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Fazit / Archiv | Beitrag vom 19.07.2014

Pop-Künstler Richard Prince in BregenzFetische des Alltags

Wenn das Kopieren zur Kunstform wird

Von Astrid Mayerle

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(picture alliance / dpa)
In der Richard Prince-Ausstellung in Bregenz geht es um Männerfantasien. (picture alliance / dpa)

Copy & paste gehört heute für viele zum Alltag. Mit zwei Klicks werden Bilder, Texte oder Musik vervielfältigt und weiter geschickt. Dieses Prinzip hat der amerikanische Pop-Künstler Richard Prince bereits in den 1970er-Jahren für sich entdeckt - als künstlerische Strategie.

"Richard Prince spielt gerne mit Klischees, das Klischee des schnellen Autos, des amerikanischen Straßenkreuzers und das Klischees der Rockerbraut, die er auf dieses Auto aufgedruckt hat. Diese Bräute, die sich wie eine zweite Haut um den Chevrolet (...) schmiegen - Richard Prince ist sich bewusst, dass es gerade Klischees sind, die den amerikanischen Mythos stark definieren."

Auf Heck, Front, Türen und sogar dem Dach der Karosse räkeln sich acht junge Frauen in Hotpants, Bikinis, Netzstrümpfen oder auch mit völlig entblößten Brüsten. Sicher ist es die plakativste Arbeit der Schau im Kunsthaus Bregenz, denn sofort ist klar, wovon sie erzählt: von Männerfantasien, Frauenbildern, Begehren und Sehnsüchten.

"Ich glaube, ihm gefällt auch, dass diese unmittelbare schnelle Lesart so funktioniert und keinen kalt lässt. Jeder, der sich davor stellt, - entweder als feministische Reaktion - , ist empört oder jemand muss schmunzeln. Sie lässt einen nicht kalt diese Arbeit und das ist etwas, das Richard Prince sehr interessiert."

Von Ready-Made zu Ready-Fake

Den Mittelpunkt jedes Stockwerks des Kunsthauses markieren eine oder mehrere Karosserien. Sie erinnern an ein Prinzip, das der Konzeptkünstler Marcel Duchamp vor bald 100 Jahren entwickelt hat: das Ready-Made. Duchamp wählte einen einfachen, im Kaufhaus erhältlichen Gegenstand wie etwa ein Pissoir oder einen Flaschentrockner, stellte ihn ins Museum und erklärte ihn dadurch zu einem Kunstobjekt. Was Richard Prince von Duchamp unterscheidet, ist die Wahl der Gegenstände: Duchamp versah sich auf banale Dinge, Prince dagegen wählt symbolisch stark besetzte Objekte, vor allem solche, die mit Prestige, Status und den Verheißungen der Werbeindustrie verbunden sind. Ein wesentlicher Unterschied zu Duchamp betrifft aber auch die Machart der Objekte, denn Prince schafft, genau genommen, ein Ready-Fake:

"Was Sie in der Ausstellung als vermeintliches Ready Made deuten, also dass Sie denken, das ist ein vorgefundenes Objekt, das sind alles Abgüsse. Diese Abgüsse sind in Aluminium gegossen, bemalt wie ein - in der Kunstgeschichte sagt man -Trompe-l´oeil, täuschend echt. Sie wollen dagegen klopfen oder das anfassen, weil Sie denken, das wären wirkliche Lederstiefel, aber das sind alles Aluminiumgüsse, die so bemalt wurden, handbemalt wurden, um diesen Eindruck herzustellen. Das heißt, er nutzt zwar den Ready Made Gedanken von Duchamp, transportiert ihn aber in das Jahr 2014."

Ein Großteil der Arbeiten im Kunsthaus Bregenz entstand zwischen 2013 und 2014 eigens für die aktuelle Schau. Darunter auch eine neue Serie der bekannten Joke-Bilder: riesige Leinwände mit zwei oder drei aufgemalten Wortzeilen, die einen Witz beinhalten. Meist erschließt sich die Pointe nur schwer oder überhaupt nicht, denn die von Prince zitierten Witze sind heute nicht mehr geläufig. Einige von ihnen erzählen auf etwas zugeknöpfte Art über das Geschlechterverhältnis in den USA der 60er Jahren. 

Das Zusammenspiel der Arbeiten beeindruckt

Yilmaz Dziewior hat diese und andere Arbeiten während der Vorbereitungen zur Ausstellung noch während des Entstehens gesehen, denn er war mehrmals in den verschiedenen Studios des Künstlers:

"Er hat einmal Uptown New York ein sehr schmales Haus, was ganz interessant ist, wenn man dann aber rein geht, sieht man, dass sich das Atelier durch die ganze Tiefe des Hauses streckt und das ist aber trotzdem ein Wohnhaus, in dem er eher kleinformatige Dinge, Bilder und Fotografien herstellt. Und ich war dann auch drei Stunden außerhalb von New York Richtung Norden, dort ist eine große Anlage mit mehreren, fabrikartigen großen Gebäuden, die teilweise auch aussehen wie eine große Galerie, wo er auch als erstes seine Arbeiten sich selbst vorführt und ausprobiert: funktionieren sie?"

Und ja, sie funktionieren hervorragend! In Bregenz beeindruckt vor allem das Zusammenspiel der sehr unterschiedlichen Arbeiten - Wandobjekte, Skulpturen, Collagen. Besonders faszinierend ist die farbliche Gesamtwirkung. Einige der jüngsten Werke, die auf den ersten Blick untypisch für den Künstler erscheinen, lassen in Verbindung mit den Nachbarobjekten typische Themen und Bezüge erkennen. Etwa auch die hüfthohe, orange leuchtende Bodenvase aus Giesharz: ihre Form hat Richard Prince von einem kunstvoll aufgeschlitzten Lkw-Reifen abgegossen. 

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