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Interview / Archiv | Beitrag vom 09.09.2013

Polnische Grenzgänger in der Uckermark

Der Bürgermeister von Rosow zur Entwicklung im entvölkerten ländlichen Raum

Karl Lau im Gespräch mit Marietta Schwarz

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Nicht nur ein schönes Ausflugsziel: die Polen haben die entvölkerte Uckermark für sich entdeckt. (Adalbert Siniawski)
Nicht nur ein schönes Ausflugsziel: die Polen haben die entvölkerte Uckermark für sich entdeckt. (Adalbert Siniawski)

In vielen Dörfern der Uckermark bleiben die alten Menschen alleine zurück, notdürftig versorgt. Auch Rosow, eine Gemeinde nahe der polnischen Grenze, ist von Abwanderung betroffen. Doch junge Polen haben das Dorf jetzt für sich entdeckt und stoppen den Abwärtstrend, erklärt Bürgermeister Karl Lau.

Marietta Schwarz: "Deutschlands Dörfer sterben" - das ist eine beliebte Schlagzeile, so oft eine neue Studie zur Entwicklung des ländlichen Raumes in Deutschland erscheint. In manchen Regionen sieht es tatsächlich düster aus, vor allem in Ostdeutschland, in Brandenburg oder Sachsen-Anhalt.

Das wird auch die gemeinsame Studie des IASS in Potsdam sowie des Berlin-Instituts für Bevölkerung und Entwicklung belegen, die heute veröffentlicht wird. In den Dörfern bleiben die Alten zurück, notdürftig mit Bäckerwagen und Landarzt versorgt. Auch in Rosow in der Uckermark, einer 150-Seelen-Gemeinde Nahe der polnischen Grenze, war das jahrelang so, bis junge Polen das Dorf für sich entdeckten.

Und, am Telefon ist jetzt Karl Lau, Bürgermeister von Rosow.

Guten Morgen, Herr Lau!

Karl Lau: Hallo! Guten Morgen.

Schwarz: Herr Lau, inzwischen ist ein Drittel der Rosower polnisch. Warum leben die Polen bei Ihnen und nicht in ihrem Heimatland?

"Offener geworden"

Lau: Ganz einfach. Unser Dorf liegt etwa 15 Kilometer vom Stadtzentrum von Stettin entfernt und war bis zur politischen Wende oder beziehungsweise bis zur Öffnung der Grenze nach Polen reines Grenzgebiet und durch den Wegfall der Grenze ist Rosow natürlich jetzt offener geworden und, wie ich meine, deswegen doch durchaus interessant für Polen, die sich neuerdings hier in unserem Dorf ansiedeln, und auch in den Nachbardörfern.

Schwarz: Aber trotzdem: Warum kommen die nach Deutschland und warum wohnen die nicht im Umland in Polen?

Lau: Ja, das ist eigentlich eine gute Frage. Ich habe sie mir auch manchmal zu Anfang gestellt. Oft habe ich dann gehört, die Natur und so. Die Natur ist natürlich auf der polnischen Seite genauso gut und so schön wie die auf unserer Seite, vielleicht noch interessanter. Aber viele sagen dann natürlich auch, die Preise sind in Deutschland gerade im ländlichen Bereich für Grundstücke oder fertige Häuser, die dort durchaus reparaturbedürftig sind, günstiger.

Schwarz: Tatsächlich günstiger als in Polen?

Lau: Ja. Das ist wirklich kurios, muss man sagen, weil die Preise in Stettin sind wohl doch schon ziemlich stark angestiegen, für Grund und Boden sowieso, und ich denke mal, dass einzelne Baugrundstücke kaum noch zu kriegen sind, weil ganz einfach: Stettin ist ja eine ziemlich große Stadt, 450.000 Einwohner, glaube ich wohl, und das ist auch eine Stadt mit Zukunft, so dass sicherlich dann die Grenzen, die Stadtgrenzen weiter außerhalb entwickelt werden.

Schwarz: Herr Lau, Rosow ist ein von Schrumpfung betroffenes Dorf, oder war es zumindest. Was hat sich denn jetzt durch den Zuzug der Polen bei Ihnen verändert?

"Die Einwohnerzahl wird nicht größer"

Lau: Ich muss Ihnen sagen, bis vor kurzem hätte ich auch gedacht, dass unser Dorf vielleicht irgendwann nicht mehr auf der Landkarte sein wird. Aber durch diesen Trend, dass viele polnische Bürger sich sozusagen auf der deutschen Seite ein neues Zuhause aufbauen, hat sich das, glaube ich, in unserem Dorf wie auch in den anderen Dörfern verändert. Die Einwohnerzahl wird natürlich nicht größer, weil doch viele junge deutsche Jugendliche, Kinder, Auszubildende da sind, die dann in die größeren Städte ziehen.

Schwarz: Das heißt, Sie haben jetzt keinen Leerstand mehr, haben gute Versorgung mit Schulen und so weiter? Wie funktioniert das?

Lau: Das ist für uns als örtliche, als Kommunalvertreter schon wichtig, dass die Grundstücke wieder sozusagen einen Hausbesitzer haben, dass da Eigentümer sind, die sich um das Grundstück kümmern. Anders herum natürlich: Wenn hier Leute im Dorf wohnen, ist es natürlich auch einfacher, irgendwelche Veranstaltungen durchzuführen oder einfach ein kommunales Leben aufzubauen.

Schwarz: Wie funktioniert denn das Zusammenleben zwischen Polen und Deutschen? Man könnte sich ja auch vorstellen, dass das gar nicht so unkompliziert ist.

Lau: Wir können eigentlich nur positiv darüber berichten, dass dieses Verhältnis zwischen Deutschen und Polen gut ist, weil mittlerweile kennt man sich und die Polen, die hier rüberkommen, sprechen Deutsch, muss man sagen. Das ist ein großer Vorteil, können Sie sich durchaus denken. Deswegen hat man dann die Möglichkeit, sich auch mit denen zu unterhalten.

Schwarz: Das heißt, es gab nie Ressentiments?

Lau: Ich würde sagen, eigentlich in unserem Dorf jedenfalls nicht. Ich habe das auch schon öfters gehört, da sollen bloß nicht so viele Polen hier herkommen. Aber die Frage steht natürlich, warum sollen denn nicht so viele Polen herkommen. Viele sind einfach deswegen hergekommen, weil sie die Ordnung hier mögen.

Schwarz: Herr Lau, sind die Polen die Rettung für Rosow?

"Darum kümmern, dass der ländliche Bereich nicht abgekoppelt wird"

Lau: Ich denke, die Rettung ist es in diesem Sinne auch nicht, weil ganz einfach: uns fehlen hier in unserem ländlichen Bereich natürlich Arbeitsmöglichkeiten, auch Schule, Polizei und so. Das sind alles Infrastruktursachen, die haben ja mit den Polen eigentlich nicht viel zu tun, sondern darum müssen wir uns auf der deutschen Seite eigentlich kümmern, dass der ländliche Bereich nicht total abgekoppelt wird oder ausstirbt.

Sicherlich gibt es Regionen, wo nicht mehr so viele Leute leben werden, aber ich meine, man kann ja auch nicht mit einem Radiergummi über die Landkarte gehen und alles wegradieren, was einem nicht so ganz gefällt. Ich denke, das kann es ja auch nicht sein.

Letztendlich liegt Deutschland mitten in Europa und da nun solche Wüstenlandschaften zu haben, ich denke, das kann eigentlich auch nicht die Entwicklung sein. Ich glaube auch nicht daran, dass das so kommen wird. Bloß man muss sich darauf einstellen, dass eben nicht mehr so viele Leute da sind. Auch Tatsache die Frage der Flüchtlinge oder Menschen, die zu uns kommen wollen. Ich denke, schon aus diesem Grund sollten wir eigentlich da ein bisschen offener sein.

Schwarz: Karl Lau, Bürgermeister von Rosow in der Uckermark, einem Ort unweit von Stettin. Herr Lau, herzlichen Dank für das Gespräch.

Lau: Bitte schön!


Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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