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Thema / Archiv | Beitrag vom 27.05.2011

Plagiatsfälle "sind keine Ausnahmen"

Historiker plädiert für besseres Kontrollsystem an Hochschulen

Götz Aly im Gespräch mit Stephan Karkowsky

Eine strengere Prüfung von akademischen Arbeiten fordert Götz Aly.  (AP)
Eine strengere Prüfung von akademischen Arbeiten fordert Götz Aly. (AP)

Der Historiker Götz Aly sieht eine Mitschuld der Hochschulen an den derzeitigen Plagiatsfällen. Die fehlende Kontrolle der Korrekturleistungen von akademischen Lehrern leistet nach seiner Ansicht dem Plagiieren an deutschen Hochschulen Vorschub.

Stephan Karkowsky: Die Homepage von Karl-Theodor zu Guttenberg trägt den Titel "Verantwortung verpflichtet", und sie wirkt derzeit wie ein Haus, das von seinen Bewohnern fluchtartig verlassen wurde. Die Fassade steht noch, man sieht das Lächeln des Hausherrn und seiner Gattin, aber die biografischen Angaben enden abrupt, zumeist im März 2011, als Guttenberg vom Hoffnungsträger der Union zum Plagiator wurde. Und für viele ist er heute nichts anderes mehr: einer, der betrügt, der abschreibt, sich mit fremden Federn schmückt – pfui! Und nun kommt der Berliner Historiker und Journalist Götz Aly daher und erweckt den Eindruck, das Plagiieren bereits von Hausarbeiten während des Studiums, das sei gar nicht so die große Ausnahme. Im Gegenteil, das Abschreiben habe durchaus System und werde von den Hochschullehrern nur nicht nachdrücklich genug verfolgt. Guten Tag, Herr Aly!

Götz Aly: Guten Tag!

Karkowsky: Nur kurz zur Vorgeschichte: Sie haben ein Seminar gegeben an der FU Berlin und zwei Studenten darin des Abschreibens überführt. Reicht das denn schon, um die Hochschulautonomie dafür generell an den Pranger zu stellen?

Aly: Nein, das reicht meiner Ansicht nach nicht. Immerhin sind es zwei plagiierte Arbeiten, und zwar vollständig plagiierte Arbeiten, von 24 Arbeiten – das sind knapp zehn Prozent, das ist eine ganze Menge. Und im Fall der einen Studentin habe ich festgestellt, dass sie alle ihre Arbeiten während des Studiums der Politikwissenschaften, nämlich sechs, plagiiert hat und kein einziger Hochschullehrer vorher Verdacht geschöpft hatte, sondern diese Arbeiten mit guten und sehr, sehr guten Noten bewerten worden sind. Und das hat sie – wie ich dann im Gespräch erfuhr – ermutigt, auf diesem Weg weiterzugehen. Und hier liegt ein Versagen der Hochschule.

Karkowsky: Ich zitiere mal gekürzt aus einem Ihrer Artikel für die "Berliner Zeitung": "Die erfolgreich eingesetzten Plagiate sind das Ergebnis universitärer Verwahrlosung." Liegt die Verwahrlosung da nicht eher bei den Plagiatoren anstatt bei den Institutionen?

Aly: Nein. Wenn eine Studentin von Anfang an sechs Arbeiten, und zwar alle, die sie schreibt, plagiieren kann, dann muss die Hochschule – und ich begreife mich insofern, obwohl ich nur Privatdozent bin und gelegentlich unterrichte, auch als Angehöriger der Hochschule und als mitverantwortlich – dann muss die Hochschule über ihr eigenes Versagen an diesem Punkt nachdenken. Es ist nicht allein das Versagen der Studenten, wenn sie ungebremst auf die schiefe Bahn geraten.

Karkowsky: Sie gehen ja im selben Artikel auch hart ins Gericht mit den Kollegen. Ihr Fall dokumentiere ein "habituelles Desinteresse staatlich besoldeter Hochschullehrer am Lernerfolg ihrer Studenten". Das war wieder ein Zitat. Dokumentiert dieser Fall nicht vielmehr Arbeitsüberlastung von Hochschullehrern, mit überfüllten Seminaren und mehr Hausarbeiten, als sie ernsthaft auf Plagiate zu prüfen in der Lage wären?

Aly: Nein, das glaube ich nicht. Wissen Sie, ich hatte – und das ist ungewöhnlich viel – ich hatte 70 Studenten in diesem Seminar.

Karkowsky: Aber Sie sagen selbst, Sie sind nur als Privatdozent gelegentlich an der Universität.

Aly: Ja. Ich hatte 70 Studenten, und da habe ich nach diesem neuen Studiensystem 40 Teilnahmescheine ausgestellt, und die Seminararbeiten, da habe ich mir zwei Tage für genommen, die durchzuarbeiten, und da bin ich eben – das verdanke ich aber sicherlich auch dem Fall Guttenberg, das muss man, glaube ich, sagen. Ich weiß nicht, ob ich das vor zwei Jahren gemacht hätte, das nachzuprüfen, aber ich hatte eben so bestimmte Anfangsverdachte. Es gibt aber noch weitere Fälschungen, auch in meinem Seminar, die kann ich nur unter den jetzigen Studienbedingungen nicht nachweisen, und zwar, dass Studenten – ich nenne das Selbstplagiat – ihre Seminararbeiten leicht umgeschrieben, leicht thematisch verändern, dieselben Seminararbeiten in unterschiedlichen Seminaren einreichen, mal in "Theoretische Grundlagen der Politik" und dann in "Internationale Beziehungen" oder irgendwie so, und das fällt nicht auf, weil die akademischen Lehrer keinen Überblick über den gesamten Studienverlauf haben und der ganze Betrieb auch anonymisiert ist. Sie kennen die nicht, sie kennen die nicht mit Namen – das ist nicht das Problem der Massenuniversität, das ist ein organisatorisches Problem, dass nicht einzelnen Professoren und Lehrstühle verantwortlich sind für eine bestimmte Zahl von Studenten und die auch wirklich, wie es in amerikanischen, auch britischen Universitäten möglich ist, betreuen und auch den individuellen Überblick und das kennen und auch ein gewisses Vertrauensverhältnis zu diesen Studenten waren und behalten.

Karkowsky: Sie hören im "Radiofeuilleton" den Berliner Historiker und Journalisten Götz Aly, der zumindest der FU Berlin eine Nachlässigkeit in der Plagiatsaufdeckung vorwirft. Herr Aly ...

Aly: Ich will übrigens sagen, das gilt nicht für alle Fächer, sondern es ist ein spezifisches Problem bestimmter, ich würde sagen geisteswissenschaftlicher Fächer an der FU, in denen diese Vernachlässigung von Studierenden und dieses gegenseitige Wegsehen eingerissen ist.

Karkowsky: Aber was ich nicht verstehe, Sie wollen ja eigentlich das System verändern, sie wollen, dass sich etwas wandelt, dass es besser wird, dass die Lehrer mehr achten auf Ihre Studenten – ihnen dann gleich verantwortungsloses Nichtstun vorzuwerfen, das öffnet ja nicht den Boden für einen Dialog. Da sagen dann die Kollegen, ach ja, der Aly, der kommt ab und zu, gibt mal ne Doppelstunde hier und da, der hat doch keine Ahnung, was wir wirklich leisten müssen, wie unsere Arbeitsbelastung ist, und außerdem ist er wahrscheinlich immer noch beleidigt, dass die FU ihn nicht zum außerordentlichen Professor machen wollte und er sich immer noch als Privatdozent selbst ausbeuten muss.

Götz Aly, Historiker und Buchautor (Deutschlandradio - Bettina Straub)Überführte in einem seiner Seminare zwei Studenten des Abschreibens: Götz Aly, Historiker und Buchautor (Deutschlandradio - Bettina Straub)Aly: Nein, diese Selbstausbeutung, das ist alles gar kein Problem. Ich bin ja da frei. Ich kann auch sagen, ich lege diese Privatdozentur wegen unwürdigen Verhaltens der Universität nieder, mir gegenüber, das ist alles kein Problem. Ich bin auf diese Fälle gestoßen und sehe dahinter einen ganzen Kosmos. Und mir schreiben ja auch Kollegen, mir schreiben andere Professoren, dass sie meine Artikel im Seminar verteilt haben mit dem Ziel, die Rute ins Fenster zu hängen. Mir schreibt ein Professor aus Hannover, dass er gerade Bachelor-Arbeiten begutachtet und dank meiner Artikel würde er jetzt überprüfen, gelegentlich Stichproben machen, was es mit Plagiaten auf sich hat. Mir berichten Studenten in nicht ganz kleiner Zahl, dass sie vielfach mit plagiierenden Kommilitonen in Berührung gekommen sind oder das auch selber getan haben. Das sind keine Ausnahmen, von denen ich spreche.

Karkowsky: Nun haben Sie mit Maßnahmen auf diese Plagiate in ihren Seminaren reagiert, die man zumindest unüblich nennen kann. Sie haben sich von einer Plagiatorin sämtliche Hausarbeiten im Fach Politik vorlegen lassen und die dann auch noch mal als Plagiate entlarvt, und sie haben sie ja danach so eine Art Strafarbeit schreiben lassen – darf ich das sagen? –, wo sie dann sagen musste: Warum ich abgeschrieben habe.

Aly: Ja, sie hat da einen zehnseitigen Bericht geschrieben, den ich sehr beeindruckend finde, in dem sie ihre Gymnasial- und Studienkarriere beschrieben hat und auch sehr eingehend und ich glaube glaubwürdig beschrieben hat, wie sie auf diese Bahn geraten ist.

Karkowsky: Und da reagiert die FU Berlin natürlich jetzt mit Unverständnis und sagt, Sie hätten da Ihre Kompetenzen überschritten.

Aly: Der Studiendekan Dr. Ingo Peters hat mir geschrieben, das sei anmaßend – das finde ich überhaupt nicht. Ich finde, das ist absolut notwendig, weil beide von mir überführten Studenten haben zunächst gesagt – das ist ja auch ganz naheliegend: Das waren Einzeltaten, das haben wir noch nie vorher gemacht. Die Fälle liegen etwas verschieden – die eine studiert sehr ordentlich, der andere ist so ein Langzeitstudent, der das akademische Dasein, glaube ich, als Lebensform begreift, aber das nicht besonders ernst nimmt. Aber auch das ist von zwei Kollegen vollständig übersehen worden, sie haben ihm Noten gegeben für Hausarbeiten, die er nie abgegeben hat, und ins Campus-Management eingetragen, es handele sich um besondere Hausarbeiten, also um Hausarbeiten, die es gar nicht gibt, und dafür jeweils einfach eine Zwei gegeben. Und auch die Studentin sagt, sie hätte den Eindruck, dass die Dozenten die Haltung hätten, möglichst viele Studierenden irgendwie halbwegs einfach durchzubringen.

Karkowsky: Und Sie vermuten ja nun, dass das keine Einzelfälle sind. Wenn es bei Ihnen passiert ist, wird es auch woanders passieren, und Sie argumentieren auf zwei Ebenen. Zum einen wollen Sie die Hochschullehrer bei ihrer Pädagogenehre packen, und das klappt ja bei den ersten offensichtlich auch schon, und Sie rufen die Institution Hochschule zum Eingreifen auf. Was schlagen Sie denn vor, sollte jede Uni sich künftig ein eigenes Plagiatsbüro leisten, das quasi noch vor der Korrektur durch den Lehrer so eine Plagiatsprüfung vornimmt?

Aly: Nein. Bisher ist es unter dem Signum der angeblichen Hochschulautonomie so, dass ja die Korrekturleistungen von akademischen Lehrern überhaupt von niemandem überprüft werden. Das ist im Fall von Gymnasiallehrern und Abiturarbeiten ganz anders, die werden stichprobenartig, da gibt es Zweitkorrekturen und so weiter. Da gibt es ein System der Kontrolle. Und dieses System der Kontrolle, wie Lehrer arbeiten, wie sie Arbeiten bewerten, fehlt an den Hochschulen vollständig – und auch der wechselseitigen Kontrolle –, und das muss eingeführt werden, dass sie diese Arbeit ernster nehmen und vor allem, es muss ein Studienzusammenhang gefunden werden, in dem man sich gegenseitig kennt und in dem es einen verantwortlichen Hochschullehrer gibt, der jederzeit in der Lage ist, Auskunft über bestimmte Studenten zu geben, und das im Auge hat, wie der allgemeine Fortschritt ist. Das braucht nicht verschult zu sein, das kann sehr liberal gehandhabt werden, aber diese Lehrer-Schüler-Bindung braucht es irgendwo, und die gibt es ja auch in bestimmten Fächern. Wenn Sie am OSI einen fragen ...

Karkowsky: Am Otto-Suhr-Institut der FU Berlin?

Aly: Ja ... wo hast du denn einen Seminarschein gemacht, bei wem, bei welchem Lehrer, dann stottern die und es fallen ihnen die Namen nicht ein.

Karkowsky: Der Berliner Historiker und Journalist Götz Aly legt sich mit der FU Berlin an. Er wirft zumindest dem Otto-Suhr-Institut zu wenig Engagement gegen Plagiate vor. Ihnen danke für das Gespräch!

Aly: Danke auch!

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