Politisches Theater
Die Inszenierung "Antigona Oriental" von Volker Lösch feierte in Montevideo Premiere. Das Stück ist ein Produktion des Goethe-Instituts Uruguay - die phantsievolle Aufführung war auch politisch, denn es geht auch um die Opfer der Militärdiktatur in dem Land.
"Wir fühlen uns nicht als Opfer. Wir waren Protagonisten eines historischen Moments. Mit 20 hatten wir so viel Kraft, Energie, so viele Träume."
Doch sie waren auch Opfer der zwischen 1973 und 1982 in Uruguay herrschenden Militärdiktatur, deren Peiniger vor aller Bestrafung gesetzlich geschützt sind. So sitzen sie zunächst auf ihren Stühlen ganz hinten auf der Bühne im Dunkeln, die 20 Frauen, und sprechen erstmals öffentlich von Verhaftung, Folter und zerstörten Familien.
Dabei rücken sie mit ihren Stühlen Schritt für Schritt weiter ins Licht. Sie erzählen, um jeder falschen Betroffenheit auszuweichen, in Chorgruppen von ihren Schicksalen:
"Die Frau ist immer nackt. Du wirst ausgezogen, ob du deine Tage hast oder nicht, egal. Manche dringen in uns ein und wir bekommen Sachen in die Scheide gesteckt, immer werden wir angegrabscht. Einer ejakuliert in meinen Mund."
Das Goethe-Institut in Montevideo hat sich mit dem Regisseur Volker Lösch und engagierten, betroffenen Frauen an der Aufarbeitung eines gesellschaftlichen Traumas versucht. Es ist eine freie Produktion, für die man immerhin mit dem Teatro Solis das mit über 1000 Sitzen größte Theater Uruguays nutzen kann. Die Premiere war völlig ausverkauft.
Regisseur Volker Lösch hat in seiner Jugend sechs Jahre in Montevideo gelebt.
Alle anderen Beteiligten sind uruguayische Künstler, die Schauspieler, die als Dramaturgin tätige Regisseurin und Autorin Marianella Morena und die 20 Frauen. Es ist ein über zwei Jahre in Montevideo erarbeiteter Abend, der den Kampf des Einzelnen gegen das Recht des Staates ganz konkret untersucht, indem er die uruguayische Militärdiktatur mit der "Antigone" von Sophokles verschneidet. Wenn der Frauenchor der Antigones an der Bühnenrampe angekommen sind, fordern diese ihr Recht auf Beachtung.
Der Chor der 20 Antigones besteht aus kraftvollen, selbstbewussten Frauen. Doch keiner ist es leicht gefallen, auf die Bühne zu gehen. Irma Leites und Ana Demarco:
"Diese Themen sind natürlich unheimlich bewegend. In dem Maße, in dem man anfängt zu erzählen, erweckt man ein inneres Monster, und wir umarmen uns und geben uns Halt und unterstützen uns gegenseitig."
Der Abend ist selbst da, wo er drastisch wird, nie voyeuristisch oder spektakelhaft. Drei Männer in hellblauen Anzügen spielen gemeinsam einen Kreon, dem Texte und Eigenschaften des augenblicklichen Präsidenten mitgegeben werden. Denn der ist ein ehemaliger Tupamaro, der selbst lange in einem Erdloch gefangen gehalten worden ist.
Doch er hält am sogenannten Hinfälligkeitsgesetz fest, das keine Anklagen gegen ehemalige Folterer mehr erlaubt. So spricht Kreon Sätze, mit denen der Präsident verkündete, jetzt müsse nur noch in die Zukunft geschaut werden. Und Senor Presidente, der kaum hundert Meter vom Theater entfernt im Präsidentenpalast wohnt, wird von der Bühne herab auch direkt fordernd angesprochen.
Aber über weite Passagen wird der Sophokles-Text gesprochen, denn immer geht es um die Frage, welches Recht der einzelne gegenüber dem Recht des Staates besitzt.
Volker Lösch: "Wir sind natürlich immer an der Geschichte der Antigone geblieben. Wir sind immer an den Stellen, an denen Antigone in eine Situation kommt, die mit Erlebnissen dieser Frauen korrespondieren kann, dann in den Versuch getreten, da Verbindungen her zu stellen. Und da zum Beispiel an der Stelle, als sie erzählen, was ihnen in der Folter erfahren ist, was sie ausdrücklich wollten.
Ich habe das vorsichtig nachgefragt, ich habe das sehr forciert, dass sie das machen möchten, an der Stelle, an der das Todesurteil ausgesprochen wird, Ismene misshandelt wird von Kreon und das die Traumata auslöst. Also es wird immer verknüpft natürlich mit Dingen, die der Fabel Antigone dienen."
Ismene, die aus dem Publikum kommt, übernimmt die Anklage des Teiresia und wird von den Kreons handgreiflich angegangen. Die sind eindeutige Machos, was in einer Grillszene mit viel Fleisch und Männergetue kritisch ausgestellt wird. Nach Antigones Tod liest der Chor die Namen von Folterern von langen Papierbahnen ab, von Menschen, die unbehelligt als erfolgreiche Geschäftsleute herumlaufen. Dann werden Fotos von Opfern ins Publikum geworfen.
Es ist ein phantasievoller, politischer Theaterabend, dem das Publikum gebannt folgte und stehend kräftig applaudierte. Zum Schluss erklären drei junge Frauen, dass sich ihre Generation zu wenig für die Zeit der Militärdiktatur interessiere, was sich ändern müsse. Zuvor aber singen alle, auch die Toten, in roter Abendkleidung, eine Murga, also ein Spottlied auf die Linken und ihr Verhältnis zur Macht.
Doch sie waren auch Opfer der zwischen 1973 und 1982 in Uruguay herrschenden Militärdiktatur, deren Peiniger vor aller Bestrafung gesetzlich geschützt sind. So sitzen sie zunächst auf ihren Stühlen ganz hinten auf der Bühne im Dunkeln, die 20 Frauen, und sprechen erstmals öffentlich von Verhaftung, Folter und zerstörten Familien.
Dabei rücken sie mit ihren Stühlen Schritt für Schritt weiter ins Licht. Sie erzählen, um jeder falschen Betroffenheit auszuweichen, in Chorgruppen von ihren Schicksalen:
"Die Frau ist immer nackt. Du wirst ausgezogen, ob du deine Tage hast oder nicht, egal. Manche dringen in uns ein und wir bekommen Sachen in die Scheide gesteckt, immer werden wir angegrabscht. Einer ejakuliert in meinen Mund."
Das Goethe-Institut in Montevideo hat sich mit dem Regisseur Volker Lösch und engagierten, betroffenen Frauen an der Aufarbeitung eines gesellschaftlichen Traumas versucht. Es ist eine freie Produktion, für die man immerhin mit dem Teatro Solis das mit über 1000 Sitzen größte Theater Uruguays nutzen kann. Die Premiere war völlig ausverkauft.
Regisseur Volker Lösch hat in seiner Jugend sechs Jahre in Montevideo gelebt.
Alle anderen Beteiligten sind uruguayische Künstler, die Schauspieler, die als Dramaturgin tätige Regisseurin und Autorin Marianella Morena und die 20 Frauen. Es ist ein über zwei Jahre in Montevideo erarbeiteter Abend, der den Kampf des Einzelnen gegen das Recht des Staates ganz konkret untersucht, indem er die uruguayische Militärdiktatur mit der "Antigone" von Sophokles verschneidet. Wenn der Frauenchor der Antigones an der Bühnenrampe angekommen sind, fordern diese ihr Recht auf Beachtung.
Der Chor der 20 Antigones besteht aus kraftvollen, selbstbewussten Frauen. Doch keiner ist es leicht gefallen, auf die Bühne zu gehen. Irma Leites und Ana Demarco:
"Diese Themen sind natürlich unheimlich bewegend. In dem Maße, in dem man anfängt zu erzählen, erweckt man ein inneres Monster, und wir umarmen uns und geben uns Halt und unterstützen uns gegenseitig."
Der Abend ist selbst da, wo er drastisch wird, nie voyeuristisch oder spektakelhaft. Drei Männer in hellblauen Anzügen spielen gemeinsam einen Kreon, dem Texte und Eigenschaften des augenblicklichen Präsidenten mitgegeben werden. Denn der ist ein ehemaliger Tupamaro, der selbst lange in einem Erdloch gefangen gehalten worden ist.
Doch er hält am sogenannten Hinfälligkeitsgesetz fest, das keine Anklagen gegen ehemalige Folterer mehr erlaubt. So spricht Kreon Sätze, mit denen der Präsident verkündete, jetzt müsse nur noch in die Zukunft geschaut werden. Und Senor Presidente, der kaum hundert Meter vom Theater entfernt im Präsidentenpalast wohnt, wird von der Bühne herab auch direkt fordernd angesprochen.
Aber über weite Passagen wird der Sophokles-Text gesprochen, denn immer geht es um die Frage, welches Recht der einzelne gegenüber dem Recht des Staates besitzt.
Volker Lösch: "Wir sind natürlich immer an der Geschichte der Antigone geblieben. Wir sind immer an den Stellen, an denen Antigone in eine Situation kommt, die mit Erlebnissen dieser Frauen korrespondieren kann, dann in den Versuch getreten, da Verbindungen her zu stellen. Und da zum Beispiel an der Stelle, als sie erzählen, was ihnen in der Folter erfahren ist, was sie ausdrücklich wollten.
Ich habe das vorsichtig nachgefragt, ich habe das sehr forciert, dass sie das machen möchten, an der Stelle, an der das Todesurteil ausgesprochen wird, Ismene misshandelt wird von Kreon und das die Traumata auslöst. Also es wird immer verknüpft natürlich mit Dingen, die der Fabel Antigone dienen."
Ismene, die aus dem Publikum kommt, übernimmt die Anklage des Teiresia und wird von den Kreons handgreiflich angegangen. Die sind eindeutige Machos, was in einer Grillszene mit viel Fleisch und Männergetue kritisch ausgestellt wird. Nach Antigones Tod liest der Chor die Namen von Folterern von langen Papierbahnen ab, von Menschen, die unbehelligt als erfolgreiche Geschäftsleute herumlaufen. Dann werden Fotos von Opfern ins Publikum geworfen.
Es ist ein phantasievoller, politischer Theaterabend, dem das Publikum gebannt folgte und stehend kräftig applaudierte. Zum Schluss erklären drei junge Frauen, dass sich ihre Generation zu wenig für die Zeit der Militärdiktatur interessiere, was sich ändern müsse. Zuvor aber singen alle, auch die Toten, in roter Abendkleidung, eine Murga, also ein Spottlied auf die Linken und ihr Verhältnis zur Macht.
