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Fazit | Beitrag vom 14.12.2018

Pollesch-Stück "Ich weiß nicht, was ein Ort ist"Riss in der Welt, Sprung in der Schüssel

Von Christian Gampert

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Drei Schauspieler sitzen auf einer riesigen Affenhand (Lenore Blievernicht/Schauspielhaus Zürich)
Die Schauspieler Marie Rosa Tietjen, Kathrin Angerer, Martin Wuttke (v.l.) sitzen in einer riesigen Affenhand (Lenore Blievernicht/Schauspielhaus Zürich)

Ein ungewohnt sentimentales Stück des Regisseurs René Pollesch sah unser Kritiker im Schauspielhaus Zürich. Der Stoff, ein Labyrinth aus Zitaten, lässt den Schauspieler Martin Wuttke brillieren. Der wohl auch ein Telefonbuch spielen könnte.

Am Anfang sitzen da drei Schauspieler auf der Bühne, die angeblich gerade den "Sommernachtstraum" gespielt haben. Eine Sechs-Stunden-Inszenierung. Oder war die Aufführung schon nach zehn Minuten vorbei? Wäre ja auch eine Lösung. Keiner weiß, wo er sich genau befindet, am Beginn oder am Ende des Stücks. Und obwohl die Schauspieler pollesch-artig hübsch durcheinander parlieren, ist es diesmal nur vordergründig lustig. "Ich kann gar nicht mehr über mein Leben nachdenken", sagt Martin Wuttke. "Ich hab alles vergessen". Und Kathrin Angerer assistiert mit der Botschaft, dass "alles Leben ja eh ein Prozess des Niedergangs" sei.

Martin Wuttke - auf coole Art vom Leben gezeichnet

Das ist möglicherweise politisch gemeint, wo derzeit ja auch einiges zu Ende geht und man nicht weiß, auf welche Weise es wieder neu anfängt. Wuttke jedenfalls trägt im zweiten Teil des Stücks, nach diversen Perückenwechseln, eine gelbe Weste – und das wohl nicht, weil er zu Borussia Dortmund hält. Angerer wiederum wechselt ihr Shakespeare-Outfit gegen ein Abendkleid und kalauert, sie habe gerade "einen furchtbaren Sommernachtstraum" gehabt. Zwischen den beiden, als Puffer, die eher ruhige und ernsthafte Marie Rosa Tietjen, die hochfliegende Assoziationen wieder auf den Boden holt.

Das ist das Arrangement: Zwei spielen Beziehungskrise, dazwischen sitzt eine Art Therapeutin als helfende Hand. Kathrin Angerer ist, wie fast immer, das leicht nervende, beleidigte Püppchen, und sie überdreht das ganz bewusst; und der auf so coole Weise vom Leben gezeichnete Martin Wuttke, der auch das Telefonbuch spielen könnte, ist diesmal sehr vorsichtig und fast resigniert. Denn es geht um den "Knacks", den Riss, den Sprung, der nach einem traumatischen Ereignis durch eine Person geht wie durch eine Tasse oder einen Teller, von innen oder von außen. Der philosophisch bewanderte Pollesch bezieht sich da auf Notate von Scott Fitzgerald aus den Dreißigerjahren, als die Welt auch ziemlich am Abgrund war.

Wie die bedrohte Ann im King-Kong-Film

Kein hysterisches Pollesch-Geschrei diesmal, überhaupt kein Video: Was ist da los? Pollesch begnügt sich mit dem Prospekt eines Wasserfalls und einem einzigen Requisit, der riesigen Hand eines Affen, die als sogenanntes "Partialobjekt" aus dem Bühnenhimmel nach unten schwebt. Partialobjekte sind (in der Psychoanalyse) Teile des Körpers, die lustvoll besetzt werden. Oder Körperteile einer Person, die sich als fragmentiert, zerstückelt erlebt. Kathrin Angerer jedenfalls findet in der Hand des Affen eine Art Heimat, sie liegt dort wie die bedrohte Ann im King-Kong-Film*), und auch Wuttke macht dort seine Turnübungen. Dazu die Zarathustra-Musik von Richard Strauß, wie sie Stanley Kubrick in der "Odyssee im Weltraum" verwendet – hier freilich in einer Funk-Version.

Man ist bei Pollesch also wieder in einem Labyrinth der Zitate, die allerdings alle auf die lebenstechnische Hilflosigkeit der Bühnenfiguren bezogen sind. Das tingeltangel-artige Glühlampen-Bühnenbild ist eine Reverenz an den verstorbenen Bühnendesigner Bert Neumann. Ständig wird mit filmischer Fachsprache hantiert, mit "Anschlußfehlern" und "Continuity" – wenn etwa ein Schauspieler in der einen Szene eine Zigarette raucht, die eine Sekunde zuvor schon heruntergebrannt war. Das Leben ist also gründlich durcheinander, und wenn Wuttke zu Angerer sagt, "ich war ja längst fertig mit uns", dann wird das sofort gekontert mit dem Wunsch, "das Leben einmal mit einem guten Ausgang zu erzählen".

Viele werden zu der weitgehend monologischen Suada keinen Zugang haben und das Ganze nur für einen bunten Diskurs-Abend halten, der bisweilen den üblichen schrägen Pollesch-Witz entfaltet. Für Polleschs Verhältnisse ist das alles aber ungewohnt sentimentalisch. "Immerhin", sagt Martin Wuttke, "die Körper sind noch da."

*) An dieser Stelle hat der Autor einen Fehler korrigiert.

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