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Interview | Beitrag vom 17.06.2020

Polizei-Kolumne der "taz"Der Maßstab für Texte kann nicht der geistig Geringste sein

Schlecky Silberstein im Gespräch mit Julius Stucke

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Der Autor und Schauspieler Schlecky Silberstein sitzt auf einem Podium und spricht. (Picture Alliance / dpa / Britta Pedersen)
Das Problem sei nicht die Satire, sondern dass es anscheinend in der Gesellschaft "kein vernünftiges Text- und Leseverständnis" gebe, findet Schlecky Silberstein. (Picture Alliance / dpa / Britta Pedersen)

Eine Kolumne in der "taz" sorgt für Ärger, weil darin überlegt wird, was Polizisten machen könnten, wenn die Polizei abgeschafft würde. Für Schlecky Silberstein eine klar erkennbare Satire: Wer das nicht verstehe, sei entweder blöd oder bösartig.

In der Kolumne vom Montag "All cops are berufsunfähig" denkt Hengameh Yaghoobifarah in der "Tageszeitung" ("taz") über die Abschaffung der Polizei und mögliche Berufsalternativen für Polizisten nach. Am Ende kommt Yaghoobifarah zu dem Schluss, dass Polizeibeamte am besten auf einer "Mülldeponie" aufgehoben seien.

Anzeige wegen Kolumne

Die Deutsche Polizeigewerkschaft sieht das anders und hat dagegen eine Anzeige wegen Volksverhetzung erstattet. Ihr Vorsitzender Rainer Wendt kritisiert, für Polizisten sei der Text ein "Schlag ins Gesicht".

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Für den Autor und Schauspieler Schlecky Silberstein ist die Kolumne dagegen "sehr gelungen". Darin seien alle Mittel einer Satire genutzt worden. Problematisch seien vielmehr die Reaktionen: "Wir haben ein Riesenproblem in der Gesellschaft, dass es kein vernünftiges Text- und Leseverständnis mehr gibt. Denn dieser Text ist eine ganz klare Satire. Wer das nicht versteht, der hat erst einmal ein individuelles Problem."

Auch sehe er nicht, dass darin zu Hass aufgerufen werde: "Wir können nicht den geistig Geringsten zum Maßstab dafür machen, wie wir unsere Texte verfassen. Dann sind wir eine relativ dumme Gesellschaft."

PR-Maßnahme der Polizeigewerkschaft

Viele Menschen würden selbst nicht mal mehr verstehen, dass zu einer Überschrift auch ein Text gehöre, der das Ganze kontextualisiere, so der Entertainer. Da spiele es auch keine Rolle, wer den Beitrag geschrieben habe. Dies gelte auch für die "taz"-Kolumne.

Dass Rainer Wendt von der Polizeigewerkschaft wegen der Kolumne nun Anzeige gestellt hat, sieht Silberstein als PR-Maßnahme. Das sei eine "AfD-Methode", mit der die Gerichte belastet würden. "Die Gerichte sind nicht dafür zuständig, dass man den Leuten erklärt, wie ein Text zu verstehen ist."

Absichtlich falsch verstanden

Außerdem sieht Silberstein ein weiteres Problem bei Wendt: "Entweder er versteht den Text nicht. Dann haben wir einen Vorsitzenden der Polizeigewerkschaft, der nicht die intellektuellen Körner mitbringt, um einen Text zu verstehen. Das ist dramatisch. Dann erwarte ich, dass es ein Umfeld gibt, das diesen Mann vor sich selbst schützt. Die andere Möglichkeit ist, dass er absichtlich diesen Text falsch versteht – also sich absichtlich blöd stellt. Das ist bösartig, weil er diesen Text für seine eigene PR missbraucht." In beiden Fällen sollte darüber nachgedacht werden, ob Wendt nicht von seinem Posten zurücktrete.

(rzr)

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