Politsatire "Curveball" im Kino

Das Versagen des BND vor dem Irakkrieg

11:09 Minuten
Wolf (Sebastian Blomberg, l.) befragt Rafid Alwan, Deckname ,Curveball' (Dar Salim, r.).
Szene eines Verhörs aus dem Film "Curveball" © Sten Mende
Moderation: Susanne Burg · 04.09.2021
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Hat der BND versagt? Diese Frage wurde nach dem Fiasko in Afghanistan immer wieder gestellt. Der neue Kinofilm "Curveball" stellt sie nun in Bezug auf den Irakkrieg. Regisseur Johannes Naber zur deutschen Beteiligung an diesem Kriegseinsatz.
"Curveball – Wir machen die Wahrheit" heißt der Film von Regisseur Johannes Naber, der am 9. September 2021 in den deutschen Kinos startet. In seinen Arbeiten greift Naber immer wieder zeitpolitische Themen auf - etwa in der Wirtschaftsberater-Satire "Zeit der Kannibalen" oder dem Migrantendrama "Der Albaner".
In "Curveball" geht es um den Iraker Rafid Alwan, der 1999 als Asylbewerber nach Deutschland kam und es schafft, Kontakt zum Bundesnachrichtendienst (BND) aufzunehmen.

Deutschland trägt mit Schuld am Irakkrieg

Er habe als Bioingenieur an Saddams geheimem Anthrax-Programm mitgewirkt, so Rafid Alwan, der im Gegenzug einen deutschen Pass verlangt. Das Angebot interessiert den BND-Biologen Wolf, gespielt von Sebastian Blomberg. Aber das Lügengebäude bricht irgendwann in sich zusammen. Wie die USA dann Rafid Alwans Aussagen dennoch als Grund mitbenutzen, um in den Irak einzumarschieren, davon erzählt dieser Film.

Susanne Burg: Herr Naber, was hat sie an dieser Geschichte interessiert?
Johannes Naber: Für uns war nicht entscheidend, dass es um einen Einzelnen geht, der mit seiner Geschichte einen Geheimdienst übers Ohr haut, sondern für uns ging es eher darum, dass sich an dieser ganzen Geschichte abbildet, dass Deutschland eben in dieser Entwicklung hin zum Irakkrieg 2003 nicht so unschuldig war, wie sie gern behauptet haben und dass die weiße Weste, die wir Deutschen uns da gern anziehen an der Stelle, nicht gerechtfertigt ist, und dass wir uns ein paar moralische Fragen stellen müssen bezüglich unseres Handelns.

Was wusste der BND?

Burg: Wir müssen den Fall noch mal kurz rekapitulieren, bevor wir zu den Deutschen kommen: Es geht um den Asylbewerber, der behauptet hat, er hätte an dem Biowaffenprogramm teilgenommen. Er hat dann später behauptet, er hätte diese Chance nutzen wollen, etwas zu fabrizieren, um das Regime im Irak zu stürzen. In Ihrem Film bleibt diese politische Ambition außen vor, bei Ihnen gehts eher darum, auch nur peripher, dass er es wahrscheinlich eher benutzte, um hier auch einen deutschen Pass zu bekommen. Warum die Entscheidung dafür?
Naber: Rafid Alwan ist einer, der sich meiner Meinung nach immer versucht hat, überall so durchzuschlawinern, dass für ihn das Beste dabei rumkommt. Er ist ein Opportunist. Nach einer langen Odyssee ist er nach Deutschland gekommen und hat versucht, sich eine neue Existenz aufzubauen. Er stieß hier auf ein Asylsystem, was damals noch dadurch geprägt war, dass die Leute drei bis fünf Jahre warten mussten, ob ihr Verfahren anerkannt wird oder nicht. Er hat nach Abkürzungen gesucht, in Deutschland bleiben zu können, zumindest eine Aufenthaltsgenehmigung zu bekommen.
In der Situation hat ihm entweder jemand gesteckt oder er ist selbst drauf gekommen, dass in dem Auffanglager, in dem er angekommen war, regelmäßig Befragungen auch durch den deutschen Geheimdienst stattfinden – oder durch Beauftragte –, die abtesten, ob vielleicht irgendjemand interessant sein könnte für den deutschen Geheimdienst, für den BND. Dann hat er sich da interessant gemacht. So wuchs die Sache langsam. Am Ende hat er den BND über einen Zeitraum von mehr als einem Jahr mit einer Geschichte, die er sich ausgedacht hat, von vorne bis hinten an der Nase rumgeführt.
Burg: Die eine Sache ist, was er sich ausgedacht hat, die andere Frage ist, wie der BND damit umgegangen ist, denn der BND hat irgendwann herausbekommen, dass diese Geschichte konstruiert ist, hat das aber wiederum lange nicht an die CIA weitergegeben. Warum nicht?
Naber: Der BND hat nach einer Weile rausgefunden, dass Rafids Geschichte nicht stimmt. Vor allem war die Situation so, dass es keine Belege gab für das, was er erzählte. Irgendwann war klar, man kann dem nicht glauben. Zuerst hat der BND diese Tatsache vor der eigenen Regierung und vor dem parlamentarischen Kontrollausschuss, dem deutschen, anders dargestellt, damit gings los. Diese Peinlichkeit, dass man eine Quelle hatte, mit der man vorher angegeben hatte, das wollten die Leute ihrer eigenen Regierung und dem parlamentarischen Kontrollausschuss gegenüber erst mal nicht zugeben.
Und dann war die Regierung in der Situation, dass die Amerikaner irgendwann, als die Sache eigentlich schon längst vom Tisch zu sein schien, nämlich nach 9/11, als der Irakkrieg vorbereitet wurde, nachgefragt haben, ob diese Information nicht für sie auswertbar sei, ob der nicht für ein Fernsehinterview zur Verfügung gestellt werden könnte. Plötzlich musste sich die deutsche Bundesregierung verhalten, und eben auch da wurde nicht erzählt, was sie wussten, sondern es wurde gesagt, wir können es nicht letztendlich bestätigen, aber wir finden die Quelle glaubhaft. Mit der Grundlage mussten die Amerikaner dann operieren, und letztendlich hat das dann auch dazu geführt, dass das in Colin Powells Rede gelandet ist.

Vorläufer von Fake News

Burg: In Ihrem Film sind hin und wieder Auszüge aus den entsprechenden Reden, zum Beispiel vor der UN-Vollversammlung, eingebaut. Da ist eben auch besagte Szene vom damaligen US-Außenminister Colin Powell, wie er sagt: "Die Quelle ist ein Augenzeuge, ein irakischer Chemieingenieur, der eine dieser Anlagen betreute. Er war tatsächlich anwesend, als biologische Kampfstoffe hergestellt wurden." Das wurde mit als Begründung für die Operation "Iraqi Freedom" gegeben. Als Sie sich durch das Archivmaterial gegraben haben, wie haben aus heutiger Sicht die Aussagen von damals auf Sie gewirkt?
Naber: Da gibt es verschiedene Perspektiven. Das Erste ist natürlich, dass es geradezu bizarr ist, wie sehr sich Colin Powell von diesen damals schon erwiesenermaßen falschen deutschen Informationen hat aufs Glatteis führen lassen – von wem auch immer. Das sind die Probleme der Amerikaner, der CIA war da nicht ganz unschuldig dran, die Administration rund um Cheney, dem Vizepräsidenten damals, war bestimmt der Betreiber dieser ganzen Sache, aber die Deutschen haben eben sehenden Auges danebengestanden und nichts getan. Joschka Fischer war Vorsitzender dieser UN-Sicherheitsratssitzung. Er hat sich das angehört, wie Colin Powell da die deutsche Quelle beschreibt, wissend, dass es erhebliche Zweifel daran gibt, dass die Geschichte stimmt, die der erzählt hat. Und nichts ist passiert.
Die zweite Sache, wenn ich von heute auf die Sache zurückschaue, ist, dass dieses Verdrehen der Wahrheit und dieses Dinge-funktional-oder-opportunistisch-Umgehen mit Informationen damals seinen Ursprung genommen hat und heute zum Prinzip geworden ist in der Politik. Also all das, was wir heute Fake News nennen, alternative Wahrheiten und so, das ist ein Samen, der da wirklich aufgegangen ist zu diesem Zeitpunkt.
Sie hatten sich entschieden, zuerst wollten sie eine Verbindung herstellen zwischen Saddam Hussein und Al-Qaida, das ist gründlich misslungen, das hat am Ende keiner mehr geglaubt, wenn Rumsfeld sich hingestellt hat und das behauptet hat. Dann wurde die Strategie geändert und die Strategie war dann okay. Wenn wir Saddam Hussein nicht als Bösewicht in Verbindung mit Al-Qaida hinstellen können, dann müssen wir ihn als Bösewicht mit dem Griff nach der Massenvernichtungswaffe hinstellen. Dann wurde systematisch nach dem Beweis für etwas gesucht, was als These einfach wichtig war – es gab zuerst die These, dann wurde der Beweis gesucht.
Burg: Sie haben nun einen Spielfilm gedreht, Oliver Keidel hat das Drehbuch geschrieben. Bei der Fülle des Materials, wie sind Sie eigentlich vorgegangen, die Geschichte zu erzählen? Sie haben sich entschieden, chronologisch zu erzählen, mit eingeblendeten Jahreszahlen. Was waren die Überlegungen, wie aus dieser Komplexität der Informationen der Geschichte ein Spielfilm wird?
Naber: Wir haben Jahre recherchiert und standen dann vor einem Berg von Informationen, Fakten und Handlungssträngen, aus denen wir dann wenige aussortieren mussten, die exemplarisch für das Ganze stehen können und mit denen man das Ganze illustrieren kann oder zeigen kann, was da los war.
Anderthalb Stunden ist eine verdammt kurze Zeit, um so einen komplexen Sachverhalt zu erzählen, wenn man auch noch Figuren erzählen will und eine Handlung. Man möchte auch nicht wie ein Geschichtslehrer rüberkommen und einen didaktischen Film machen, der jetzt Weltpolitik erklärt. Das heißt, man muss vereinfachen, man muss ein bisschen schematisieren. Das haben wir dann getan. Wir haben versucht, die Dinge auszufiltern, die fürs Ganzes stehen, die aber auf einfache Art und Weise komplexe Dinge klarmachen.

"Die ganze Geschichte ist grotesk"

Burg: Die Figuren beruhen auch teilweise auf realen Figuren – wie haben Sie die geschaffen? Sind die Typen, die für ein größeres Ganzes stehen?
Naber: Bei Rafid Alwan war es natürlich was Besonderes, den kennt der interessierte Beobachter, oder man kann ihn schnell kennenlernen, wenn man mal nach ihm googelt. Das ist bei allen anderen Akteuren nicht der Fall, die stehen eigentlich im Prinzip entweder Pars pro Toto für einen systematischen Kontext – wie dem BND oder die amerikanische Regierung – oder sind Figuren nachempfunden, die uns bei der Recherche begegnet sind oder über die wir gestolpert sind. Es sind aber alles fiktive Figuren, die letztendlich eher zusammenhängende Sachverhalte illustrieren als eine konkrete lebende Figur.
Burg: Sebastian Blomberg spielt den BND-Biowaffenexperten Dr. Arndt Wolf. Die Art und Weise, wie er spielt, ist total interessant: Er hat schon in "Zeit der Kannibalen" gespielt, auch sehr satirisch, sehr grotesk und ein bisschen mit Comedyelementen, was jetzt bei diesen politischen Themen nicht unbedingt naheliegt. Warum war Ihnen das wichtig, da auch einen Aspekt von Satire mit reinzubringen?
Naber: Die ganze Geschichte ist grotesk. Wenn man sich die Sachverhalte vor Augen führt, dann bleibt am Ende ein Eindruck von einem großen surrealen Desaster. Man kann nicht umhin, dass auch im Film spürbar machen zu wollen. Die Absurdität der ganzen Zusammenhänge, das Groteske an diesem ganzen Komplex, wie aus einer kleinen Geschichte eine große Katastrophe wird, wie der berühmte Schmetterlingsflügelschlag im Amazonasbecken auf der anderen Hälfte der Welt einen Krieg auslöst, das ist schon absurd.
Ich glaube, dass zu einer Übersetzung dieser Narration gehört auch, dass man diesem Absurden einen Raum gibt. Ich glaube auch, dass man dem Zuschauer eine Möglichkeit geben muss, in dem Grotesken und Absurden auch mal loslassen zu können, weil ansonsten kann man nur noch aus dem Fenster springen. Ich glaube, Humor ist eben auch wichtig, um die Realität zu ertragen.
Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandfunk Kultur macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.
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