30 Jahre Pokémon
Pikachu - das bekannteste Pokémon © picture alliance / ROBIN UTRECHT / ROBIN UTRECHT
Sammeln ist Liebe

Pokémon-Karten, Sneaker oder Cola-Dosen: Sammeln ist ein tief menschliches Bedürfnis. Die Motive dahinter sind vielfältig und emotional: Sie reichen von Identitätsfindung bis hin zum Wunsch nach Sicherheit.
Sammelleidenschaft, Sammelfieber, Sammelwut: Beim Sammeln sind offenbar Emotionen im Spiel. In der Steinzeit jagte und sammelte der Mensch, um zu überleben; heute jagt er einer bestimmten Pokémon-Karte hinterher und gibt dafür mitunter viel Geld aus.
Erst kürzlich wurde in den USA die seltene Sammelkarte „Pikachu Illustrator“ für die Rekordsumme von 16,5 Millionen Dollar versteigert. Vor 30 Jahren, als die japanischen „Taschenmonster“ – zunächst als Spiel für den Game Boy – auf den Markt kamen, war das noch undenkbar. Schulhöfe waren die Börsenplätze für das nachfolgende Sammelkartenspiel – nicht Auktionshäuser. Heute ist „Pokémon“ das größte Franchise der Welt und Teil der Popkultur.
Doch warum tragen Menschen überhaupt Dinge zusammen – gerade vergleichsweise profane wie Sammelkarten, Nagellacke oder Kronkorken?
Inhalt:
Spaß und Ästhetik: Darum sammeln Menschen
Für das Sammeln von Dingen gibt es viele Motive. Die Steinbeis-Hochschule Berlin hat vor einigen Jahren dazu eine Studie durchgeführt. Für die meisten Befragten – 79 Prozent – standen schlicht der Spaß und das Hobby im Vordergrund. Danach folgten mit 55 Prozent die Schönheit oder Ästhetik der Sammelobjekte. Für gut ein Viertel der Befragten spielte die mögliche Wertsteigerung eine Rolle.
Als „echte“ Sammler erwiesen sich dabei 58 Prozent – für sie war es zentral, ihre Sammlung aufzubauen und ständig zu erweitern.
Dass Sammeln mit Gefühlen verbunden ist, beschrieb der Psychoanalytiker Werner Muensterberger in seinem Buch „Sammeln – eine unbändige Leidenschaft“.
„Die Haltung eines hingebungsvollen Sammlers gegenüber seinen Sammelobjekten ist vergleichbar mit der Leidenschaft eines Liebenden.“
Der Wirtschafts- und Kulturpsychologe Herbert Fitzek sagt, dass Menschen Gedächtnis und Gefühl formen, indem sie Dinge sammeln. Da finde „nichts“ im Kopf statt. Wenn man Dinge in die Hand nehme, entstehen Gefühle, so Fitzek. Das Innere rutsche ins Äußere – und umgekehrt.
Belohnung vom Gehirn
Dass Menschen Dinge gern besitzen, liegt aber auch daran, dass das Gehirn es belohnt, wenn man sich Neuem zuwendet. Die sogenannte Belohnungsstruktur, auch Nucleus accumbens genannt, wird umso stärker aktiv, je stärker ein Produkt für eine Person mit einer positiven Bedeutung aufgeladen ist.
Einen weiteren wichtigen Aspekt des Sammelns benennt der Historiker Frank Trentmann, Autor des Buches „Herrschaft der Dinge“. Ob Briefmarken, Coca-Cola-Dosen oder Armbanduhren: „Das sind Möglichkeiten, die eigene Identität zu erweitern und zu verändern.“
Sammler äußern zudem den Wunsch nach Festhalten – in einer Zeit, in der das Dingliche immer stärker von der digitalen Welt verdrängt zu werden scheint. Es geht um Vertrautheit und Sicherheit. So kann auch etwas materiell Wertloses für eine Person unendlich wertvoll sein.
Vor allem Männer sammeln gern
Der Erste sein, jagen, sammeln: Nach der Studie der Steinbeis-Hochschule sind es vor allem Männer, die gern sammeln. Laut den Daten sind sammelnde Menschen besonders kommunikativ und neuen Erfahrungen gegenüber aufgeschlossen. Sie schätzen sich als kreativ ein und verfügen über ein ausgeprägtes Selbstvertrauen. Außerdem sind sie sehr optimistisch, so die Studie.
Während hier vier Sammlertypen identifiziert werden – Hobbysammler, Investor, Egozentriker und Ästhet –, kommen andere auf weitaus mehr. Fritz Karch und Rebecca Robertson stellten in ihrem 2015 erschienenen Buch „Sammelliebe“ 15 Sammlertypen vor: vom Bescheidenen, der mit Kronkorken eine Zeitreise durch die Getränkemoden unternimmt, bis hin zum Maximalisten, der ehrgeizig so viele Formen und Muster von Plateauspiegeln zusammenträgt wie nur möglich.
Triviales sammeln und Wissen gewinnen
Die Erziehungswissenschaftlerin Denise Wilde hat für ihre Doktorarbeit „Dinge sammeln“ vor einigen Jahren die Schatzkammern von Hobbysammlern durchstreift. Sie fand Barbiepuppen, Füllfederhalter oder auch die klassischen Briefmarken.
Neben dem biografischen, sinnlichen und freizeitlichen Wert geht es den Sammlern Wilde zufolge auch um den Austausch mit Gleichgesinnten – und um spezifisches Fachwissen. Die Forscherin interessierte sich vor allem für Menschen, die Triviales sammeln.
Die Erkenntnis: Sie tragen zu einer alternativen Wissensgeschichte bei, indem sie Dingen, die im Alltag einfach nur genutzt werden, auf andere Weise begegnen. Es gibt nichts, was sich nicht sammeln lässt – und wir verstehen die Welt besser, indem wir sammeln, so Wilde.
Wer zum Beispiel zu Hause mehr als 1.000 Paar Sneaker hat, interessiert sich mitunter auch dafür, wer das Design gemacht hat und wie die Turnschuhe hergestellt wurden – also für die Produkt- und Kulturgeschichte.
Und wer Make-up aus aller Welt sammelt, ist schon mal neugierig auf einen Kajalstift aus der Sowjetunion. Nicht nur wegen der Inhaltsstoffe, sondern auch wegen der Geschichte, die damit verbunden ist.
Sich von anderen abzugrenzen und doch die eigene Community zu pflegen – das ist Sneaker- und Make-up-Sammlern genauso wichtig wie den Sammlern von Pokémon. Deren Entwickler setzten von Anfang an auf den Community-Gedanken: Auf der ganzen Welt treffen sich Fans in lokalen Gruppen zu Events, um sich zu verkleiden und zu spielen. Mit jeder Edition kommen neue Pokémon und Geschichten dazu, Marketing füttert Sammelleidenschaft füttert Marketing.
Zum 30-jährigen Jubiläum ist die Nachfrage wieder riesig. Millionensummen muss man allerdings nicht gleich aufbringen – es gibt auch Sammelkarten für zwei Cent.
Onlinetext: Beate Thomsen
















