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Fazit / Archiv | Beitrag vom 21.12.2018

Podcast 2018Höhe- und Tiefpunkte in der digitalen Hörlandschaft

Von Sandro Schroeder

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Ein Smartphone mit dem Icon der Podcast-App «Serial» liegt auf einem Bildschirm, auf dem weitere Serial-Icons zu sehen sind. (Monika Skolimowska/dpa )
"Serial" - ein Höhepunkt in der Podcast-Landschaft 2018. (Monika Skolimowska/dpa )

Selten hat ein Jahr so viele neue Podcasts hervorgebracht wie 2018. Unser Podcast-Beobachter Sandro Schroeder stellt seine persönlichen Höhe-und Tiefpunkte vor. Sein persönliches Highlight ist für ihn der Podcast "Serial", der exemplarisch für viele andere Podcast stehe.

Die Podcast-Landschaft ist 2018 vielfältiger geworden, alte Podcasts haben sich weiterentwickelt, neue Formen sind hinzugekommen. Das beste Beispiel - und für mich einer der Podcast-Höhepunkte des Jahres – war der Podcast-Gigant "Serial". Mal wieder. Der vielzitierte und vielgelobte Podcast, der vor vier Jahren den Podcast-Boom erst so richtig befeuert hat. Damals war die seriell erzählte Recherche über einen Teenagermord quasi der Urknall für True-Crime-Geschichten und bleibt bis heute Vorbild für Hunderte von Podcasts.

Mit der dritten Staffel hat sich "Serial" weiterentwickelt, fast schon neu erfunden. Reporterin Sarah Koenig hat sich vom sensationsgetriebenen, voyeuristischen Nacherzählen von Einzel-Kriminalfällen verabschiedet. Der Podcast bricht damit mit der eigenen ersten Staffel und ihrem Kultstatus. Das Oberthema bleibt aber: "Serial" widmet sich in der dritten Staffel dem US-amerikanischen Justizsystem.

Die dritte Staffel ist hervorragend recherchiert, erzählt und produziert. Und damit steht das neue "Serial" auch exemplarisch für andere Podcasts, die lange, tiefe Recherchen hörenswert begleiten. Beispielsweise der investigative Podcast "Trump Inc", der die Schnittstelle zwischen Geschäft und Amt bei Donald Trump untersucht.

Spielwiese für Fiktion

Podcasts haben sich 2018 aber nicht nur als Medium für Hochglanz-Journalismus in Langform etabliert, sondern auch als Spielwiese für fiktive Geschichten mit aufwendiger Produktion. Vor allem in den USA, wo das Hörspiel eben keine lange Radio-Tradition hat wie in Deutschland. 2018 war dort das Jahr des Hörspiel-Podcasts.

Der Hörspiel-Podcast "Sandra" lotet zum Beispiel eine alternative Realität aus, in der digitale Sprachassistenten nur funktionieren können, weil im Hintergrund echte Menschen und ihre Stimmen ausgebeutet werden, so wie die Protagonistin Helen. Eine Kritik an den US-Tech-Giganten und ihren Arbeitsbedingungen - verpackt als Podcast.

Der beste fiktive Podcast in diesem Jahr war aber "The Shadows" vom kanadischen Rundfunk CBC. Von der Anmutung her keine Hochglanz-, sondern eher eine Indie-Produktion mit viel Charme. Der Podcast erzählt eine Paar-Geschichte in sechs Episoden und vermischt dabei die Erzählung, die inneren Gedanken seiner Protagonistin und die Dialoge der Figuren. Und herauskommt dann ein irgendwie schwer in Worte zu fassender, aber immer fesselnder Ohren-Kitzel.

Bester deutscher Podcast

Der spannendste deutsche Podcast-Neustart war für mich der Podcast "Mono", eine Produktion der Streamingplattform Deezer und dem Magazin "stern". Weil er eben nicht der typische 08/15-Interview-Gesprächspodcast ist, sondern ein Unikat. Jede Episode von "Mono" ist eine liebevoll zusammengebastelte Collage einer Ich-Erzählung der interviewten Person. Zum Beispiel die Episode, in der Protagonist Martin von seiner Selbstfindung und seinem Berufsleben mit dem Asperger-Syndrom berichtet.

Tiefpunkte im Podcast-Markt

Das Jahr 2018 hat aber auch gezeigt, welche Nachteile der anhaltende Podcast-Boom mit sich bringt: Ein regelrechter Tsunami von Format-Einheitsbrei ist über die Podcasts geschwappt. Ein endloser Remix aus den immerselben langweiligen Podcast-Zutaten. Ganz oben auf der Nerv-Skala: Plumpe Podcasts mit den Themen Sex, Selbstoptimierung oder eben Verbrechen.

Darunter auch mein absoluter Tiefpunkt im Podcast-Jahr 2018: "Schmutzige Geschäfte - Wirtschaftsbetrüger, die über Leichen gehen"

Dieser Podcast ist eigentlich gar keine eigenständige Idee, sondern die deutsche Übersetzung und Adaption des amerikanischen True-Crime-Podcasts "Swindled". Die deutsche Adaption klingt dabei eher wie die übersetzte Vorlese-Version von übrig-gebliebenen Podcast-Resten. Fast steril, klinisch rein von jeglicher Emotion und Stimmung – also von all dem, was gute Podcasts ausmacht.

Fazit

Rückblickend war 2018 das Jahr, in dem sich Podcasts endgültig als eigenständiges Medium etabliert haben. Das Podcast-Jahr 2018 war in den USA spannender, innovativer, aufregender als bei uns. Wieder einmal. Aber wie bei vielen Serien und Filmen zeigt sich: Auch das Medium Audio ist in diesem Jahr internationaler geworden – sowohl aus Sicht der Produzenten als auch Sicht der HörerInnen – zum Glück.

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