Politikerin Carola von Braun

    Erinnerungen einer liberalen Kämpferin und Mutmacherin

    32:58 Minuten
    In Bonn wurde Carola von Braun früh ins diplomatische Fach eingeführt. © Dagmar Stratenschulte
    Moderator: Marco Schreyl · 15.10.2021
    Audio herunterladen
    Diplomatentochter, FDP-Politikerin, Frauenrechtlerin: Carola von Brauns Biografie spiegelt die deutsche Geschichte mit ihren Höhen und Tiefen. Auch mit Ende 70 bleibt sie kämpferisch. Das zeigt jetzt der Film "Die Unbeugsamen".
    Wer wie Carola von Braun als Diplomatentochter auf die Welt kommt, lernt viel von der Welt kennen. Bis zum Abitur wechselt die 1942 in Kenia Geborene 13 Mal die Schule. Zuhause in Bonn werden sie und ihre vier Geschwister früh ins diplomatische Fach eingeführt. "Wir hatten uns um die Gäste zu kümmern; und als Zwölfjährige saß irgendein Gast neben mir, und hinterher sagte ich zu meinem Vater: 'Boah, war der langweilig!' Und mein Vater pfiff mich an und sagte: 'Es gibt keine langweiligen Menschen, dann hast du dir nicht genug Mühe gegeben.' Der Satz saß, den habe ich mir bis heute gemerkt."

    Sexismus im Parlament: "Wir fanden es widerlich"

    Heute blickt die nunmehr 79-jährige FDP-Politikerin selbst auf ein bewegtes Leben zurück, unter anderem in den 1970er und 1980er Jahren in der "Bonner Republik". Im Dokumentarfilm "Die Unbeugsamen", der derzeit in den Kinos läuft, steht Carola von Braun für eine Zeit, in der sich Frauen im Bundestag ihren Platz erkämpfen mussten. Meist werden ihnen nur die "weichen Ressorts" wie Soziales oder Bildung zugestanden. "Wenn du zum Beispiel gesagt hättest, du willst in den Wirtschaftsausschuss oder in den Finanzausschuss – oder Verteidigungsministerin werden, was dann später ohne Probleme möglich war – da hättest du schon sehr, sehr kämpfen müssen."
    Spöttische Zwischenrufe, Gehässigkeiten und offener Sexismus – die weiblichen Abgeordneten müssen viel einstecken. Da wird schon mal vom damaligen Bundestagspräsidenten Richard Stücklen höchst selbst im Vorübergehen "getestet", ob eine FDP-Abgeordnete einen BH anhat. "Wir waren alle fassungslos, als wir diese Geschichte gehört haben. Aber auch diese anzüglichen Pöbeleien. Da waren wir daran gewöhnt und fanden es widerlich. Du wirst angebaggert und du musst diesen Kollegen dann so zurückweisen, dass nicht auf ewig eine Feindschaft daraus wird."

    Frauenbeauftragte in Berlin: "Wir wollen Knete"

    Carola von Braun übersteht so manche Probe im Laufe ihrer Karriere. Ihre erste Ehe zerbricht, weil sie nicht mehr die bisherige Hausfrauenrolle übernehmen will. Damit kommt ihr Mann nicht klar. "Plötzlich hatte seine Frau dann eine eigene Auffassung und vertrat auch ihre eigene Auffassung auch zu Hause. Und es wurde sehr schwierig. Dann habe ich mich vom Vater meiner Kinder getrennt."
    Ende der 1980-er wird sie die erste Frauenbeauftragte des Berliner Senats. "Und ich komme nach Berlin in eine hochentwickelte Frauenszene. Die hatten alle nicht auf diese blauäugige Tussi aus Bonn gewartet." Auch hier setzt sie Akzente, besorgt beim damaligen Wirtschaftssenator Geld für Wiedereingliederungsprojekte für Frauen. "Da sind jede Menge neue Programme aufgelegt worden. Und ich habe dann gesagt: "Wir wollen für die Mädels auch was haben. Wir wollen Knete."

    "Figaro-Affäre" und Fraueninitiative

    1990 übernimmt sie den Vorsitz der Berliner FDP, doch dieser Karriereschritt endet mit der "Figaro-Affäre". Eine interne Rechnungsprüfung deckt auf, dass sie 10.000 Mark für Taxifahrten, Zeitungen und Friseurbesuche unberechtigt über die Fraktionskasse abgerechnet hatte. "Das werfe ich mir bis heute noch vor, dass ich da einfach nicht aufgepasst habe." Aber es hätten damals auch andere parteiinterne Gründe dahintergestanden. "Der wahre Hintergrund war, dass ich eine bestimmte politische Richtung vertreten habe, nämlich eine eher sozialliberale Ausrichtung. Und es gab Parteifreunde, auch in der Fraktion, die dezidiert anderer Auffassung waren und auch einen anderen Kurs haben wollten."
    Und so kann sie sich ihrem Herzensthema widmen: Der überparteilichen Fraueninitiative im Berliner Abgeordnetenhaus, die sie 1992 gegründet hat und deren Sprecherin sie bis heute ist. Ihr Ratschlag für jungen Frauen, die in die Politik wollen: "Ich kann nur eins sagen: Es ist ein sehr interessanter Beruf, und kämpfen müssen sie überall. Je höher du kommst, umso mehr. Dann treten diese ganzen Mechanismen, mit denen Frauen gerne mal weggeekelt werden, in Kraft. Darauf musst du dich vorbereiten. Aber Politik ist sehr, sehr spannend."
    (sus)
    Mehr zum Thema