Politische Tragödie, demokratische Katharsis

Der Kabinettstisch im Kanzleramt in Berlin © AP
Von Matthias Gronemeyer · 10.01.2012
Die große Politik ist Theater und ihre Akteure sind tragische Helden, meint der Publizist Matthias Gronemeyer. Als Zuschauer sind wir dabei vom Zwang zur Entscheidung befreit - und können uns an den dramatischen Ereignissen gefahrlos selbst verorten.
Als Ödipus auf seinem Rückweg vom Orakel in Delphi auf seinen Vater, den König Laios traf, erkannte er diesen nicht, sondern sah in ihm nur einen herrischen alten Wegelagerer. Frustriert und aggressiv ob des Orakelspruchs, erschlug er ihn im Streit. In einer anderen Tragödie des Dichters Sophokles erschlägt der Held Aias nicht seine Gegner, sondern metzelt irrtümlich eine Herde Rinder nieder. Das sind zwei Beispiele von Blindheit, wie sie für das antike Drama typisch sind. Auch wenn die Autoren vorderhand mythologische Stoffe verarbeiteten, bildeten sie mit ihren Stücken auch soziale und politische Realitäten ab. Gleichermaßen beobachten wir auch heute regelmäßig die Blindheit der Akteure auf der politischen Bühne.

Der Bundespräsident wollte nicht sehen, dass wer vom Freunde leiht, nicht nur Geld, sondern auch Dankbarkeit schuldet. Das Publikum sah es wohl. Und die Kanzlerin befindet sich in Sachen Euro-Rettung in einem ähnlichen Dilemma wie weiland Agamemnon: Entweder die eigene Tochter Iphigenie zu opfern (sprich der Deutschen Steuergeld) oder als gottloser Deserteur dazustehen (sprich die Euro-Gemeinschaft zerbrechen zu lassen). Wir wissen, dass sich der griechische Fürst für das Opfer entschied und die folgende Belagerung Trojas viele Unschuldige das Leben kostete.

Das Tragische daran ist, dass die Handelnden in ihrem jeweiligen System gefangen sind und gar nicht anders können. Im antiken Drama schlugen die Götter die Akteure mit Blindheit, in unserer aufgeklärten Zeit sind es der Stress und die permanente kognitive Überforderung, verursacht durch überkomplexe Situationen. Politik und Wirtschaft sind so selbstreferenziell, dass der kleinste Hauch gleich einen Sturm auslösen kann. So ließ allein der Gedanke an einen griechischen Bankrott die Kurse in den Keller rauschen. Der Raum für wohlüberlegte Entscheidungen fehlt. Kein Wunder, dass viele Politiker ihr Heil in holzschnittartigen Thesen suchen und ihr Handeln immer wieder als alternativlos bezeichnen.

Wenn also die große Politik Theater ist und ihre Akteure tragische Helden sind, was bedeutet das dann für uns, für das Publikum? Aristoteles stellte in seinen Betrachtungen über das Theater die These auf, dass das schauderhafte Treiben auf der Bühne beim Zuschauer eine kathartische, also reinigende, Wirkung entfalte. Weil wir von Natur aus eine Anlage zum Guten hätten, führte Schiller im Rückgriff auf Kant den Gedanken fort, würde jede Verfehlung, jedes tragische Scheitern unseren moralischen Sinn reizen. Die geistige Übermacht, die wir gegenüber den Strauchelnden empfinden, entschädigt uns demnach für die praktische Ohnmacht, die wir angesichts des entrückten Polit-Betriebs erfahren.

Das Nicht-Handeln-Können ist eben auch ein Nicht-Handeln-Müssen. Als Zuschauer sind wir vom Zwang zur Entscheidung befreit, dem nach Jean-Paul Sartre eigentlich unsere ganze Existenz unterworfen ist. Durch unseren eigenen Alltag tappen wir blind. Als Zuschauer dagegen sind wir die Sehenden. Wir können uns an den dramatischen Ereignissen gefahrlos selbst verorten und werden an unsere moralische Eigen- und Sozialverantwortlichkeit erinnert.

Die Verfehlungen und ungeheuerlichen Entscheidungen des politischen Personals sind also gar nicht so demokratiegefährdend, wie in letzter Zeit gehäuft befürchtet wird. Das Gegenteil trifft zu: Weil wir die kompromittierenden Folgen sehen, wollen wir nicht an der Tafel der Schönen und Reichen sitzen. Und nie würden wir unsere Töchter für irgendein metaphysisches großes Ganzes opfern.

Wenn wir das Handeln der Politiker als Theater begreifen, dann führt uns die Poetologie zu der Erkenntnis, dass just die Schwächen der Demokratie genau den mündigen Bürger hervorbringen, dessen die Demokratie so dringend bedarf.

Nur wenn die politischen Führer versuchen, mit aller Macht ihrem tragischen Schicksal zu entgehen (siehe die arabischen Potentaten), oder ein Trauerspiel hartnäckig als Komödie aufführen (siehe Berlusconi), dann stürmt das Publikum zu recht die Bühne und jagt die Mimen fort.

Matthias Gronemeyer, Jahrgang 1968, ist Philosoph, Autor und Publizist. Er lehrt an der PH Ludwigsburg. In seinem Buch "Profitstreben als Tugend?" (Marburg 2007) hat er sich mit den Notwendigkeiten und Grenzen des Kapitalismus auseinandergesetzt. Im Renneritz Verlag erschien unter dem Pseudonym M. Grabow sein Romandebüt "Hanna", in dem er von einer Liebe in Zeiten der Gentechnik erzählt.
Matthias Gronemeyer
Matthias Gronemeyer© Iris Merkle
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