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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 24.02.2009

Plötzliche Geistesblitze

Betty K. Garner: "Ich hab’s! Aha-Erlebnisse beim Lernen", Beltz Verlag Weinheim und Basel, 184 Seiten

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Ein Schüler in der Mathestunde - es ist nicht immer einfach, Freude am Lernen zu entfachen. (AP)
Ein Schüler in der Mathestunde - es ist nicht immer einfach, Freude am Lernen zu entfachen. (AP)

Schülerinnen und Schüler, die mit wachen Augen und Freude dem Unterricht lauschen - welche Lehrkraft wünscht sich das nicht. Weil die Realität anders ist, hat die erfahrene Lehrerin, Psychologin und Lerntherapeutin Betty Garner ein Sachbuch geschrieben, um Wege aufzuzeigen, wie Kinder und Jugendliche spielerisch Vertrauen in ihre Fähigkeiten und Erfolg beim Lernen gewinnen können.

"Ich hab’s. Aha-Erlebnisse beim Lernen" besticht durch seine freundliche, wohlwollende Sicht auf das Lernen und vor allem auf die Schüler. Lernen ist für Betty Garner wie eine Forschungsreise in ein neues Land. In diesem Geist fragten bereits die Höhlenmenschen nach Sonnenuntergang, ob man nicht irgendwie in der dunklen Höhle Licht machen könne.

Um solche Fragen zu stellen, braucht man nicht nur einfach Faktenwissen. Man muss Informationen miteinander in Beziehung setzen und ihnen eine neue Bedeutung geben können. "Metability" nennt die erfahrene Lehrerin, Psychologin und Lerntherapeutin Garner diese Fähigkeit. Die aber fehlt vielen Schülern. Statt sich begeistert mitreißen zu lassen, sitzen sie im Klassenzimmer und verstehen nur Bahnhof.

Sie sind nicht lustlos, faul oder dumm, weiß Betty Garner aus Erfahrung. Sie haben nicht die notwendigen kognitiven Strukturen ausgebildet, um neue Informationen wahrzunehmen und sinnvoll zu ordnen. Deshalb beschreibt Betty Garner in ihrem kurzweiligen und praxisrelevanten Sachbuch, wie diese Mädchen und Jungen aus dieser Zwickmühle befreit werden können.

In neun Kapitel ihres Buches erläutert die Autorin zunächst wesentliche kognitive Strukturen und bringt dazu Beispiele von mehr als zwei Dutzend Mädchen und Jungen von der ersten bis zur achten Klasse. Sie alle besuchten die Lerntherapeutin, weil sie nicht lesen, schreiben oder rechnen können, nichts behalten, den Unterricht stören oder keinen Bock mehr auf Schule haben.

Da ist beispielsweise Sandra, eine Viertklässlerin, die in der Schule schwer zu kämpfen hat. Seit der ersten Klasse füllte sie Dutzende Arbeitsblätter zur Zeichensetzung aus. Dass diese Mustern folgt, war ihr bisher nicht aufgefallen. In der Beratungssitzung fordert sie Betty Garner auf, farbige Blätter von verschiedenen Formen und Farben zu sortieren. Rote und blaue Kreise ordnet das Mädchen zueinander. Die Grünen sowie Drei- und Vierecke aber sortiert sie aus.

Mit dieser Vielfalt zu spielen, war die 10 -Jährige nie angeregt worden. Erst bei der Lerntherapeutin entdeckte sie, welche Freude das Zuordnen bereiten kann und dass man auch in einem Text solche Muster entdecken kann.

Gute Lerner erstellen unentwegt derartige Verknüpfungen zwischen Informationen, erkennen Regeln, verallgemeinern, entdecken Unterschiede und Gemeinsamkeiten, können klassifizieren und sich räumlich und zeitlich orientieren, in Bildern denken. Weil sie es können, meinen sie, das funktioniere automatisch - so auch viele Pädagogen. Sie erkennen nicht, dass fehlende kognitive Strukturen Lernschwierigkeiten bereiten können. Deshalb ist es besonders wertvoll und bereitet auch Freude, mit Hilfe des Buches in Zeitlupe zuzuschauen, wie auch in den Hirnen von scheinbaren Versagern plötzlich Geistesblitze funken.

Spielerisch und leicht - so beschreibt es die Autorin - finden die Mädchen und Jungen durch ihr Herangehen in den lerntherapeutischen Sitzungen einen Zugang zu ihrem eigenen Denkwerkzeugen. Und spielerisch und leicht ist auch das Buch geschrieben. Neben einfachen, theoretischen Grundlagen stellt Betty Garner in jedem Kapitel einige Übungen und Hilfsmittel vor, mit denen sie den geplagten Schülern auf die Sprünge hilft. Meist sind das Spiele mit Formen, Farben und geometrischen Figuren. Sie fordert immer wieder auf, Sachen selbst auf den Grund zu gehen und ihrer Wahrnehmung zu trauen.

Mehr als 40 Jahre arbeitet Betty Garner aus Therapeutin sowie auch international in der Aus- und Fortbildung für Lehrer, sie nennt es "Natürliches Lernen". Dabei entwickelte sie ihre Haltung: Wirklich den Schülern zu trauen. Sie zu ermutigen, ihren Lernweg zu gehen und ihrem Denken auf die Spur zu kommen.

Diesen Geist atmet das Buch von der ersten bis zur letzten Zeile und das macht den besonderen Wert des Buches aus: Wirklich auf die Haltung der Lehrer zu sich selbst und zu den Schülern zu bauen und darin den Erfolg des Lernens zu finden. Es erfüllt, aus dem Erfahrungsschatz einer solch kompetenten und engagierten Lehrerin zu lesen.

In einem Vorspruch wendet sich sie sich an alle Pädagogen, Eltern und Schüler, die lernen und kreativ sein wollen. Entsprechende Neugier vorausgesetzt, hilft das Buch durchaus, seine bevorzugten kognitiven Strukturen zu entdecken und möglicherweise neue zu entwickeln. Dafür gibt es im Anhang eine extra Anleitung, wie auch der allgemein interessierte Leser weiter forschen kann.

Doch vor allem Pädagoginnen und Pädagogen und jenen, die es werden wollen, wünscht man das schmale Bändchen als ständigen Begleiter in der Tasche. Sie könnten nachlesen, wie Betty Garner es schafft, jeden Schüler zu respektieren und ihm seinen Zugang zum Lernen zu eröffnen. Vor allem aber hätten sie einen Anker in der Hand, um sich selbst mehr Freude im Unterricht zu schenken. Eine wirkliche Bereicherung für die deutsche Bildungslandschaft!

Rezensiert von Barbara Leitner

Betty K. Garner: Ich hab’s! Aha-Erlebnisse beim Lernen – Was schwachen Schülern wirklich hilft
Beltz Verlag Weinheim und Basel, 2009
184 Seiten, 16,95 Euro

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