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Fazit / Archiv | Beitrag vom 18.08.2014

Pompeji-ArchivBald in einem schmuddeligen Keller?

Italiens Sparkurs bedroht das Archiv des Pompeji-Archäologen Amadeo Maiuri

Von Thomas Migge

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(picture alliance / dpa)
Auch das Gladiatoren-Gebäude im antiken Pompeji bei Neapel ist vom Verfall bedroht (picture alliance / dpa)

Er war seit 1924 Ausgrabungsleiter in Pompeji und Leiter des archäologischen Nationalmuseums in Neapel. Amedeo Maiuri darf als der Doyen der modernen italienischen Archäologie bezeichnet werden. Doch seine Heimatstadt kapituliert vor seinem reichen wissenschaftlichen Erbe.

"Dass wir uns an ihn erinnern müssen, ist ja wohl selbstverständlich. Dieser bedeutende Mann hat so viel für unsere Stadt getan. Deshalb haben wir uns entschieden ihn zu ehren, um vor allem die jungen Bürger daran zu erinnern, das sie von diesem Mann einiges lernen können."
 
Claudio D’Alessio, Bürgermeister von Pompeji, fand im April vergangenen Jahres noch lobende Worte für Amedeo Maiuri. 50 Jahre nach dem Tod des weltbekannten Archäologen entschied sich die Stadtverwaltung von Pompeji für Maiuri eine Gedenktafel einzuweihen. Alle lokalen Honoratioren waren versammelt und ein katholischer Geistlicher segnete die Gedenktafel.
Heute, knapp eineinhalb Jahre später, präsentiert sich diese Gedenktafel verschmutzt und angerostet. Das Monument ist von wild wachsendem Grün und Müll umgeben. Ein Sinnbild dafür, dass der Bürgermeister sein Interesse an Maiuri verloren zu haben scheint. Das beweist vor allem die Entscheidung des Rathauses, sich des Archivs des Archäologen Maiuri zu entledigen. Es handelt sich um eines der wichtigsten archäologischen Archive der Welt: mit tausenden von Texten, zahllosen Aufzeichnungen, mit Fotografien, Zeichnungen, Forschungsergebnissen und historischen archäologischen Werken des 16. bis 19. Jahrhunderts.

Im Zuge der so genannten "Spending review", was nichts anderes bedeutet als radikale Sparmaßnahmen, werden die Räumlichkeiten, in denen das Archiv bisher aufbewahrt wird, verkauft. Und damit wird der so genannte "Fondo Maiuri", das wichtigste archäologische Archiv zur antiken Stadt Pompeji, auf die Strasse gesetzt wird. Ein Unding, meint Steven Ellis, Archäologe an der American Academy in Rom.

Der Doyen der modernen italienischen Archäologie

Amedeo Maiuri kann ohne Übertreibung als der Doyen der modernen italienischen Archäologie bezeichnet werden. 1924 wurde er nicht nur Direktor des archäologischen Nationalmuseums in Neapel, sondern auch Ausgrabungsleiter in Pompeji. Als oberster Verantwortlicher der Altertümer von Neapel besaß er einen großen Einfluss auf sämtliche Grabungs- und Forschungsarbeiten. Hinzu kam, dass unter dem Duce Benito Mussolini Geld für archäologische Forschungen nie fehlte: Maiuri profitierte von Mussolinis Antikentick verstand sich der Diktator doch als ein moderner römischer Kaiser.

In Pompeji legte der Archäologe verschiedene Villen frei, darunter die berühmte Villa dei Misteri. Die Mysterienvilla mit ihren umwerfenden und ausgezeichnet erhaltenen Wandmalereien gilt als einer der bedeutendsten Fundorte der klassischen Archäologie.

Das momentan noch in Pompeji aufbewahrte Archiv von Amedeo Maiuri beinhaltet auch die Aufzeichnungen des Archäologen aus der Zeit des Zweiten Weltkriegs. In jenen Jahren war er vor allem mit der Herkulesaufgabe beschäftigt, die ihm anvertrauten antiken Schätze vor Gefahren durch Gefechte oder Plünderer zu bewahren.

Das immense Maiuri-Archiv wurde im Jahr 2001 von der neapolitanischen Universität Suor Orsola Benincasa erworben. Diese Universität, wie fast alle italienischen Hochschulen in finanzpolitisch trüben Gewässern treibend, denn der italienische Staat kürzt chronisch die Ausgaben für das gesamte Bildungswesen, weiß jetzt nicht, wo sie das riesige Archiv unterbringen soll: Benötigt würden klimatisierte Räumlichkeiten. Aber die gibt es nicht. Anmieten? Zu teuer.

Britische Universitäten würden das Archiv gern kaufen

Der "skandalöse Fall Maiuri", so die Tageszeitung "la Repubblica", hat ausländische Interessenten auf den Plan gerufen. Die beiden britischen Universitäten Oxford und Cambridge sind bereits vorstellig geworden: Sie würden nur zu gern das gesamte Archiv aufkaufen. Auch das chinesische Kulturministerium in Peking zeigt großes Interesse am Erwerb der Maiuri-Hinterlassenschaft.

Um das Archiv in guten Händen zu wissen, wäre die neapolitanische Universität schon dazu bereit den archäologischen Wissenschaftsschatz abzugeben. Doch das wird nicht möglich sein: das Maiuri-Archiv gilt als nationales Kulturgut. Ein solches kann zwar verkauft werden, das ja, aber eben nicht außerhalb des Landes. Damit beißt sich die Katze in den Schwanz: das sicherlich gut gemeinte Gesetz zum Schutz nationaler Kulturgüter blockiert den Verkauf und gefährdet das Archiv.
Droht dem Archiv doch damit das gleiche Schicksal wie anderen nationalen Kulturgütern: Da es nicht ins Ausland verkauft werden darf und es im Inland niemanden gibt, der die Mittel dazu hat es sachgerecht unterzubringen, könnte auch diese immens wichtige wissenschaftliche Hinterlassenschaft in einem Keller landen. Es sei denn, es findet sich ein spendabler Geldgeber. Doch solche Sponsoren sind in Italien aufgrund der gravierenden Wirtschaftskrise rar geworden.


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