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Religionen / Archiv | Beitrag vom 15.01.2017

PongalErntedank im Winter

Liane Wobbe im Gespräch mit Anne Françoise Weber

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(picture alliance / dpa / M.A.Pushpa Kumara)
Pongalfest 2015 in Colombo, Sri Lanka (picture alliance / dpa / M.A.Pushpa Kumara)

Viele Tamilen in Deutschland wollen nicht auf Pongal verzichten, das tamilische Erntedankfest, das Mitte Januar stattfindet. Die Religionswissenschaftlerin Liane Wobbe berichtet, wie und warum die Tamilen in Deutschland Pongal feiern.

Anne Françoise Weber: An diesem Wochenende feiern die Tamilen in Südindien und auf Sri Lanka das Pongalfest. Es ist ein Erntedankfest mit zahlreichen Bräuchen, auf die auch Menschen nicht verzichten wollen, die seit Jahren in Deutschland oder anderswo leben.

Darüber, was das Fest bedeutet und wie es hierzulande gefeiert wird, habe ich mit Liane Wobbe gesprochen. Die Religionswissenschaftlerin und Indologin hat über Hindus in der deutschen Diaspora promoviert und bietet Führungen durch Berliner Hindutempel an. Zunächst habe ich Liane Wobbe gefragt, mit welchen Bräuchen das Pongalfest denn in Sri Lanka gefeiert wird – und ob dazu auch eine Urerzählung gehört.

Liane Wobbe: Es gibt hier einen mythologischen Anlass, es gibt hier auch einen geografisch-landwirtschaftlichen Ansatz. Vielleicht erst mal zum mythologischen Ansatz - der ja vielleicht auch zweitrangig ist - aber er ist so, dass eine Geschichte gern erzählt wird: dass der Gott Shiva, einer der wichtigsten und bedeutendsten Götter im Hinduismus, sein Reittier, den Nandi-Bullen zur Erde sandte und den Menschen verkünden sollte, sie sollten einen Monat lang – und zwar in dem Thai-Monat, diesem besonderen Erntemonat – täglich baden und nur einmal im Monat essen, damit sie sich sozusagen konzentrieren auf das Geistliche, auf das Spirituelle.

Sein Reittier hat das leider verwechselt. Er ist zur Erde, hat sich auf der Erde niedergelassen und hat den Menschen verkündet, sie sollen täglich essen und nur einmal baden. Aufgrund dieses Irrtums und dieser Verwechslung wurde Shiva so wütend, dass er seinen Nandi-Bullen, also sein Reittier zur Erde sandte und ihm befahl, von nun an den Menschen bei der Ernte zu helfen. Das ist sozusagen ein mythologischer Hintergrund. Und was sich von diesem Ursprung heute noch in den Ritualen widerspiegelt, ist, dass man während des Festes auch den Kühen dankt für das, was sie den Menschen geben. Also, das wichtigste Nahrungsmittel eben, die Milch. Ein anderer Hintergrund ist der: Es ist ja ein Erntefest, ein Dankfest vor allen Dingen dafür, dass der Reis gewachsen ist, dass man Reis essen kann. Reis ist ja das Hauptnahrungsmittel in Indien und auch in Sri Lanka. Und zum Dank für diese Reisernte führt man Rituale durch für die Kühe zum einen, für die Götter zum Zweiten und zum Dritten auch für die Naturelemente.

In Deutschland Pongal feiern - das geht nicht ohne Kompromisse

Weber: Und diese Rituale, können die in Deutschland überhaupt durchgeführt werden? Also, mit den Kühen wird das schon mal schwierig in der Großstadt, und es ist nun mal hier auch keine Reisernte.

Wobbe: Also, es ist ja immer interessant, wenn solche Rituale, die ja eigentlich einen geografischen und auch klimatischen Hintergrund haben, einen jahreszeitlichen Anlass, wenn solche Rituale aus den jeweiligen Ländern in ein anderes Land transportiert werden, wo ja ganz andere kalendarische Daten sind und andere Jahreszeiten. Dann versuchen die Leute halt auch, Kompromisse zu finden. Auf jeden Fall verändern sich hier die Funktionen. Reis wird ja hier nicht angebaut. Ein wichtiges Ritual ist ja zum Beispiel in Indien und Südindien und in Sri Lanka, dass der Reis überkochen muss. "Pongal" heißt so viel wie überkochen. Und ein wichtiges Ritual ist zum Beispiel in Südindien und auch in Sri Lanka bei den Tamilen, dass man draußen sitzt, dass man über einem offenen Feuer in Tontöpfen oder auch in Metalltöpfen süßen Milchreis mit Gewürzen zum Kochen bringt. Und man lässt ihn so lange kochen, bis er überkocht. Und dieses Überkochen ist ein Zeichen des Überflusses.

Dieses Ritual ist so ein wichtiges Ritual, was man natürlich in Deutschland in dieser Form nicht durchführt. Was hier aber stattfindet, was natürlich geblieben ist: Dieses eigentlich öffentliche Ritual hat sich in Richtung häusliches Ritual verändert. Das heißt, dass auf jeden Fall in den Familien Reis gekocht wird, auch zum Überkochen gebracht wird, dass man dieses Ritual vor allen Dingen in den Familien noch durchführt und dieser Reis dann in den Tempel gebracht wird. Also nicht wie in Indien, man zelebriert das vor dem Tempel, man zelebriert das draußen, sondern es ist ein Ritual, was eher ins Häusliche verlagert wurde. Und was als Restbestand geblieben ist: Man bringt dann diesen Reis in den Tempel oder manche stellen ihn auch vielleicht noch vor die Wohnung, aber eben nicht mehr so im Freien.

Auch katholische Tamilen feiern Pongal

Weber: Nun gibt es unter den Tamilen ja nicht nur Hindus, sondern auch ein paar Muslime und mehr Katholiken - Christen überhaupt, aber vor allem Katholiken. In Deutschland gibt es eine Wallfahrt der Tamilen, der vor allem katholischen Tamilen nach Kevelaer im Sommer, wo dann oft Hindus dabei sind. Wie ist das jetzt bei diesem Erntedankfest? Sind da die Katholiken beim hinduistischen Fest dabei?

Wobbe: Also, ich persönlich muss sagen, dass ich mich hier in dem Tempel noch nie mit Katholiken unterhalten habe. Ich war aber eine Zeit lang oft bei tamilischen Katholiken und ich weiß, dass es hier Freundschaften gibt und dass im Unterschied zu tamilischen evangelikalen Christen die katholischen Tamilen weniger Probleme haben, auch die hinduistischen Rituale noch teilweise mitzuzelebrieren. Also, die Verehrung entspricht vielleicht auch gerade noch mehr dem katholischen Glauben, die Verehrung der Götter haben doch einige tamilische Christen noch beibehalten. Und das heißt, ich gehe auf jeden Fall davon aus, dass hier in Deutschland auch katholische Tamilen bei dem Pongalfest dabei sind. Was ich weiß, dass in Südindien vor den Kirchen auch das Pongalfest gefeiert wird, vor den katholischen Kirchen.

Weber: Nun sind die Mehrheit der Menschen auf Sri Lanka Buddhisten, allerdings keine Tamilen, sondern Singhalesen. Es gab einen langen Bürgerkrieg von 1983 bis 2009, der wohl vor allem um die Benachteiligung der ethnischen Gruppe der Tamilen ging. Trotzdem mag ja die Religion da mit reingespielt haben. Wie ist das heute, wie ist die Beziehung zu Buddhisten? Ist es auch vorstellbar, dass hier singhalesische Buddhisten und tamilische Hindus zusammen beim Pongalfest sind?

Wobbe: Es gibt auf keinen Fall gemeinsame Veranstaltungen zwischen tamilischen Hindus und singhalesischen Buddhisten aus Sri Lanka. In Berlin gibt es einen sehr bedeutenden sri-lankisch-buddhistischen Tempel, in Frohnau. Da gibt es allerdings sehr wenig Buddhisten aus Sri Lanka. Die Zusammenarbeit, wie gesagt, ist nicht so, was man unter Ökumene verstehen kann. Aber es gibt verschiedene Familien, wo der Mann zum Beispiel Buddhist aus Sri Lanka ist, und die Frau ist Hindu. Und da besucht man sich gegenseitig zu den Festen. Aber das sind eher so innerfamiliäre Sachen. Grundsätzlich geht man sich eher aus dem Weg, von Konflikten habe ich hier in Deutschland nichts gehört, dass es da zu Konflikten kommt. Ich würde sagen, man geht sich da eher aus dem Weg.

Tamilische Zentren bieten Religions-, Tanz- und Gesangsunterricht

Weber: Wenn wir jetzt noch mal auf die hinduistischen Tamilen schauen, die sind – die meisten jedenfalls –, seit den 1980er- oder 90er-Jahren hier. Sie haben schon über die Veränderung der Rituale gesprochen, aber was heißt das denn für die nachfolgenden Generationen, die hier aufwachsen? Wie können die in ihre Religion reinwachsen? Gibt es da so was wie Kinderkirche, Koranschule, so ein Pendant dazu?

Wobbe: Also, das Pendant ist vielleicht nicht vergleichbar mit dem, was jetzt von Muslimen angeboten wird. Aber es gibt auf jeden Fall in den einzelnen Zentren, in den einzelnen tamilischen Zentren Angebote von Religionsunterricht, Tanzunterricht, Gesangsunterricht. Die Eltern sind sehr bemüht darum, dass ihre Kinder die hinduistische Kultur mitbekommen, die Riten auch mit vollziehen. Allerdings kann man natürlich auch beobachten, dass die Jugendlichen sich dann doch eher entfernen davon. Also, die Kinder werden noch mitgebracht in den Tempel, Jugendliche kommen oft dann nur noch zu den großen Festen. Das Interesse ist nicht mehr so groß bei der nachfolgenden Generation.

Aber den Eltern ist es auf jeden Fall wichtig, die Rituale den Kindern zu vermitteln, die täglichen Rituale, die man zu Hause im häuslichen Bereich eben durchführt, jeden Morgen eine Puja durchzuführen, daran nehmen die Kinder auf jeden Fall teil. Sie werden auch in den Tempel mitgenommen zu persönlichen Ritualen. Wenn zum Beispiel ein Kind Geburtstag hat, dann geht die Familie mit in den Tempel, lässt vom Priester ein Glücksritual durchführen, Verwandte kommen mit, Freunde werden eingeladen. Man hat die Bücher, die hinduistischen Bücher auch zu Hause, das Mahabharata, daraus wird vorgelesen. Es ist den Eltern wichtig, dass die Kinder die Schrift lernen, auch die Sprache lernen. Aber auf der anderen Seite muss ich sagen, es ist mehr ein Weitergeben der Tradition als ein Weitergeben sozusagen theologischer Werte, wie es vielleicht im Islam der Fall ist, also theologisch-ethischer Werte. Die Ethik wird mitgegeben von zu Hause, aber es wird nicht so begründet, also mit einer Theologie begründet.

Verhaltensregeln für Hindus in einem anderen kulturellen Umfeld

Weber: Gibt es denn eine Theologie, die hier weitergeführt wird? So wie beim Islam es jetzt theologische Zentren gibt, wo man vielleicht auch den Eindruck haben kann, das geht in andere Richtungen der Theologie, weil man eben hier jetzt in Deutschland verwurzelt ist?

Wobbe: Ja, dazu ist wichtig zu sagen, dass es im Hinduismus eigentlich nicht so eine Theologie gibt. Es gibt verschiedene Heilige, verschiedene Männer, auch wenige Frauen, die besondere Lehren hervorgebracht haben, Bücher darüber geschrieben haben. Aber es gibt jetzt nicht in einem Tempel, zum Beispiel in einem hinduistischen Tempel eine Theologie, der man folgt. Was wichtig ist in der hinduistischen Religiosität, dass die Gläubigen möglichst häufig in den Tempel gehen und den Zeremonien für die Götter beiwohnen. Und das heißt für sie, dass sie heilige Energie aufnehmen, dass sie gesegnet werden.

Um auf die Theologie zurückzukommen: Also, das wird von zu Hause weitergegeben. Wie die Menschen sich zu verhalten haben, welche Regeln sie zu befolgen haben, und – was nicht zu vergessen ist: dass es ja verschiedene Kasten gibt im Hinduismus, verschiedene Gruppen, die auch ihre eigenen Regeln haben, ihre eigenen Theologien haben, ihre eigenen Familiengötter haben. Was jetzt hier in Bezug auf eine Theologie sich in der Diaspora allerdings verändert hat: Es gibt Predigten in manchen Tempeln, das gibt es so in Sri Lanka und auch in Indien eigentlich nicht. Das heißt, nach den Zeremonien setzt sich der Priester auf den Boden, die Gläubigen auch, und er liest etwas vor aus einem Buch und hält daran anschließend einen kleinen Vortrag. Und auch diese Vorträge enthalten zum Beispiel Regeln, wie die Hindus sich hier verhalten sollen in einem anders kulturellen Umfeld, mit einer ganz anderen Mehrheitsgesellschaft. Und das könnte man sagen, das ist so eine Veränderung der Theologie.

Weber: An diesem Wochenende feiern die Tamilen auch in Deutschland das Pongalfest. Das waren Erläuterungen von Liane Wobbe, freiberufliche Religionswissenschaftlerin und Indologin in Berlin. Vielen Dank!

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio Kultur macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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