Heike-Melba Fendel ist Künstler-/PR-Agentin und Inhaberin der Agentur Barbarella Entertainment. Sie arbeitet außerdem als Journalistin und Buchautorin. Fendel gehört zum Autorinnenkollektiv der Kolumne „10 nach 8 – politisch, poetisch, polemisch“ auf zeit.de. 2009 erschien ihr aus 99 Geschichten bestehender Roman „nur die“ bei Hoffmann und Campe. Ihr zweiter Roman „Zehn Tage im Februar“ (2017) spielt vor dem Hintergrund der Berlinale.
Meinung: Frauennetzwerke
Immer mehr Veranstaltungen und Netzwerke richten sich ausschließlich an Frauen. Hilft das der Gleichberchtigung? © picture alliance / Westend61 / Elena Sapegina
Weibliche Monokultur ist auch keine Lösung
04:31 Minuten

Ohne Frauensolidarität, Frauennetzwerke und Räume nur für Frauen hätte es wohl kaum Emanzipation gegeben. Doch haben solche Veranstaltungen auch heute noch Sinn? Die Autorin und Künstler-Agentin Heike-Melba Fendel findet: eher nicht.
“Mensch”, sage ich zu dem Kollegen beim Scannen der Einladungen für die diesjährige Berlinale, "so viele Veranstaltungen von Frauen für Frauen hat es ja noch nie gegeben”. “Das kann ich nicht beurteilen,” entgegnet er: “Ich bin da ja nicht eingeladen.”
Zu bedauern scheint er es nicht. Ich umgekehrt schon. Weibliche Monokultur erlebe ich weniger als fortschrittlich, sondern vor allem als kontraproduktiv. Das exklusive Entscheiderinnendinner beim Edelitaliener hier, das "Flinta only"-Kampftreffen im Safe Space dort, oder der Filmfrauenstammtisch im Hinterzimmer der auch von Männern besuchten Kneipe: Auf der Berlinale setzt sich fort, was im privaten wie digitalen Raum Konsens zu sein scheint: Männer stören einfach.
Endlich nachholen, was Männerklubs seit jeher tun
Da ist zum einen der größere Spaß, den frau angeblich ohne sie hat: beim Wellnesswochenende oder Mädelsabend etwa oder dem gemeinsamen Konsum mittelmäßiger Romcoms - romantischer Komödien - nach ein paar Runden Prosecco. Männer sind hier wie dort als Thema omnipräsent, frau lästert umfassend, analysiert Text- und Sprachnachrichten von Kandidaten oder Abzuservierenden und hechelt optische und sonstige Vorzüge designierter Toyboys durch.
Dann wären da die Legionen Coaching-, Business- und Netzwerk-Anlässe, wo Gläserne-Decken-Zerschmettern mit geradezu olympisch anmutendem Furor trainiert wird. Frau will hier endlich nachholen, was die Old-Boy-Klubs seit Jahrhunderten - ach was, Jahrtausenden - vorgemacht haben: Wie man knallhart verhandelt, zielsicher die Vitamin-B-Spritze ansetzt und den Deckungsbeitrag 2 in astronomische Höhen schraubt.
#menaretrash - Frauen in sozialen Medien wollen abstinent werden
Last und sicherlich least sind Männer insgesamt im Leben der Frauen unerwünscht, weil sie es insgesamt verkackt haben. Eine Spezies, die all die Wein- und Epsteins, die Trumps und Pélicots hervorgebracht hat, muss in Summe gecancelt werden. Hashtags wie menaretrash, boysobriety oder zuletzt heterofatalismus praktizieren auf Social Media im handelsüblichen Empörungsduktus vielstimmiges Männerbashing. Toxisch bleibt toxisch, da helfen keine Therapien und keine Treueschwüre.
“Wir müssen leider draußen bleiben” stand dereinst auch auf Schildern vor Gaststätten und Geschäften zu lesen, oft versehen mit dem Bild eines netten, ein wenig traurig dreinblickenden Hündchens. Denn, klar, die Vierbeiner kläffen, riechen und sondern schon einmal die eine oder andere Körperflüssigkeit ab. Männern hingegen kann man eine zunehmende Reinlichkeit nicht absprechen, Sitzpinkeln ist weitgehend gelernt und Manspreading und -splaining sind, wenn nicht abgeschafft, so doch deutlich auf dem Rückzug.
Es scheint, je mehr Männer sich Mühe geben, Muster zu überwinden, Weiblichkeitsanteile in sich zu stärken und hin und wieder sogar auf Privilegien zu verzichten, desto verlorener ihr Posten. Es ist nicht genug, es wird nie reichen. Es reicht allein den Frauen. Sisters are doing it for themselves.
Mag sein, frau hat recht und das und vieles Schreckliche mehr haben ja nun einmal allein die Männer verbockt. Warum also sollte man den Bock zum Gärtner machen?
Es braucht ein Miteinander der Geschlechter
Nun, vielleicht, weil es so viele Problemfelder zu beackern gibt, dass es nur gemeinsam geht: mit dem Renaturieren zerstörter Biotope etwa oder dem der zwischenmenschlichen Verwüstung, die der Geschlechterkampf hinterlassen hat. Und dazu gehört auch, dass immer jüngere Männer immer tiefer in die sogenannte Manosphere hineingezogen werden. Diversität zu fordern, ohne ein Miteinander der Geschlechter als Grundlage zu sehen, scheint mir ein Widerspruch in sich zu sein.
Heute beginnt ja nicht nur die Berlinale, sondern mit der Weiberfastnacht auch der Straßenkarneval. Und vielleicht lässt sich ja etwas von den rheinischen Närrinnen abschauen. Die feiern nämlich weiterhin gemeinsam mit den Männern, allerdings nicht ohne zuvor die Rathäuser gestürmt zu haben.


















