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Im Gespräch / Archiv | Beitrag vom 06.02.2017

Politologin Gesine Schwan"Ich lebe, um die Welt besser zu machen"

Gesine Schwan im Gespräch mit Susanne Führer

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Gesine Schwan im Studio von Deutschlandradio Kultur (Stefan Ruwoldt / Deutschlandradio)
Die Politologin Gesine Schwan im Studio von Deutschlandradio Kultur. (Stefan Ruwoldt / Deutschlandradio)

Um Demokratie und Rechtsstaat gegen Populisten zu verteidigen, müssen alle mittun: Das verlangt die Politologin Gesine Schwan. Sie komme aus einer "sehr konfliktreichen" Familie, in der beim Essen viel über politisches Engagement und den Weltfrieden diskutiert wurde.

Fremde und Fremdes miteinander zu versöhnen, das ist das Anliegen Gesine Schwans. In den 50er-Jahren ging sie auf ein französisches Gymnasium, Ende der 1960er-Jahre lernte sie Polnisch und promovierte 1970 über den polnischen Philosophen Leszek Kolakowski. 1999 wurde sie Präsidentin der Europa-Universität Viadrina in Frankfurt/Oder.

"Das Verbinden ist für mich eine existenzielle und beglückende Erfahrung. Das kam sicher auch aus der sehr konfliktreichen Familie, aus der ich kam. Denn das waren zwar beachtliche Eltern, aber auch sehr starke Charaktere, die nicht immer gut harmonierten. Und da war meine Rolle, immerfort wieder die Verbindungen herzustellen, wenn es gekracht hatte, und es krachte relativ oft."

Gesine Schwans Eltern hatten sich während des Nationalsozialismus Widerstandskreisen angeschlossen, ein Jahr lang versteckten sie ein jüdisches Mädchen bei sich. Beim gemeinsamen Essen wurde viel diskutiert über politisches Engagement, den Weltfrieden:

"So dass sich die Frage 'Wozu lebe ich überhaupt?' nie stellte. Ich lebe, um die Welt besser zu machen. Punkt."

Als erwachsene Frau ließ sich Gesine Schwan katholisch taufen. "Ohne Glaube kommen wir gar nicht aus", meint sie. Sie lebe im Vertrauen auf eine Instanz, mit der sie kommuniziere:

"Die aber nicht zu mir spricht, der sagt mir ja nichts ins Ohr! Wenn ich bete, bete ich im Bewusstsein dessen, dass ich nicht beweisen kann, dass mir jemand zuhört. Aber ich habe trotzdem nie das Gefühl, ich rede ins Leere."

Mit Ende 20 trat Gesine Schwan in die SPD ein, wegen der Ostpolitik Willy Brandts. Zwei Mal hat Gesine Schwan auf Vorschlag der SPD für das Amt des Bundespräsidenten kandidiert, 2004 und 2009, beide Male unterlag sie Horst Köhler. Ob sie ein drittes Mal antreten würde? Diese Frage wollte sie in unserem Gespräch nicht beantworten.

"Solidarität ist Quelle der Freude"

Gesine Schwan, emeritierte Professorin für Politische Theorie und Philosophie, ist eine Frau, die Spaß hat am Denken, am "Nachdenken über Ursachen und Zusammenhänge, also Analyse", aber auch am  Nachdenken über Lösungen von Problemen. "Diese beiden Denkarten faszinieren mich." Sie möchte mit dem Denken helfen, praktische Lösungen zu finden.

Im Hinblick auf die Erfolge autokratischer, populistischer Politiker wie Erdoğan, Orbán, Trump oder Le Pen ruft Gesine Schwan zum Engagement der Zivilgesellschaft auf. Wenn wir die Demokratie erhalten wollten, wenn wir den Rechtsstaat und die Gerechtigkeit erhalten wollten, dann – so Gesine Schwan – müssen wir alle daran mittun:

"Das vergessen viele: Solidarität ist eine Quelle der Freude!"

Gesine Schwan war am 29. Juli 2016 bei Susanne Führer zu Gast in der Sendung "Im Gespräch". Wir senden eine Wiederholung des Interviews.

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