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Fazit / Archiv | Beitrag vom 10.02.2006

Pop Art in der DDR

Retrospektive von Willy Wolff in der Städtischen Galerie Dresden

Von Carsten Probst

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Auch hinter dem Eisernen Vorhang wurde Pop Art gemacht (AP)
Auch hinter dem Eisernen Vorhang wurde Pop Art gemacht (AP)

Von den DDR-Offiziellen wurde das malerische und bildhauerische Werk von Willy Wolff missachtet. Die Elemente der Pop Art und des Surrealismus passten offenbar nicht in den staatlich gelenkten Kunstbetrieb. Anlässlich seines 100. Geburtstags würdigt die Städtische Galerie Dresden Wolf nun in einer Retrospektive und zeigt, dass auch in der DDR internationale Kunst gemacht wurde.

"Manche Leute sagen, ich sei sprunghaft; das bin ich nicht. Ich möchte aber Altbewährtes nicht strapazieren." – Die leise Ironie in diesem späten Zitat von Willy Wolff ist typisch nicht nur für seine Einstellung zur DDR, in der sein malerisches und bildhauerisches Werk fast lebenslang offiziell ignoriert wurde. "Altbewährtes nicht zu strapazieren" ist auch eine mehr als höfliche Umschreibung für die Rolle eines Pop Art Künstlers in einem Land, in dem es eigentlich weder Pop noch den dazugehörigen Konsumrausch gab.

"Er wollte die verbrauchten Formen, die auch im Osten immer wieder benutzt worden sind und auch gewünscht waren, nicht benutzen, sondern er hat sich immer nach neuen formalen Möglichkeiten umgesehen. Und da war also eben die moderne Pop Art und das Mittel der Collage – das ist natürlich von Dada und vom Surrealismus, natürlich auch Heartfield (…) alles bekannt, (…) aber das war so eine Möglichkeit, im Kleinen zu wirken. Und das ist dann aber 1965 bis 1972, das ist eine kurze Phase (…) – da entsteht das gesamte Tafelwerk, wenn man so will."

…erklärt Sigrid Walther, Kuratorin dieser Retrospektive in der Städtischen Galerie Dresden nicht ohne Staunen vor der Biographie dieses immer noch vergleichsweise unbekannten Künstlers, die in der Tat zu den ungewöhnlichen und auch tragischen in der Kunstgeschichte der DDR zählt. Über sechzig Jahre war der 1905 in Dresden geborene Wolff bereits alt, als er zu seinem eigentlichen künstlerischen Stil fand, der vermutlich von einigen Besuchen in London und der dortigen Begegnung unter anderem mit dem abstrakten Expressionisten Serge Poliakoff angestoßen wurde. Innerhalb von sieben Jahren schuf Wolff dann den Hauptteil seines Werkes, das ihn aus heutiger Sicht als einen der bedeutendsten Abstrakten der DDR-Zeit ausweist. Da sein noch stark von seinem Lehrer Otto Dix beeinflusstes Frühwerk bei den Luftangriffen auf Dresden im Zweiten Weltkrieg fast vollständig zerstört wurde, begann er nach dem Krieg buchstäblich bei Null. Anerkennung fand er mit seinen als formalistisch geltenden, surrealistisch angehauchten Zeichnungen damals kaum über seinen unmittelbaren Kollegenkreis hinaus. Unter dem Eindruck mangelnder Ausstellungsmöglichkeiten und gleichzeitig seiner Londoner Kontakte, die ihm seine Frau Annemarie ermöglichte, begann er sehr zurückgezogen mit kleinen abstrakten Kollagen. Sigrid Walther:

"Die sechziger Jahre waren so, dass Willy Wolff das ganze Jahrzehnt über gar nicht ausgestellt hat. Erst 1968 hat das Dresdner "Kunst der Zeit" versucht, eine Ausstellung zu machen, die ist abgesagt worden, und die damaligen Kollegen des "Kunst der Zeit" haben sich viel Zeit gelassen mit dem Abbauen, haben die Bilder unten stehen lassen, und wer die Ausstellung noch sehen wollte, und das waren viele, konnten dann hingehen und das trotzdem sehen. Aber man kann also sagen, dass er in den sechziger Jahren (…) eigentlich für sich gearbeitet hat, weil er diesen öffentlichen Raum gar nicht hatte."

Zum ersten Mal zeigt diese überfällige Dresdner Würdigung von Wolffs Gesamtwerk, in welchem Ausmaß diese kleinen Kollagen als Miniaturmodelle für seine späteren Gemälde dienten, wie fundamental sich auch Wolffs Malereiauffassung damit von der gängigen sozialistischen Praxis entfernt hatte. Willy Wolff hatte etwas, das seine ungleich berühmteren DDR-Kollegen kaum oder gar nicht hatten: Witz und den distanzierten Blick auf seine Umgebung. Und das, obgleich oder gerade weil seine Biografie nicht in das Raster des typischen Kunst-Dissidenten passt.

"Das war glaube ich auch die Tragik seiner Biografie, dass er dann eigentlich geschnitten wurde. Also Curt Querner hat das mal schön gesagt: Der Willy Wolff hat sich den Arsch abgelaufen für dieses Land, für eigentlich seine Partei, für seine Genossen, und sie konnten sozusagen mit diesem Angebot, auch mit diesem intellektuellen Angebot für einen Sozialismus nichts anfangen. (…) Also da gibt es ja Parallelen, John Heartfield ist ja ähnlich, John Heartfield hat gesagt, er wäre der Designer des Sozialismus geworden, wenn man ihn gelassen hätte. "

…sagt Gisbert Porstmann, Direktor der Städtischen Galerie Dresden. Ja, wenn man ihn nur gelassen hätte. Aber auch aus heutiger Sicht wirkt die Ironie in Willy Wolffs Gemälden und Skulpturen mitunter kryptisch, um nicht zu sagen sybillinisch. Die leicht verfremdete Mistforke aus dem Spätwerk der Materialassemblagen und Objets Trouvées, die irgendwie natürlich auch auf Duchamp, Picasso oder Max Ernst verweisen will, ist zugleich ebenso eine unterschwellige Ironisierung der proletarischen Heraldik des Arbeiter- und Bauernstaates. Geradezu angeödet überzieht Wolff 1970 anlässlich der Feierlichkeiten zum 100. Lenin-Geburtstag eine Leinwand in Warholscher Wiederholungsmanier mit lauter kleinen Lenin-Portraits und umschlingt sie mit einer grellen Jahrmarktbanderole. In der selben Zeit deckt er eine klassische Konsum-Ladentheke mit lauter knallgrünen Erbsen ein, die eigentlich nur aus der Westwerbung stammen können, oder entwirft ein imaginäres Werbebild für eine Heißwasserdusche in Anspielung auf gerade eben das, was es im Sozialismus eben nur selten zu haben gibt. Nie weiß man genau, was Wolff am Ende mehr kritisiert – die allgemeine Einkaufssehnsucht seiner Landsleute, die den Westen für ein Paradies halten. Oder den Ausverkauf sozialistischer Ideale, für die er sich so gern mit seiner Kunst eingesetzt hätte?
Im fortgeschrittenen Alter erfreut sich Wolffs Werk dann doch einer wachsenden Beliebtheit unter Privatleuten. Sigrid Walther:

"Anfang der siebziger Jahre etablierte sich der Kunsthandel, in allen Bezirksstädten gab es dann diese Kunsthandelsgalerien und auch der Kunsthandel nach dem Westen – da weiß ich aber gar nicht so ganz genau, ob Willy Wolff da sehr mit dabei war. Aber auf alle Fälle ist er sehr durch Lothar Lang und Werner Schmidt (…) in den siebziger Jahren sehr breit rezipiert worden. Aber die offizielle Anerkennung ist ihm in den so genannten DDR-Leistungskunstschauen in Dresden im Albertinum – da ist er erst auf der Neunten Kunstausstellung 1982 vertreten gewesen."

Von Wolff selbst ist überliefert, dass er durchaus nicht immer glücklich war mit seiner vermehrten Rezeption. Er fühlte sich missverstanden – eigentlich konnte es auch gar nicht anders sein. Doch als Oberflächenmaler und ironischer Inszenator zeitgemäßer Schönheitsdefinitionen nach westlichem Vorbild konnte er sich bis zu seinem Tod 1985 nie sehen. Pop Art in der DDR – das war eben doch irgendwie immer etwas anderes als anderswo.

Service: Die Ausstellung "Willy Wolff zum Hundertsten - Malerei, Collagen, Zeichnungen, Walzungen und Monotypien, Objekte" ist vom 10. Februar 2006 bis zum 7. Mai 2006 in der Städtischen Galerie Dresden zu sehen.

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