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Im Gespräch | Beitrag vom 04.11.2020

Politologe Torben Lütjen über die USA"Republikaner und Demokraten teilen keine Lebensbereiche mehr"

Moderation: Annette Riedel

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Porträt von Torben Lütjen. (privat)
Der Politikwissenschaftler Torben Lütjen lebte drei Jahre in Nashville, Tennessee. Heute lehrt er an der Universität Kiel. (privat)

Der Politikwissenschaftler Torben Lütjen hat drei Jahre in Tennessee gelehrt und die USA als polarisiertes Land erlebt. In seinem aktuellen Buch erinnert er sich auch an seine Nachbarn, die glaubten, dass in Deutschland die Scharia gilt.

Die USA sind "schon lange gespalten" betont Torben Lütjen. Aber wohl noch nie war so häufig davon die Rede wie in den letzten vier Jahren. Wer die Spaltung bisher eher für eine Floskel hielt, bekam bedrohliche Beispiele dafür präsentiert. Torben Lütjen kennt die USA schon lange aus dem eigenem Erleben, hat bis zum Frühjahr 2020 drei Jahre mit seiner Familie in Tennessee gelebt.

Keine unpolitischen Bereiche mehr

Für den Sozialwissenschaftler sind es gerade auch die alltäglichen Dinge, die für ihn die Zerrissenheit belegen. "Wenn man auf amerikanische Datingseiten geht, wird in den Sucheinstellungen vorher festgelegt, ob man Republikaner oder Demokrat ist." Wäre der Sport früher der große Zankapfel der Nation gewesen, gäbe es jetzt kaum noch einen Bereich, der nicht unpolitisch sei.

Das Bild zeigt die amerikanische Flagge, Dossier zur US-Wahl 2020 (picture alliance / Wolfram Steinberg)

Viele Diskurse, die Torben Lütjen in den letzten Jahren verfolgte, kommen ihm durchaus bekannt vor. Streit hätte es auch vor Donald Trump gegeben. Aber, so der Politikwissenschaftler, Demokraten und Republikaner würden noch weiter auseinanderstehen als früher. "Ethnische Konflikte, der Kampf zwischen einem säkularem und einem religiösen Amerika, Stadt gegen Land – Trump ist die Ausdrucksform dieser Polarisierung."

Keine Berührungspunkte

Was die beiden Lager immer stärker voneinander trennen würde, sei die unterschiedliche Realitätswahrnehmung. Was Wirklichkeit ist, darüber gäbe es unter Republikanern und Demokraten verschiedene Vorstellungen, "weil sie keine Lebensbereiche mehr teilen, keine Berührungspunkte mehr haben. Weil sie vor allem durch die Medien in sehr unterschiedlichen Echokammern leben. Und dadurch sind sie kulturell auch sehr unterschiedlich", so der Politikwissenschaftler an der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel.

2016, kurz nach der Wahl von Donald Trump, erhielt Torben Lütjen in Nashville eine Professur. Die Stadt ist eine Insel der Demokraten in der Republikaner-Hochburg Tennessee. Viele Kolleginnen und Kollegen an der Universität hätten mit Unverständnis reagiert. "'Willst du wirklich dorthin ziehen?' Das fand ich sehr merkwürdig. Als Sozialwissenschaftler konnte man sich anschauen, was passiert. Insofern hat mich das total gereizt."

Nachbar Donald und die Scharia

Der Nachbar in Nashville sollte ausgerechnet Donald heißen, natürlich ein glühender Trump-Anhänger. Zusammen mit dessen Partnerin hätte das zu sehr speziellen Begegnungen geführt. "Irgendwann lernten wir seine Freundin kennen. Da machten wir so einen deutschen Weihnachtskaffee, mit aufgetauter Donauwelle von Aldi und spielten 'O Tannenbaum', das fanden die alles ganz gut. Und dann kamen wir auf die Politik zu sprechen. Dann sagte Donalds Girlfriend, sie habe immer nach Deutschland fahren wollen. Aber das ginge jetzt nicht mehr, weil die Scharia überall in deutschen Städten herrschen würde."

Auch darüber hat Torben Lütjen in seinem aktuellen Buch "Amerika im Kalten Krieg: Wie ein Land seine Mitte verliert" geschrieben.

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Was wird bleiben über die Präsidentschaft von Donald Trump hinaus? Dessen Stil vielleicht, die Lügen und Beleidigungen? "Es gibt in ganz existenziellen Konfrontationen, wie wir sie hier haben, da gibt es einen Prozess von Feindesimitation. Man will den Feind bekämpfen, man will ganz anders sein und spiegelt am Ende dessen schlechte Seiten. Also die Demokraten sind auch nach links gerückt, haben manchmal auch verschwörungstheoretische Züge", sagt Torben Lütjen.

Immerhin, für Deutschland bleibt der Politikwissenschaftler weiterhin ein wenig optimistisch. "Ich glaube, dass Deutschland ein paar andere Halteseile hat oder Mechanismen, wo zumindest eine Figur wie Trump nicht auftauchen kann. Weil wir Parteien haben, die solche Figuren in dieser Art verhindern."

(ful)

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