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Politisches Feuilleton / Archiv | Beitrag vom 30.03.2016

Politik im Zeitalter der BeschleunigungTempo, Tempo!

Von Klaus Peter Weinert

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Ein Kettenkarussell dreht sich am 26.09.2014 auf dem Oktoberfest in München (Bayern). (picture alliance / dpa / Felix Hörhager)
Ein Kettenkarussel auf dem Oktoberfest in München (picture alliance / dpa / Felix Hörhager)

Warum kommen internationale Krisen eigentlich immer so plötzlich über uns, scheinbar ohne jede Ankündigung? Weil wir alle Anzeichen konsequent missachten, meint der Publizist Klaus Peter Weinert. Wir wollen immer alles in Echtzeit wissen – und verpassen dabei die großen Zusammenhänge.

Was sind wir alle gut informiert: Die Statusmeldungen unserer Freunde und Bekannten landen in Echtzeit auf unserem Smartphone, die Nachrichten-App verkündet mit einem Vibrieren die neueste Meldung und der Leitartikel in der Zeitung – ach, der ist schon beim Frühstück von gestern. Und trotzdem hat uns jede große Krise der vergangenen Jahre völlig unvorbereitet erwischt. Drei Beispiele.

Als mit dem Zusammenbruch der Investmentbank Lehman Brothers 2008 die schwelende Krise der Immobilienwirtschaft und die Risiken der hypermodernen Wertpapierprodukte die internationalen Finanzmärkte erreichte und die globale Wirtschaft in eine der schlimmsten Krisen überhaupt stürzte, waren erst wenige Jahre vergangen, seitdem in Deutschland der Neue Markt der Dot.com-Unternehmen implodiert war.

Trotzdem hatte sich offenbar niemand Gedanken darüber gemacht, ob nicht die Risiken an den Börsen zu groß waren; niemand hatte die frühzeitigen Warnungen der Ökonomen Robert Shiller und Joseph Stiglitz ernstgenommen. Während sie vor dem Crash warnten, deregulierte auch die rot-grüne Bundesregierung munter weiter.

Alle Krisenzeichen missachtet

Und kann man wirklich überrascht sein über die rechtsradikalen Ausschreitungen dieser Tage? Schon seit Jahren warnt eine Forschungsgruppe der Universität Bielefeld, dass sich in ganz Deutschland eine rechtsradikale Gesinnung etabliert hat.

Antisemitismus und Ausländerfeindlichkeit haben seit Anfang der 1990er Jahren fast stetig zugenommen, auch in gehobenen gesellschaftlichen Kreisen. Kein Wunder, dass in der Flüchtlingskrise die Hemmungen fallen und der Hass offen ausgelebt wird.

Und was die Flüchtlingskrise grundsätzlich anbelangt, muss man sich zynisch fragen, ob die europäischen Politiker eigentlich glaubten, all die Menschen, die schon seit Jahren nach Jordanien, in den Libanon oder in die Türkei flohen, machten dort Urlaub. Es war nur eine Frage der Zeit, bis sich die Flüchtlinge auf den Weg auch nach Europa machen würden.

All diese Krisen haben sich lange angebahnt. Was treibt die Politik und die Medien und uns alle, alle Anzeichen so konsequent zu missachten? Es ist ausgerechnet die Flut an Informationen.

In Echtzeit geht der Überblick verloren

In unserem Zeitalter der Beschleunigung und des Tempos scheint es keinen Ausweg zu geben, als nur eben das zu bearbeiten, was auf den Tisch kommt. Gefüttert durch Agenturen und Korrespondenten, durch Fachleute und Facebook, durch Parteikollegen und Diplomaten, Bürger und Nachbarn werfen wir nur den Blick auf das Aktuelle, das, was gerade jetzt ganz wichtig erscheint. Keine Zeit für die Analyse, keine Zeit um Nachrichten mit anderen Fakten zu verknüpfen, diese in einen zeithistorischen Zusammenhang zu bringen, um vorausschauende Schlüsse ziehen zu können.

Politik, Wirtschaft und auch Journalismus verdichten häufig Abläufe in immer kleinere Nachrichten-Schritte; nicht mehr Jahreszahlen, sondern Quartalszahlen werden gefordert, nicht mehr langfristig angelegte Entscheidungen prägen das Bild, sondern kurzfristige, in Bits zerlegte Vorlagen. Das Weltgeschehen interessiert uns nur in Echtzeit. So geht der Überblick verloren.

Dieser geht aber auch deshalb verloren, weil wir immer mehr Eindeutigkeit wollen, Widersprüche eliminieren möchten. Wir scheiden die Welt in Gut und Böse, in wirtschaftlich und unwirtschaftlich, in Fremde und Deutsche – oder postulieren einfache Kausalketten wie "Steuern runter, Arbeitsplätze rauf".

Aber so simpel funktionieren komplexe Systeme wie unsere Gesellschaften nicht. Die Folge ist, dass vermeintliche Nebenschauplätze, die grau in grau erscheinen, randständige und unspektakuläre Entwicklungen oder entlegene Länder mit ihren Problemen, einfach negiert werden. Wir bemerken sie nicht im hektischen Echtzeit-Gezwitscher.

Klaus Peter Weinert (privat)Klaus Peter Weinert (privat)Klaus Peter Weinert ist Wirtschafts- und Fachjournalist. Er studierte Germanistik, Soziologie, Volkswirtschaftslehre und Filmwissenschaften. Weinert arbeitet für Rundfunk, Fernsehen und Printmedien und befasst sich mit ökonomischen und gesellschaftlichen Fragen und mit Ideologien und Theorien.

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