Politische Trikotwerbung

Zwischen Bekenntnis zum Grundgesetz und politischer Agitation

06:30 Minuten
Das Trikot vom Torhüter von TeBe in Rückansicht durch ein Tornetz fotografiert beim Spiel in der Fußball-Regionalliga Nordost, Saison 2021/2022, 7. Spieltag, FC Eilenburg vs. Tennis Borussia Berlin.
Der Versuch von Tennis Borussia, eine Trikotwerbung für einen Fonds für Opfer rechter Gewalt einzuführen, hat eine Debatte angestoßen. © imago / opokupi
Von Thomas Jaedicke · 12.12.2021
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Die Kicker von Tennis Borussia wollten ein Zeichen gegen rechts setzen und Trikotwerbung für einen Fonds für Opfer rechter Gewalt machen. Doch das wurde ihnen vom Nordostdeutschen Fußballverband verboten. Nun kommt Bewegung in die Sache.
Der Fußball-Regionalligist Tennis Borussia Berlin (TeBe) wollte aus der Not eine Tugend machen. Weil man für die laufende Saison keinen Hauptsponsor fand, sollte der prominente Platz auf der Trikotbrust gratis an CURA gehen, einen Fonds der Amadeu-Antonio-Stiftung, der Opfer rechtsextremer Gewalt unterstützt.
Doch politische Aussagen sind laut der Spielordnung verboten, meldete sich der Nordostdeutsche Fußballverband (NOFV) und grätschte dazwischen.

Kein kategorischer Ausschluss mehr

Nun wurde aber auf der jüngsten Präsidiumssitzung des Verbandes beschlossen, die Spielordnung zu ändern. Wie Geschäftsführer Holger Fuchs Deutschlandfunk Kultur sagte, wird künftig Werbung mit politischen Gruppierungen und politischen Aussagen nicht mehr kategorisch ausgeschlossen.
Wenn die Botschaften sich gegen rassistische, fremdenfeindliche, homophobe und verfassungsfeindliche Meinungen richten, könnten sie unter Umständen genehmigt werden. Darüber entscheide jedoch weiterhin das NOFV-Präsidium, so Fuchs.
Tennis Borussia (TeBe) hat sich in der Zwischenzeit etwas anderes einfallen lassen. Statt "Cura" steht jetzt, bis ein neuer zahlender Hauptsponsor gefunden wird, "Tekiez" auf der Trikotbrust. Das ist ein Frühstückscafé in Halle an der Saale, das aus dem Dönerimbiss entstand, in dem ein rechtsextremistischer Attentäter nach dem Anschlag auf die Synagoge im Oktober 2019 einen Gast erschossen hatte.

Die Mannschaft stand hinter "Cura"

Tim Oschmann, Kapitän der Regionalligamannschaft von TeBe, sagt, es habe ihn nicht wirklich überrascht, dass der Verband den "Cura"-Schriftzug auf den Trikots verboten hat; die Genehmigung für "Tekiez" dagegen schon:
„Es wird immer gesagt, politische Sachen sollen aus dem Sport rausgenommen werden. Aber jetzt haben wir doch vom Prinzip her etwas Ähnliches auf der Brust. Ich glaube schon, dass unsere Aktion bei einigen Anklang gefunden hat, so dass es auch populärer werden könnte.“
Bei Tennis Borussia ist man noch immer enttäuscht über die ablehnende Haltung des Verbands. Die "Cura"-Initiative interpretiert der Verein dabei nicht in erster Linie als politische Botschaft. Vielmehr sei der Name quasi als ein codiertes Bekenntnis zu den unveräußerlichen Werten des Grundgesetzes zu verstehen, sagt TeBe-Geschäftsführer Steffen Friede.

Die Fans sind viel politischer als früher

Der Streit mit dem Verband zeigt seiner Meinung nach beispielhaft, dass die Gesellschaft inzwischen sensibler diskutiere. Die Fans in den Stadionkurven seien viel politischer als früher:

Ich glaube, dass Vereine – ob jetzt Sportvereine oder andere – eine wichtige gesellschaftliche Aufgabe mitübernehmen, um etwas zusammen auszuhandeln innerhalb der Gesellschaft – unterschiedliche Auffassungen, Kontroversen, weil: Wo soll das sonst stattfinden?

TeBe-Geschäftsführer Steffen Friede

Tennis Borussia stecke mitten in diesem Prozess, sagt Friede. Ein wichtiger Teil der Fanszene des Vereins sei eben nicht nur an Fußball interessiert. Die früher gern verbreitete These, Sport und Politik hätten nichts miteinander zu tun, stimme schon längst nicht mehr.

Schwierige begriffliche Abgrenzung

Für den Osnabrücker Jura-Professor Lars Leuschner, Spezialist für Vereins- und Satzungsrecht, steht der "Cura"-Streit für einen grundsätzlichen, fast unvermeidlichen Konflikt, der im medial vielbeachteten Sportgeschehen immer wieder auftaucht: Ist die Botschaft noch ein wünschenswertes Bekenntnis zu Grundwerten oder möglicherweise schon eine konfliktträchtige, politische Äußerung, die den Sport in den Hintergrund treten lässt?
Die Verantwortlichen müssten diese schwierige begriffliche Abgrenzung jeweils im Einzelfall entscheiden, sagt Leuschner. Bekenntnisse zum Grundgesetz haben seiner Einschätzung nach einen anderen Charakter und sollten deswegen auch Sportvereinen erlaubt sein:

Das ist ja letztendlich nichts anderes als das, was als Corporate Citizenship bezeichnet wird, also eine Art bürgerliches Engagement von privaten Unternehmen, von Organisationen, die versuchen, ihrer Vorbildrolle gerecht zu werden.

Jura-Professor Lars Leuschner,

Fingerspitzengefühl in Entscheidungen gefragt

Obwohl das nach Lars Leuschners Überzeugung auch bei "Cura" unter dem Strich zutrifft, sei der Fall dennoch nicht ganz eindeutig. Es liege nämlich keine unmittelbare Äußerung oder kein direktes Bekenntnis zu Grundwerten vor, sondern nur zu einer Organisation, die für diese Werte eintritt. Das sei genau die Trennlinie, die zeige, wie schwierig und wichtig es sei, diese Abgrenzung vorzunehmen:

„Alle Verbände, einschließlich DFB und NOFV, bekennen sich einerseits dazu, dass man rassistischen und verfassungswidrigen, fremdenfeindlichen Bestrebungen entschieden entgegentritt. Umgekehrt sagen sie aber, politische Äußerungen sind verboten. Das Eine wird also ausdrücklich gefordert und das schwer davon Abzugrenzende wird ausdrücklich verboten. Das zeigt, dass diese Abgrenzung auch den Verantwortlichen erhebliches Fingerspitzengefühl abverlangt. Und das gilt nicht nur für die Entscheidung selbst, sondern auch für ihre Begründung. Mindestens letztere scheint mir im Fall von Tennis Borussia Berlin doch sehr, sehr unglücklich.“

Jura-Professor Lars Leuschner

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