Plädoyer für humanes Sterben

25.10.2007
Es heißt, dass sich 80 Prozent der Deutschen wünschen, zuhause zu sterben. Tatsächlich sterben 80 Prozent in Kliniken, Heimen und Hospizen. Institutionalisiertes Sterben ist zum teuersten Lebensabschnitt geworden und für die Versorger oft lukrativ – sanft entschlummert trotzdem kaum einer.
Im Gegenteil: Der verwaltete, vereinsamte Abgang zum technisch spätesten Zeitpunkt ist Normalität, die Kunst des würdigen Sterbens dagegen zur romantischen Flause geworden. In "Sterben in Deutschland" beleuchtet der Soziologe und Theologe Reimer Gronemeyer die oft bestürzenden Realitäten und Absurditäten am Lebensende. Diesseits der Skandalisierung unternimmt Gronemeyer anhand von Fakten, eigenen und fremden Erfahrungen, Vor-Ort-Recherchen und Reflexionen eine Tour d’Horizont. Sein Horizont ist der moderne Tod – der Tod im Zeitalter der "Maschinenförmigkeit" des Menschen.

Gronemeyer erzählt zu Beginn die Geschichte seiner Großmutter, die 1953 nach einem Schlaganfall im Kreis der Familie starb und nach heutigen Maßstäben medizinisch eklatant unterversorgt blieb. Aus dem häuslichen Sterben der Großmutter – die eben kein "teurer Sozialfall" wurde – gewinnt Gronemeyer ein Idealbild, an dem er die gegenwärtigen Best-Practice-Sterbeprozeduren samt der Tendenz zur krassen Überversorgung misst. Dabei schleichen sich unscharfe zivilisationskritische Topoi ein, etwa dieser: "Das Sterben verlief [einst] gewissermaßen in den gleichen geordneten Bahnen wie das Leben selbst." Man muss das sehr bezweifeln. Aber es wird deutlich, welche spirituelle Haltung Gronemeyer beim Sterben favorisiert: "[…] sich dem Ausschalten zu verweigern und sich für das Abschließen zu öffnen".

Die Lektüre von "Sterben in Deutschland" wird rhythmisiert durch den ständigen Perspektivenwechsel. Anders gesagt: Der Leser verfolgt die Gedanken des Autors durchs üppige und disparate Material, das in keine wissenschaftliche Ordnung eingepasst wurde. Gronemeyer ist – persönlich oder indem er Literatur paraphrasiert – in Pflegeheimen, auf Intensivstationen, in der Palliativ-Medizin und den Hospizen, bei der häuslichen Betreuung, bei professionellen Sterbebegleitungen, bei der Leichenverbrennung und auf Friedhöfen. Er untersucht Statistiken, bewertet ethische Argumentationen, beschreibt die Fürchterlichkeit der hierzulande stark zunehmenden Demenz genauso wie das millionenfache Sterben afrikanischer AIDS-Kranker in äußerster Armut. Wer am Ende das schwerere Los gezogen hat, lässt Gronemeyer suggestiv offen. Seine Kritik am "karitativen Apparat" in Deutschland, der sich "an Prinzipien [orientiert], die auch für eine Autofabrik gelten", ist pointiert: "Die schlimmste Form der Einsamkeit ist die Auslieferung an eine kalte Maschine, die den Takt vorgibt […] Darin ereignet sich die Auslöschung dessen, was einmal eine persönliche Geschichte war."

Trotz der unerbittlichen Härte des Themas, trotz erschütternder Berichte aus der Pflegepraxis, trotz seines Willens zur restlosen Desillusionierung schreibt Gronemeyer letztlich einfühlsam und mit ausgeprägt humanistischer Gesinnung. Er erlaubt sich, viele Fragen zu stellen, auf die er selbst keine Antworten parat hat. Vor allem charakterisiert Gronemeyer die totale Medikalisierung, Ökonomisierung und Institutionalisierung des Sterbens nicht als unabänderlichen Zwang, sondern als Übertreibung und Irrweg, von dem sich der Einzelne distanzieren kann: "Wir müssen zumindest versuchen, das Anfangen und das Abschließen zurückzugewinnen und uns aus der Maschinenförmigkeit, die Geburt, Sterben und Tod heute zu überfremden drohen, herauszulösen." Gronemeyer verweist nur dezent auf den religiösen Trost, den er spürbar in der Hinterhand hält. Dafür mokiert er sich über den modernen Macher-Menschen, der sich "selbst noch im Sterben triumphierend als den Handelnden erleben" will. Möglichst spielerisch loslassen und das Sterben geschehen lassen ist die Alternative, die dem Autor vorschwebt. Die Frage wäre nur, ob es dazu nicht besonders geschickter Organisation und Gestaltungskraft bedarf. – "Horam nescitis" (Ihr kennt die Stunde nicht) steht einsam auf der letzten Seite von "Sterben in Deutschland": ein pathetischer Appell gegen das Managen des Todes und für dessen Unverfügbarkeit.

Rezensiert von Arno Orzessek

Reimer Gronemeyer: Sterben in Deutschland. Wie wir dem Tod wieder einen Platz in unserem Leben einräumen können
S. Fischer Verlag
Frankfurt am Main, Oktober 2007,
294 Seiten, 19,90 Euro