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Fazit / Archiv | Beitrag vom 15.12.2019

Polleschs "Donna" am Deutschen TheaterVerweigerung als Theaterfreude

Von André Mumot

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Ein Mann spricht mit einem anderen Mann, eine Frau und ein Mann beobachten das Paar. (Arno Declair / Deutsches Theater)
Wer glaubt, das Stück dreht sich um die feministische Ikone Donna Haraway, wird eines Besseren belehrt: Hier geht es vor allem um die Bühne, die sich dreht, und um die, die darauf spielen. (Arno Declair / Deutsches Theater)

In seinem neuem Stück "(Life On Earth Can Be Sweet) Donna" verweigert René Pollesch in brechtscher Tradition die naturalistische Welt- und Gefühlswiedergabe. Er lehnt auch das Theater der vollmundigen Überzeugungen und Botschaften ab.

Wer ist Donna? Dass wäre wohl die erste Frage, die der Titel von René Polleschs neuer Berliner Produktion aufwirft. Die Antwort: Donna Haraway, eine zeitgenössische amerikanische Geisteswissenschaftlerin, Naturwissenschafts-Historikerin und Frauenforscherin, eine Ikone des kritischen Feminismus. Man hätte also meinen können, dass dies ein Abend werden würde, der sich schwerpunktmäßig mit sexistischen Gesellschaftsstrukturen auseinandersetzt, mit Macht- und Abhängigkeitsverhältnissen. 

Themen, die auch durchaus angeschnitten werden, wie auch Donna Haraways Gedanken immer mal kurz aufblitzen. Vor allem aber geht es dann doch um eins: um die Bühne, die sich dreht, und um die, die darauf spielen.

Brechts Konzept des epischen Theaters

Im Mittelpunkt steht Brechts Konzept des epischen Theaters, genauer: seine viel zitierte Straßenszene. An der Beschreibung eines Unfalls konkretisierte Brecht, dass keine wirklichkeitsgetreue Darstellung der Augenzeugen nötig ist, um den Hergang zu verstehen. Nüchterne, klare Worte erfüllen den Zweck eben viel besser. Braucht also auch das Theater die Einfühlung und die großen Gesten nicht?

Ausdiskutiert wird dies oft und immer wieder an diesem Abend, mal in komödiantisch zugespitzter, mal in leicht ermüdender Weise. Unvergesslich aber ist der Moment, an dem sich die putzigen Miniaturautos aus Pappe, die auf der Bühne den Unfall markieren, plötzlich entfalten und aufrichten und man feststellt, dass Martin Wuttke, Milan Peschel und Jeremy Mockridge darin stecken.

Auf dem Bild: Bernd Moss, Judith Hofmann, Jeremy Mockridge, Martin Wuttke, Milan Peschel (Arno Declair / Deutsches Theater)Die Darsteller sprechen vorwiegend nur darüber, was das Theater nicht braucht. (Arno Declair / Deutsches Theater)

"Das ist jetzt aber auch kein episches Theater", beschweren sich Judith Hofmann und Bernd Moss, "wenn die Performer versuchen, mit ihren Rollen zu verschmelzen!" Martin Wuttke, von Kopf bis Fuß im Autokostüm, wehrt sich sofort: "Ich bin kein Performer, ich bin Transformer."

Es herrscht Ausgelassenheit im Deutschen Theater, nicht nur in dieser Szene, auch später, wenn Wuttke den Schauspieler gibt, der den "Lear" nur darstellen kann, wenn ihm niemand zusieht und sich deshalb hinter die Kulissen zurückzieht, die die Marthaler-Bühnenbildnerin Anna Viebrock hier als Labyrinth der sichtversperrenden Hinter- und Rückseiten aufgebaut hat.

Alles läuft auf Verweigerung und Minimalismus hinaus

Auch ums Altwerden geht es hin und wieder, um vergessene DDR-Schauspielerinnen im Altersheim, auch um Polleschs zukünftigen Rückumzug an die Volksbühne, die er ab 2021 als Intendant leiten wird. "Was nehmen wir denn nun mit?", wird öfter gefragt.

Im Grunde aber sprechen die quirlig dahinplappernden Darsteller die meiste Zeit nur darüber, was das Theater nicht braucht. Alles läuft auf Verweigerung und Minimalismus hinaus und ist dabei doch (meistens) eine große Theaterfreude. Pollesch bringt mit "Donna" seine eigene Ästhetik auf den Punkt.

Auf dem Bild: Jeremy Mockridge, Judith Hofmann, Milan Peschel, Martin Wuttke, Bernd Moss (Arno Declair / Deutsches Theater)Im Mittelpunkt steht Brechts Konzept des epischen Theaters, genauer: seine viel zitierte Straßenszene. (Arno Declair / Deutsches Theater)

Nicht nur verweigert er in brechtscher Tradition die naturalistische Welt- und Gefühlswiedergabe, er lehnt auch das Theater der vollmundigen Überzeugungen und Botschaften ab. Um Spielräume geht es ihm, nicht um Wahrheiten, um die ironische, skeptische, unversöhnte, nie ganz zu überbrückende Distanz zu allem, was auf der Bühne verhandelt werden könnte.

Dicht ist dieser Abend, anstrengend bisweilen in seinem Insistieren auf Theater- und Drehbühnentheorie und zugleich ein neuerliches Geschenk an ein Publikum, das bereit ist, mit den herausragend gelösten Darstellern in Gedankenwelten abzutauchen, in denen es keine einfachen Fragen und schon gar keine einfachen Antworten gibt. Wer ist Donna? Am Ende ist es vielleicht doch nicht so klar.

(Life on earth can be sweet) Donna
Von René Pollesch
Deutsches Theater

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