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Länderreport | Beitrag vom 22.10.2019

Plattenbaugebiet "Großer Dreesch" in SchwerinVom Versuch, mehr als eine Problemzone zu sein

Von Alexa Hennings

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Ein Plattenbau im Schweriner Stadtviertel Dreesch, rechts davon ist auf der Aufnahme von 2004 in der Nähe der Fernsehturmzu sehen. (mago/Reinhard Balzerek)
Ein Plattenbau im Großen Dreesch und der Fernsehturm: Symbol für die Abwicklung eines Stadtteils. (mago/Reinhard Balzerek)

Im Schweriner Plattenbaugebiet Dreesch hat sich die Einwohnerzahl halbiert, das Café im nahen Fernsehturm ist auch geschlossen. Der Filmemacher Michael Kockot hat es geschafft, die Turmplattform für ein paar Tage wieder aufzumachen.

Zwei Jahre schon ist der Schweriner Fernsehturm, der wie ein Spargel aus dem Plattenbaugebiet Großer Dreesch hervorragt, geschlossen. Symbol für die Abwicklung eines Stadtteils, in dem einst mehr als die Hälfte aller Schweriner lebte, von ehemals 60.000 wohnen heute noch 25.000 hier.

Wie viele Baugebiete dieser Art wird "der Dreesch" als Problemzone wahrgenommen. Dagegen wollen nicht nur zahlreiche Vereine und Initiativen etwas tun, sondern auch der Schweriner Filmemacher Michael Kockot. Er hat es in den vergangenen Tagen geschafft, den Fernsehturm eine Woche lang zu öffnen.

Es ist ein sonniger Herbsttag in Schwerin. Am Fernsehturm wird gerade der alte Parkplatz weggebaggert. Hinter einem mannshohen Drahtzaun geht eine Familie in die Knie, um sich aus der richtigen Perspektive vor dem Turm fotografieren zu lassen. Eine einmalige Gelegenheit, denn das Gelände darf man nur für eine Woche betreten.

Michael Kockot, ein großer, schlanker Mittfünfziger in Jeans und Sweatshirt, begrüßt die Besucher - eine junge Familie mit einem kleinen Mädchen an der Hand. Das Kind hat einen Teddy mitgebracht.

Kockot fragt: "Ist der für die Vitrine?"

"Nein", kommt die Antwort. "Der wollte auch einmal hochgucken!"

Den Teddy, der auch mal mit auf den Fernsehturm will, hätte der Schweriner Filmemacher gern mit in seine Sammlung aufgenommen. Oder besser: in sein Archiv, das gerade entsteht. Ein Archiv von Alltagsgegenständen aus bald fünf Jahrzehnten – so lange gibt es das Plattenbaugebiet schon. In den Vitrinen liegen Zeitungsauschnitte, Zeugnisse, Servietten vom Fernsehturm-Café, alte Stadtpläne, Urkunden.

Unbekanntes Gebiet Großer Dreesch

Kockots Lieblingsstück sieht schneeweiß aus und ist aus Silastik, der einst weit verbreiteten DDR-Textilfaser. "Dieser Spezialpullover aus DDR-Zeiten, den hat jemand vorbeigebracht, dessen Vater hier hundertjährig in der Nachbarschaft lebt. Der pflegt seinen Vater und ist mal kurz vorbei gekommen und hat ihn hier in die Vitrine gelegt", berichtet Kockot. "Das hat Spaß gemacht, weil der nämlich ehemaliger Dekorateur war. Und er hat diesen weißen Pullover so drapiert, wie man ihn auch früher im Schaufenster drapiert hat."

Der Filmemacher wohnt in der schick sanierten Schweriner Schelfstadt. Er spürt die unsichtbare Grenze, die zwischen dem alten Stadtgebiet und der Neubausiedlung Großer Dreesch verläuft. Kockot kannte kaum jemanden hier. Das wollte er ändern. Lief mit seiner Kamera durch Straßen und baute sie jetzt im Fernsehturm auf, um mit den Bewohnern über ihr Leben zu sprechen.

"Ich habe immer gedacht, dass es halt schwer ist, zwischen Betonbauten und gefühlter Einsamkeit mit den Menschen überhaupt in Kontakt zu kommen", erinnert sich Kockot. Nun erlebe er genau das Gegenteil. "Ich spüre schon, dass viele Menschen einsam sind, aber es gibt auch viele, die offen sind und bereit sind, auf andere zuzugehen. Und viele Menschen haben ja, wenn man deren Biographie hört, einen ungeheuren Erfahrungsschatz im Umgang mit Krisen, mit Unsicherheiten und schwierigen Situationen. Und wenn man erfährt, wie Menschen damit umgehen, und wie sie ihren Mut und ihre Hoffnung nicht verlieren, dann ist das natürlich etwas, woraus man auch für das eigene Leben etwas lernen kann."

Angst am Abend

Eine Frau im hellen Trenchcoat, Anfang sechzig, hat die zitronengelbe Tischdecke ihrer Eltern mitgebracht, ein Glas Kirschkompott von 1998 und ein Buch.

"Das ist von 1981 vom Benno-Verlag, Gespräch zwischen alten und jungen Menschen. Da habe ich extra die Seite aufgeschlagen: Über Dialog. Wie wichtig der Dialog ist für die Psyche. So wie wir Brot brauchen jeden Tag, so brauchen wir Dialog für die Psyche."

Die Frau, die nur ihren Vornamen nennen will – Sabine – vermutet ganz richtig, dass schon so viele Stücke abgegeben worden sind, dass der Inhalt der Vitrinen auch mal ausgewechselt wird.

Sabine ist Alten- und Familienpflegerin und wohnt im hinteren Teil des Neubaugebiets, dort, wo der Anteil an Zuwanderern und Arbeitslosen am größten ist. "Es ist sehr anstrengend, man muss sehr aufpassen. Ich habe meinen Schlafrhythmus komplett umgestellt, es gibt für mich keinen Ausgang mehr abends."

- "Weil Sie Angst haben?"

- "Ja, natürlich, ist schon viel passiert."

Russische und arabische Migrantenszenen, dazu die AfD-Wählerschaft – hier erreichte die Partei mit 30 Prozent ihr höchstes Ergebnis in der Stadt – diese Mischung bereitet der Frau Unbehagen.

Dennoch: Dass man hier günstig wohnt, Wald und See in der Nähe hat – all das hält nicht nur Sabine hier. Sie hat auch das Gefühl, man bekommt Hilfe und kann selbst helfen. In ihrer Freizeit betreut Sabine Flüchtlingsfamilien.

"Ich bin mit vielen Leuten im Gespräch, bin in der Petruskirche bekannt und im Patchwork-Center. Und viele helfen mir auch, wenn ich irgendwas brauche", sagt Sabine. "Als ich zum Beispiel umgezogen bin, vom sechsten in den zweiten Stock, hatte ich 16 Helfer. Mach das mal! Das Leben ist anders hier, als es die Vorurteile annehmen."

Ehrenamt Fahrstuhlführer

Im Fahrstuhl des Fernsehturms wird man von einem Sachsen begrüßt: Ulrich Marschner. Ein kräftiger Mann um die fünfzig. Er arbeitet in einem Bestattungsinstitut, der Beruf führte ihn vor zehn Jahren nach Schwerin.

"Wie lange fahren Sie jetzt schon rauf und runter?"

"Drei Tage. Also, Besucher rauf und runter. Ansonsten geht das schon eine Woche länger", sagt Marschner. "Das ist eine Ehrenamtstätigkeit von der Petrusgemeinde und der Tafel, da sind wir hier mit eingesprungen – um das zu unterstützen, dass der Dreesch wieder in Bewegung kommt, dass der Turm wieder in Bewegung kommt."

In einer Minute ist man die knapp hundert Meter fast lautlos in die Höhe gesaust. Ulrich Marschner fährt gleich wieder hinunter, denn unten drängen sich die Leute vor dem Fahrstuhl. Er hilft gern, nicht nur hier. Marschner ist auch der gute Engel der Tafel, die die Petrusgemeinde in dem Schweriner Plattenbauviertel organisiert.

"Ich finde einfach, es gehört dazu. Das ständig Fremde, Abstoßende unter den Menschen – da bin ich nicht so für zu haben. Ich mag’s nicht, wenn Streitereien sind, das hab ich oft genug in meiner Kindheit erlebt. Das muss ich echt nicht nochmal haben", erklärt der ehrenamtlich Fahrstuhlführer. "Und damit kann ich vielleicht vielen Leuten selber was geben: Was das Leben sein kann. Wie schön dass alles sein kann. Nicht nur das Negative sehen. Das ist wichtig."

Blick auf sieben Seen

Wer oben angekommen ist, genießt den Blick in die Weite aus hundert Metern Höhe: Alle sieben Schweriner Seen sind zu sehen. Das Neubaugebiet liegt am größten, dem Schweriner See, umrahmt von Wald. An jedem Fenster Fotos aus der Bauzeit des Großen Dreeschs.

Mehr noch als das Bedürfnis zu knipsen entsteht hier, hoch oben über den Dingen, das Bedürfnis, sich zu erinnern.

Eine ältere Dame hält ihr Enkelkind auf dem Arm, damit es auch hinausschauen kann. "Ich bin '74 hier nach Schwerin gezogen, habe hier eine Lehrerstelle gehabt. Und das war alles so schnell erreichbar, Poliklinik, Post, Straßenbahn, Schwimmhalle. Ich fand das gut. Ich kann das Verpönen jetzt nicht so verstehen. Unser hauptsächliches Leben hat sich hier abgespielt und wir können nichts Böses darüber sagen."

Techniker verlegten 1997 im auch damals geschlossenen Turmcafe des Schweriner Fernsehturms Kabel. Durch die Fenster sieht man Plattenbautender Stadt. (Zentralbild)Das Fernsehturm-Cafe 1997: Techniker verlegten neue Kabel. (Zentralbild)

Nicht nur die pensionierte Lehrerin Marianne Wendt mag "nichts Böses" über ihr Plattenbauviertel sagen. Mit wem man auch spricht, wen auch immer Michael Kockot hoch oben im ehemaligen Café des Fernsehturms vor seiner Kamera hat: In der Innenansicht scheint der Große Dreesch keine "Problemzone" zu sein. Die Menschen leben gern hier, sehen die Schwierigkeiten ihres Viertels - und viele wollen mithelfen, daran etwas zu ändern.

In den acht Tagen, an denen der Fernsehturm geöffnet hat, treffen sich im ehemaligen Turmcafé auch die Vereine und Initiativen des Stadtbezirks, in dem noch heute 25.000 Menschen leben – vom Welcome-Café für neu Hinzugezogene bis zum Verein "Die Platte lebt".

An Helfern fehlt es nicht

Gerhard Heine beispielsweise ist hier, weil er davon träumt, dass man im Wohngebiet regelmäßig Filme sehen kann. "Ich will nachher zur Nachbarschaftskonferenz. Weil, wir wollen hier Kultur hier auch wieder etablieren. Schwieriges Unterfangen, ich weiß das. Das Filmfest in Schwerin wurde ja hier bespielt, das heißt, die Kinder-und Jugendfilme waren hier angesiedelt auf dem Dreesch", erinnert er sich an einen Versuch zuvor. "Gähnende Leere. Weil: Nicht mal fünf Euro ist für viele schon zu viel. Die haben das Geld nicht oder wollen es nicht dafür investieren."

Hanne Luhdo, die Vorsitzende des Vereins "Die Platte lebt" hofft, dass der Fernsehturm in Zukunft öfter von den Vereinen und auch von Touristen genutzt werden kann – zumindest zeitweise. Besitzer des Gebäudes ist die Deutsche Funkturm GmbH, eine Tochter der Deutschen Telekom.

"Also, ich hoffe, dass es ein bisschen mehr Druck gibt. Der Oberbürgermeister hat ja den Fernsehturm zur Chefsache erklärt. Dass man jetzt auch nochmal wieder sieht, wie wichtig das ist und dass was passieren muss." Luhdo fährt fort: "Der Bedarf ist riesengroß, und die Leute, die hierher gekommen sind, die waren wirklich alle froh und dankbar, dass sie das nutzen konnten. Da muss jetzt mehr passieren, der kann nicht auf ewig tot sein der Fernsehturm!"

Viele Stunden Aufnahmen

Am letzten Abend seines Projekts, das in acht Tagen 3000 Besucher in den Fernsehturm zog, packt Michael Kockot seine Kamerastative in den Fahrstuhl.

"Es gibt hier drei Schlüssel, und ich nehme immer den falschen als Erstes! Und ich weiß nie, ob ich erst den Schlüssel reinstecke oder erst drücken muss!"

Zum Glück hatte der Filmemacher ja Helfer wie Ulrich Marschner, der acht Tage lang den Fahrstuhl bediente. Menschen wie ihn kennengelernt zu haben, davon ist Michael Kockot richtig beseelt.

Kockot hat viele Stunden Film-, Foto- und Tonaufnahmen gemacht. Material für mehr als einen Film und Objekte für mehr als eine Ausstellung gesammelt. "Das, was mich immer interessiert ist: Gerade zu den Menschen zu gehen, die normalerweise nicht gesehen werden. Dass man einfach das Menschliche und Würde, Kultur und diese Dinge – an Stellen, wo man sie nicht vermutet – aufdeckt und sichtbar macht."

Der Filmmensch fährt fort: "Was liegt in der Geschichte der Menschen und gleichzeitig: Mit welcher Kraft haben sie die Dinge gemeistert, die zu meistern waren? Da sind die Schicksale, die gerade die Menschen auf dem Dreesch so hinter sich haben, nicht zu verachten. Ich glaube, das verbindet sie – auch wenn das für viele nicht spürbar ist – auch mit den Schicksalen derjenigen, die geflüchtet sind und ihre neue Heimat hier auf dem Dreesch haben und sich hier zurecht finden müssen. Und es geht ja auch immer darum, sich weiter dem Leben zu stellen und die Energie zu behalten dafür. Und da kann man viel lernen."

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