstars: Auch wenn Marius Müller-Westernhagen gerade in seinen Anfangsjahren gerne mit dem Gestus des Underdog spielte, hatte er in seinem Leben oft die Wahl. Eigentlich wurde dem Sohn des Gründgens-Schauspielers Hans Müller-Westernhagen das Theater in die Wiege gelegt. Mit 14 stand Marius zum ersten Mal vor der Kamera. Doch die Leidenschaft für den Rock’n’Roll hatte ihn schon früh angesteckt.
"Meine Generation ist groß geworden mit amerikanischer Musik, weil wir als Nachkriegsgeneration keine eigene musikalische Identität hatte. Es gab Schlager und das fanden wir unglaublich blöd."
Schon als Teenager in Düsseldorf wird Westernhagen mit seiner Band "Harakiri Whoom" zur lokalen Berühmtheit. Mit Anfang 20, nach dem Ender der Gruppe, lockt ihn Hamburgs lebendige Musikszene an. Westernhagen landet in einer außergewöhnlichen Wohngemeinschaft – die Künstlervilla "Kunterbunt".
Ich wohnte da nie fest, sondern ich schlief immer in dem Zimmer von dem der gerade verreist war. Manchmal war gar nichts frei. Da gabs dann eine Kammer unterm Dach mit einer Matratze, da waren so alte Zeitungen drauf. Wenn ich Pech hatte, waren sie alle zu Hause.
Seine Mitbewohner sind unter anderem Udo Lindenberg und Otto Waalkes.
"Das war sehr schön es war eine prima Zeit."
"Wir waren gut befreundet. Er konnte mit wahnsinniger Power die Small Faces und Stones interpretieren."
"Wir sind damals oft rumgefahren. Otto war oft crazy. Wir sind dann abends in Clubs gezogen und er hatte dann schon seine Gitarre und sagte: Komm, wir spielen Blues. Ich spiele Gitarre und Du singst und dann kriegen wir umsonst zu trinken."
Ein riesiger Erfolg: "Theo gegen den Rest der Welt"
Mitte der 70er Jahre unterzeichnet Westernhagen seinen ersten Plattenvertrag. Doch die ersten drei Alben werden zum Flop. Er lebt hauptsächlich von seiner Arbeit als Schauspieler, ein Fach, in dem er immer mehr gefragt ist. Etwa in der Krimi-Serie "Tatort". 1978 findet Westernhagen in dem Produzenten Lothar Meith einen kongenialen Partner. Album Nummer vier beschert den lang ersehnten musikalischen Durchbruch. Das Album "Mit Pfefferminz bin ich Dein Prinz" macht Westernhagen zum Inbegriff eines neuen Typus im deutschsprachigen Rock: ein nachdenklicher, intelligenter, aber auch provozierender Sänger.
"Das Radio boykottierte die Platte. Erst recht das Fernsehen, weil es für die Zeit Texte waren, die damals höchst provokativ waren. Heute denkt man: whats the big deal?"
Auf der Bühne ist Marius Müller-Westernhagen in seinem Element. Der Funken springt aufs Publikum über. Die Musik betreibt er mit der gleichen Leidenschaft wie die Schauspielerei.
"Das Talent eines guten Schauspielers oder Sängers ist, das er jederzeit Zugriff zu seinen Gefühlen hat. Es muss wirklich empfunden werden. Auf der anderen Seite musst Du auch die Distanz haben, einen Schritt zurückzutreten. Und so wird es auch zu einer künstlerischen Handlung."
Das Album verkauft sich mehr als eine Million Mal. Zwei Jahre später feuert ein Kinofilm die "Müller-Mania" an. "Theo gegen den Rest der Welt" wird zum bis dahin erfolgreichsten Film in der Geschichte der Bundesrepublik. Mit der Musik geht es nur schleppend voran. Der coole Zeitgeist der 80er Jahre passt nicht zu Westernhagen. Die Plattenverkäufe gehen zurück. Und obwohl er zu den begehrtesten Darstellern des deutschen Films gehört, hängt er die Schauspielerei 1987 an den Nagel. Ruhm allein lockt ihn nicht mehr.
"Erfolg ist wie eine Hure"
"Ich wollte nach London, ich wollte eine neue Herausforderung, ich wollte mit Musikern arbeiten. Und da war sehr viel Koks im Studio. Also Schwierigkeiten auf allen Ebenen. Erfolg ist wie eine Hure. Sie gaukelt Dir Liebe vor, aber am Ende musst Du sie bezahlen."
Stabilität kehrt erst wieder ein, als Westernhagen die Amerikanierin Romney Williams kennenlernt. Sie heiraten 1988. Aus dem notorischen Frauenhelden wird ein fürsorglicher Ehemann. Die Beziehung hält seit einem Viertel Jahrhundert. Auch künstlerisch geht es nach der Hochzeit wieder bergauf. Das Album "Halleluja" steigt 1989 auf Platz eins der Album Charts ein. Ausverkaufte, immer gigantischere Touren prägen Westerhagens Karriere in den 90er-Jahren. Seine Alben werden teils schon zum Erscheinen mit Platin ausgezeichnet. Die Auftritte füllen Stadien. Allein die Bühne wiegt 570 Tonnen. Die Soundanlage leistet 200.000 Watt. Ende der 90er hat der Rock’n’Roller genug vom Gigantismus.
"Im Endeffekt ist es eine riesig große Wagneroper, die ihren Heldentenor braucht und je größer die Show ist, desto größer wird für die Leute dieses Bild."
Marius Müller-Westernhagen ist klug genug, sich dem Höhenrausch zu entziehen. Er sagt sich von seiner Plattenfirma los und taucht für ein paar Jahre ins Privatleben ab. Seine Alben verkaufen sich danach nicht mehr millionenfach, sondern "nur" noch hunderttausendmal. Konzerte spielt er in Hallen und nicht mehr in Stadien und er scheint mit sich im Reinen zu sein. Ein Künstler, der tut, was er will. Ganz unabhängig davon, wie alt er ist.
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