Plastikmüll im Meer

Viele Plastikteile landen auf der Mülldeponie. © AP
30.03.2010
Aller Anfang ist schwer: Als die aufstrebende Kunststoffindustrie die amerikanische Hausfrau vom Wert der neuen Plastikgeschirre zu überzeugen versuchte, scheiterte sie zunächst am Gewohnheitstier Mensch.
Die Frauen stellten die Plastikdosen auf den Herd, wo sie schmolzen, füllten scharfe Flüssigkeiten ein, die sie verätzten, und beklagten sich über den seltsamen Nachgeschmack plastikumhüllten Essens.

Erst als der Hersteller Earl Tupper das Verkaufsgenie Brownie Wise in seinem Unternehmen anstellte, wendete sich das Blatt. Die Dame ersann die berühmten Tupperwarepartys. Hier lernten Hausfrauen die Besonderheiten des neuen Materials kennen und konnten sich zu neuen Verwendungsmöglichkeiten inspirieren lassen.

So beschwingt beginnt das Buch "Plastic Planet", geschrieben von dem österreichischen Filmemacher Werner Boote und seinem Landsmann, dem langjährigen Rundfunkjournalisten Gerhard Pretting. Munter erzählen die beiden Autoren, wie trickreich Hersteller vorgehen mussten, um Verbraucherinnen und Verbraucher erst vom Wert des neuen Materials zu überzeugen und wenige Jahre später bereits von seiner Entbehrlichkeit. Auch das Wegwerfen des schönen, neuen Kunststoffs wollte gelernt sein.

Bald aber wendet sich das Buch den dunklen Seiten des Themas zu - und dem Leser stockt der Atem. Immer wieder verlieren Frachtschiffe in schwerer See ihre Ladung - Plastikspielzeug, Turnschuhe, billige Gebrauchsartikel landen zu Zehntausenden im Meer. Dazu kommen tonnenweise Plastikmüll aus Ländern mit mangelhafter Müllentsorgung.

Schon jetzt kreisen im subtropischen Pazifik zwischen Nordamerika und Asien in einem riesigen Meereswirbel drei Millionen Tonnen Plastikmüll. Sonne, Steine und Wellenbewegungen mahlen es irgendwann zu einem Pulver, dessen Korngröße sich von Plankton nicht mehr unterscheidet. Meerestiere fressen es. Damit landet das Plastik in der Nahrungskette und am Ende wieder beim Menschen.

Ein ganzer Cocktail an Chemikalien, die durch die Produktion und Nutzung von Kunststoffen entstehen, findet sich bereits in jedem menschlichen Körper. Plastikbestandteile können nachweislich das Hormonsystem beeinflussen und stehen im Verdacht, Asthma, Unfruchtbarkeit und Krebs zu verursachen.

Dennoch gehen beispielsweise EU-Behörden von keinem gesundheitlichen Risiko aus. Dabei gibt es keine Langzeitstudien. "Aufwachen" haben darum die Autoren den dritten Teil ihres Buches betitelt. Sie fordern strengere Grenzwerte, eine Pflicht zur Deklaration von Plastik-Inhaltsstoffen durch die Industrie und kreative Ideen, wie sich Plastik-Produkte vermeiden oder im wahrsten Sinne des Wortes wieder verwenden lassen.

Zehn Jahre lang hat Werner Boote für den gleichnamigen Dokumentarfilm recherchiert, der dieser Tage in den Kinos zu sehen ist. In diesem Buch fließt das Herzblut der Autoren - mitreißend und kompetent geschrieben, engagiert gedacht, angereichert mit Fotos aus dem gleichnamigen Dokumentarfilm und plastikfrei produziert.

Über die Autoren:
Werner Boote, Jahrgang 1965, ist ein österreichischer Filmregisseur und Autor. Er wurde bekannt durch den Film "Kurt Rydl – Der Gladiator" aus dem Jahre 2003, der für den europäischen Filmpreis nominiert war. Er erhielt zahlreiche Preise darunter zwei Mal den "Delphin" in Frankreich, "Best Tourism Film Of The World" und "Certificate For Creative Excellence" beim US-Filmfestival und World Medals beim New-York-Filmfestival.

Gerhard Pretting, geboren 1968, ist promovierter Medientheoretiker und arbeitete viele Jahre als Feature- und Feuilletonredakteur beim österreichischen Radiosender Ö 1. Zurzeit ist er als freier Autor tätig.

Besprochen von Susanne Billig

Gerhard Pretting, Werner Boote: Plastic Planet – Die dunkle Seite der Kunststoffe
orange-press Verlag, Freiburg 2010
224 Seiten, 20 Euro
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