Politische Karrieren

Unsere schöne neue Teflon-Gesellschaft mbH

Donald Trump steht am 20. November 2016 vor der Tür am Klubhaus des Trump International Golf Club, in Bedminster Township, New Jersey, USA
Donald Trump - bleibt keine Anklage an ihm haften? © dpa / picture-alliance / Peter Foley
Von Pieke Biermann · 16.12.2016
"Teflon Don" wurde er genannnt - John Gotti, ein zu Ruhm gekommener Mafiaboss. Lange Zeit blieb keine Anklage an ihm haften. "Teflon Don" wird auch Donald Trump genannt. Mal sehen, ob an ihm was haften bleibt. Die Autorin Pieke Biermann hat sich Gedanken über Antihaftpolitiker gemacht.
Kleines Preisrätsel: Wem werden folgende Eigenschaften zugeschrieben? Reaktionsträge, fest, beständig gegen ätzendste Angriffe, größte Hitze und klirrendste Kälte, nicht brennbar; gleitet – falls überhaupt – ruckfrei vom Stillstand in eine Bewegung, extrem oberflächenentspannt, nichts bleibt haften, nicht mal die Saugfüßchen von Gekkos.

Die Teflon-Metaphorik schießt aus allen Keyboards

Wenn Sie größere Teile Ihres Lebens mit Heim und Herd verbringen, fällt Ihnen vermutlich spontan Ihre Teflon-Pfanne ein. Ihr präfaktisch gepolter Lebensgefährte ergänzt, Teflon sei wie Nasenspray: ein Kollateralbonus der Weltraumforschung. Und wer dem Verein "Wohlfeile-Wut-Bürger" angehört, denkt inzwischen automatisch an "die da oben", vulgo: Politiker, gern auch weiblicher Bauart. Früher, sagen wir zu Frank Zappas Zeiten, wurden Promis aller Art als plastic people geschmäht. Mitte der 1990er Jahre bekam Plastik eine eigene Steigerungsform – aus O. J. Simpson wurde "ein Mann wie Teflon", an ihm war selbst eine Doppelmordanklage abgeperlt. Und seit der Jahrtausendwende schießt die Teflon-Metaphorik aus den Keyboards wie Pilze aus schimmeligen Wänden.

Teflon-Tony und Teflon Faymann

Für Cool Britannia avancierte Premierminister Blair rasch zum Teflon-Tony; derzeit geht der österreichische FPÖ-Rechtsaußen Heinz-Christian Strache als HC Teflon durch, der SPÖ-Kanzler war schon ab 2008 Teflon-Faymann; an Italiens Berlusconi schien lange Zeit kein Dreck kleben zu bleiben; durch die 2006 geleakten Depeschen von US-Diplomaten schwirrte die deutsche Bundeskanzlerin als Angela Teflon Merkel; 2016 würdigt die Zeit Frank-Walter Steinmeier, den Ex-Kanzleramtschef, Noch-Außenminister und Wohl-bald-Bundespräsidenten, als "Der Teflon-Zeuge". Selbst spirituellen Antipoden der modernen Plastikwelt geht das Wort leicht von der Hand: Resilienz-Coaches etwa wenden es flugs ins Positive, empfehlen ein "Teflon-Ich" zur Stärkung der individuellen Widerstandskraft und diesbezügliche Trainings zum "achtsamen Weg des Teflon-Prinzips".

Gesellschaft mit immer beschränkterer Haftung

Eine noch hübschere idiomatische Volte gelingt nur der Faz. Sie titelt im Februar dieses Jahres: "Teflon-Trump lässt nichts anbrennen". Oh anspielfreudige deutsche Sprache! Was in der Pfanne nicht haftet, brennt auch nicht an. Wer nichts anbrennen lässt dagegen – nun ja, der ist reaktionsschnell und agiert gern am Rand des Erlaubten. Das wiederum taugt als Haftgrund. In unserer schönen neuen Gesellschaft mit immer beschränkterer Haftung, in der das "Gefühlte" mehr wiegt als Fakten, allerdings immer seltener. Stattdessen scheinen Politiker heutzutage darum zu buhlen, als der "Teflonste" von allen zu gelten. Sieger ist einstweilen der künftige US-Präsident, in Gott-gleiche Höhen erhoben zum Teflon-Don.

Schiefe Teflon-Metapher

Bleiben wir trotzdem kurz bei ein paar Fakten. Das später Milliarden generierende Polytetrafluorethylen wurde keineswegs in Raumschiffen getestet – die gab's erst später –, sondern in Atombomben: als Polster für das hoch-reaktive Uran. Auch naturwissenschaftlich ist die Teflon-Metapher so schief wie der berühmte Quantensprung: An Angela Merkel, die zur Zeit einen Spitzenplatz unter den verbal Beschichteten hält, klebt erstens seit je der Vorwurf, sie mache keine Politik, sie re-agiere bloß andauernd. Aber reagieren tut, zweitens, PTFE genau nicht.
Egal, wer will denn Erbsen zählen! Zum Glück ist Teflon doch schön geschlechtsneutral: Es bleibt an Politikern und Politikerinnen gleichermaßen haften. Oder?

Pieke Biermann, Jahrgang 1950, lebt und arbeitet als freie Schriftstellerin, Übersetzerin und Journalistin in Berlin.

Die Schriftstellerin Pieke Biermann bei uns im Funkhaus
© Deutschlandradio / M. Hucht