Politische Wendepunkte

    Die Wiedergeburt des Fegefeuers

    04:34 Minuten
    Waldbrand bei Attika in Griechenland -
    Griechenland sieht die Klimakrise auf sich zurollen: Waldbrände bei Attika im Sommer 2021. © picture alliance / ANE / Eurokinissi / Tatiana Bolari
    Gedanken von Heribert Prantl · 29.10.2021
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    Ob Klimawandel oder Kriege: Unsere Gesellschaften stehen vor existenziellen Wendepunkten. Als wären wir im Fegefeuer – einem Ort der Läuterung – ist es an uns, zwischen Himmel und Hölle zu wählen, meint Journalist Heribert Prantl.
    Wir erleben derzeit so etwas wie die Wiedergeburt des Fegefeuers. Im Mittelalter war dieser Ort im Jenseits nach dem Tod angesiedelt: Das Fegefeuer brennt aber diesmal nicht im Jenseits, sondern im Diesseits. Es ist aber jenseits einer Wirklichkeit, die auf die Illusion des "Weiter so" setzt.
    Wir leben in einer Zeit, in der sich mit dem Klimawandel die Hölle auf Erden ankündigt. Es kann aber auch gelingen, am Heilwerden der Welt zu arbeiten. Fegefeuer: Es geht dabei immer wieder darum, aus der Destruktivität herauszukommen – im Nahen und mittleren Osten, in Afghanistan, in einem Europa, in dem Flüchtlinge Aufnahme finden wollen und sollen. Die Politik kann ihren Teil zum Heilwerden beitragen.

    Egoismus und Rassismus anstelle von Teufel und Hölle

    Fegefeuer ist in der katholischen Theologie die dritte Abteilung des Jenseits. Es brennt in der Mitte, im Zwischenraum zwischen Himmel und Hölle. Es brennt für diejenigen Menschen, die für die Hölle zu gut, aber für den Himmel noch zu schlecht sind. Für sie wird das Fegefeuer, lateinisch Purgatorium, zum Ort der Läuterung. Das Fegefeuer ist also, anders als die Hölle, kein Ort der ewigen Verdammnis und der ewigen Verzweiflung, sondern nur der zuversichtlichen Halbverzweiflung – weil es, bei allen Torturen, die man dort erleidet, die Gewissheit der Hoffnung gibt, dass die Qual nach ungewisser Zeit endet.
    An Hölle und Teufel glauben selbst die, die sich Christen nennen, nicht mehr so richtig. Die Teufeleien heute haben andere Namen: Sie heißen Egoismus, Individualismus, Fundamentalismus. Sie heißen Profitismus, Marktradikalismus, Nationalismus und Rassismus. All diese "-ismen" sind nicht abstrakt. Sie haben Macht. Sie haben Kulte. Sie haben Gläubige. Sie haben Messiasse. Sie haben Jünger. Die Frage heute ist nicht die nach einem gnädigen Gott, sondern nach gnädigen Verhältnissen in einer Welt, die sich selbst vergiftet und zerstört.

    Aussicht auf Himmel und Hölle

    Das alte Fegefeuer war ein wichtiges, aber irreales Element im Weltbild und in der Lebenswirklichkeit des Mittelalters. Das neue Fegefeuer gehört zur realen Lebenswirklichkeit des 21. Jahrhunderts. Man hat die Großbrände in Südeuropa, in Kanada, in Kalifornien, in Russland und Australien vor Augen. Sie zeigen an, dass es unheilvoll heiß wird, dass wir also in einem neuen Purgatorium angekommen sind, in einer Welt zwischen Himmel und Hölle, bedrohlich nah an Letzterer.
    Beim alten Fegefeuer war es so, dass es nach vielen Qualen einzig und allein den Weg in den Himmel gab. Beim neuen Fegefeuer gilt das nicht. Da gibt es beides – es gibt die Aussicht auf den Himmel und die Aussicht auf die Hölle. Auch wenn die Zeichen schlecht stehen: Es ist nicht ausgemacht, dass zwangsläufig die Hölle kommt, die Hölle auf Erden. Gewiss: Früher gesetzte Klimaziele sind schon jetzt definitiv nicht mehr erreichbar. Die Konsequenz kann aber nicht sein, jetzt alles laufen zu lassen, sondern zweierlei zu tun. Erstens: eine Politik zu entwickeln, die dem Wandel gewachsen ist. Zweitens: Städte bauen, Wälder und Gewächse pflanzen, die den Wandel lebbar machen.

    Demokratie – das Fegefeuer als Staatsform

    Demokratie ist eine anstrengende Angelegenheit. Sie ist das Fegefeuer als Staatsform. Demokratie ist der Platz zwischen Utopie und Tyrannei, der Ort, um die Welt zu entchaotisieren. Das Prinzip Verantwortung bewährt sich im Fegefeuer. Es findet den Pfad, trotz aller Wendungen des Zeitgeists, zur neuen Ethik für die technologische und digitale Zivilisation. Diese neue Ethik erfordert eine neue Wachsamkeit, einen neuen Begriff von Heimat, ein neues Verständnis von Sicherheit.
    Wolfgang Schäuble hat einmal in einer großen Rede auf Matthias Erzberger, einen der Gründerväter der Weimarer Republik, gesagt: Gepaart mit Mut und Verantwortungsbereitschaft befähige die Demokratie Menschen zu großer Hingabe und zu großen Leistungen. Das ist so. Das ist das Fegefeuerische an der Demokratie. Sie ist, wenn es gut geht, wenn sie gelebt wird, die institutionalisierte Läuterung. Sie hält die Zukunft offen.

    Heribert Prantl, Jahrgang 1953, ist promovierter Jurist und war bis 2019 Leiter der Ressorts "Innenpolitik und Meinung" sowie Mitglied der Chefredaktion der "Süddeutschen Zeitung". Für seine Arbeiten wurde er mit zahlreichen Auszeichnungen geehrt, unter anderem mit dem Kurt-Tucholsky-Preis und dem Theodor-Wolff-Preis. Zuletzt ist von ihm im Langen Müller Verlag das Buch "Himmel, Hölle, Fegefeuer. Eine politische Pfadfinderei" erschienen.

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