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Fazit / Archiv | Beitrag vom 29.10.2008

Pop trifft Behutsamkeit

Neue Nationalgalerie Berlin zeigt Arbeiten von Paul Klee und Jeff Koons

Von Barbara Wiegand

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Jeff Koons posiert in der Ausstellung vor seiner Skulptur "Cat On A Clothesline". (AP)
Jeff Koons posiert in der Ausstellung vor seiner Skulptur "Cat On A Clothesline". (AP)

In der Reihe "Kult des Künstlers" sind ab 31. Oktober in einer Doppelausstellung der Neuen Nationalgalerie die Werke zwei sehr unterschiedlicher Künstler zu sehen. Während Jeff Koons Trash und Kitsch zur Kunst verhilft, war Paul Klee ein Meister der feinen Zeichnung und des behutsamen Pinselstrichs.

Ja, der Mann ist zweifellos Kult, so wie er – von Fotografen umringt – seinen Auftritt hat in der Neuen Nationalgalerie. Jeff Koons ist Kult, weil er sich selbst so smart und glatt zu inszenieren weiß und weil er dem Trash und Kitsch aus unserem alltäglichen Leben zu einem glänzenden Auftritt in der Kunstwelt verhilft.

Jeff Koons: Hanging Heart Violet !Nur mit Ausstellung Neue Nationalgalerie Berlin Jeff Koons bis 8.3.09!Die wurstigen, übergroßen Hunde, die aus edelstem Stahl den schnöden Schlangenluftballonspielzeugen nachgeformt sind, die Herzen mit Schleifchen, die Tulpen und Kätzchen, sie sind jetzt auch in der Neuen Nationalgalerie ausgestellt. Schon von außen nicht zu übersehen, im Obergeschoss des Mies van der Rohe Baus. Es sind Werke aus Koons Serie "Celebration", die sich einmal mehr an der glatten Oberfläche des Seins bewegen.

" Also ich finde nicht, dass mein Werk nur oberflächlich ist. In meinen Arbeiten geht es durchaus um tiefer gehende Dinge. Um Philosophie, um Psychologie. Es geht mir auch um das Verhältnis von innen und außen – ich will das, was unter der Oberfläche verborgen ist, hervorholen. "

Den Tiefgang, den man trotz dieser Beteuerungen in den kurzfristig imponierenden und langfristig banalen Werken vermissen mag, den findet man ein Stockwerk tiefer im so wundersamen wie wunderbaren "Universum Klee". Unter der Dachmarke "Kult des Künstlers" wurde hier eine schon lange geplante Ausstellung verwirklicht. Mit 250 teils hochkarätigen internationalen Leihgaben und Werken aus dem Berliner Museum Berggruen liefert die Schau einen selten so gesehenen, umfassenden Einblick in die Bilderwelten des Künstlers. Nicht chronologisch, sondern nach Themen geordnet, sind Zeichnungen, Aquarelle und Ölbilder aus verschiedensten Schaffensperioden nebeneinander gehängt.

Kurator Dieter Scholz: " Es ist ein Durchgang durch das Leben von der Geburt bis zum Tod. Mit den verschiedenen Stationen des menschlichen Lebens, aber auch mit kulturellen Hervorbringungen, wie der Musik, der Architektur, der Schrift. Auf der anderen Seite stehen dann die Welten der Tiere und der Natur mit Landschaftsbildern und Pflanzendarstellungen. "

So besteht das Universum Klee aus feinen Zeichnungen, wie der des Seiltänzers, in denen der Künstler versponnenen Linien ihren spielerischen Lauf lässt, während die Striche in dem Aquarell Fliegersturz zu herabstoßenden Pfeilen und Raubvögeln werden. Es gibt den Engel, der mit Flügeln aber auch Krallen statt Füßen ausgestattet zur tragischen Figur wird, die Stadt, die mit ihrer kastigen Architektur trotz gleißenden Mondlichts frösteln macht. Aber auch ein fantastischer Humor zeichnet Klee aus, wenn er in dem Bild "Uhrpflanzen" nichts anderes zeigt als Blumen mit Ziffernblättern als Blüten.

Eine Vielseitigkeit, die in der Fülle kaum zu erfassen ist beim ersten Rundgang. Die klar macht, warum die Faszination der Werke des 1940 verstorbenen Künstlers so schwer zu beschreiben ist. Ihre poetische Abgehobenheit, die stille Heiterkeit und tiefgehende Hintergründigkeit.

Nochmals Dieter Scholz: " Klee hat zum einen sich selber dargestellt als eine Person, die mit geschlossenen Augen in sich selber hineinhorcht. Getreu seiner Maxime: Kunst stellt nicht das sichtbare dar, sondern macht sichtbar. Und auf der anderen Seite finden sie eine Handpuppe, die er für seinen Sohn Felix gemacht hat und dort hat er sich mit weit aufgerissenen Augen dargestellt. Und hat auf das Sehorgan Auge hingewiesen. Das sind Polaritäten, das Extrovertierte, das Introvertierte, die Sicht nach außen und nach innen, die bei ihm immer wieder zusammen gehen. "

So ist man noch tief beeindruckt vom Kleeschen Kosmos, wenn man, zurückgekehrt ins Obergeschoss, Jeff Koons leuchtend roten Ballonhund erblickt – und erstaunt feststellt, wie verschieden doch das ist, was man unter dem Kult des Künstlers verstehen kann. Koons und Klee – das geht nicht gut zusammen.

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