Plan B muss her

Berlin, Potsdamer Platz: Bei ihrem Filmfestival darf sich die Stadt als Weltmetropole fühlen © AP
Von Jürgen König · 12.01.2011
Wie müssen Großstädte sich im globalen Wettbewerb positionieren, um überlebensfähig zu bleiben? Dieser Frage geht Volker Hassemer in einer Streitschrift nach - am Beispiel Berlins. Von 1991 bis 1996 war er dort als Senator für die Stadtentwicklung zuständig.
Ein kämpferischer, beeindruckender Auftritt des Volker Hassemer, der vor überfülltem Saal ein Buch vorstellt, das er geschrieben hat aus Leidenschaft zu seiner Stadt. Das Thema des Buches "Wozu Berlin?" beschreibt er so:

"Ich bin davon überzeugt, dass die Städte unser Schicksal... bei der Frage: Wo leben wir, wie leben wir? – dass die Städte in Zukunft, in den nächsten zig Jahren, also noch in diesem Jahrhundert zu den eigentlichen Fixpunkten der Weltkarte gehören. Es wird so sein, dass Leute sich nicht entscheiden, ob sie auf Kontinenten sind oder in bestimmten Ländern sind – es wird so sein, dass die herausragenden Orte, die Erkennungsmerkmale eine ganz neue Rolle in der Welt spielen werden. Und sie haben in dieser Situation eine Herausforderung, die sie, das ist meine Überzeugung, alle, auch Berlin, noch nicht angenommen haben. Ich führe diesen Streit ohne Vorwurf, aber aus Notwendigkeit."

Alle Städte stehen vor diesem Problem; konkret spricht Volker Hassemer über Berlin. Viel sei erreicht worden. Regierungsumzug, Auf- und Ausbau innerstädtischer Areale, die Flughafenplanung und: eine Atmosphäre in der Stadt, die junge Menschen anlockt. Aber das alles reicht nicht, sagt Hassemer: ein Plan B muss her. Ein Neuanfang. Vor allem, um die Wirtschaftskraft der Stadt strukturell zukunftsfähig zu machen. Denn die nach der Vereinigung der Stadt vorausgesagte rasante wirtschaftliche Entwicklung Berlins hat es nicht gegeben, die erwarteten 300.000 Neuberliner sind nicht gekommen. Was wird aus dem Gelände der Flughäfen Tempelhof und Tegel? Was soll um den Flughafen Schönefeld herum entstehen? Was wird aus den weiten Arealen an der Spree im Ostteil der Stadt? Symptomatisch sei der ideenlose Umgang mit diesen Berliner Dauerthemen; eine neue Strategie müsse her, eine Perspektive, vermittelt durch zielführende Diskussionen. Und dazu sei eine Politik gefragt, die mehr zu bieten habe als die Verwaltung des Bestehenden. Aber:

"Das ist kein Buch gegen die Politik. Schon gar kein Buch gegen die Politik, die im Augenblick da ist. Es ist eine Forderung allerdings für eine bestimmte, neue, andere, anspruchsvollere Art von Politikkultur. Nicht nur in Berlin, auch woanders: Wir brauchen eine neue Politikkultur vor allem in diesen Städten, wir können sie auch realisieren. Dafür streite ich."

Und welche Perspektive ihm vorschwebt, sagt Hassemer auch: die kulturelle. Nicht nur Berlin, alle großen Städte müssten ihre kulturelle Substanz fördern, wo immer es geht, als Grundlage dafür, dass die Menschen gerne in ihrer Stadt leben, andere gerne zu Besuch kommen. Wirtschaftlich empfiehlt Hassemer, vor allem auf die Kreativen zu setzen. Sie gilt es anzulocken und dann pfleglich zu behandeln, damit sie auch bleiben in der Stadt und arbeiten und mit ihrem Geist der Kreativität wiederum der Stadt Identität geben und sie so zu besagtem "Fixpunkt auf der Weltkarte" machen.

Internationalität ist Hassemer wichtig: dass die Stadt sich gegenüber der Welt präsentiert als ein Ort, "in dem für die Welt Wichtiges geschieht und behandelt wird". Und schließlich müssen neue Ideen her, um die Bürger in stärkerem Maße als bisher zu beteiligen an dem, was in ihrer Stadt entschieden wird und geschieht. Volker Hassemer selber engagiert sich in seiner "Stiftung Zukunft Berlin", rund 300 Menschen arbeiten ehrenamtlich dort, entwickeln Ideen, präsentieren sie in Veranstaltungen. Doch ihr Engagement werde von der Berliner Politik wenig geschätzt:

"Es gibt ein absolutes Desinteresse, eine absolute Abschottung alles Politischen gegenüber diesen Mitwirkungen. Die hätten am liebsten, würden wir nicht existieren. Ein Interesse der Berliner Politik an dem Potenzial, an den Ideen, an den Vorstellungen ihrer Bürger existiert nicht. Und solange wir im Politischen diese Art von Feigheit und auch Bequemlichkeit, denn jede andere Meinung macht die Sache ein bisschen komplexer... diese Art von Feigheit haben, sind wir für die Zukunft, die die Zukunft unserer gemeinsamen Stadt ist und nicht die Stadt, die uns die Politiker schenken oder bescheren, sind wir für diese Zukunft nicht gerüstet. Punkt!"

Man erlebt es nicht alle Tage, dass ein Einzelner sich hinstellt und sich aufregt und kämpft für die öffentliche Sache. Volker Hassemer ist so einer: im besten Sinne ein Citoyen.

Informationen des Siebenhaar Verlags zu Volker Hassemers Buch "Wozu Berlin?"