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Politisches Feuilleton | Beitrag vom 12.10.2021

Plädoyer für eine sachdienliche PolitikWer Storys will, soll Krimis lesen

Ein Standpunkt von Christian Schüle

Olaf Scholz sitzt im Dienstwagen, er fährt zu Gesprächen mit der FDP. 3. Oktober 2021. (AFP / Tobias Schwarz)
Olaf Scholz muss sich auch schon mal anhören, ein „Automat“ zu sein. Dabei komme es viel mehr auf eine nachhaltige und sachliche Politik an, meint Christian Schüle. (AFP / Tobias Schwarz)

Die Klage ist bekannt: Früher gab es noch Vollblutpolitiker wie Brandt oder Strauß. Heute dominieren hingegen Pragmatiker und Problemlöser. Der Autor Christian Schüle kann daran nichts Schlimmes erkennen und kritisiert die Sehnsucht nach der großen Story.

Olaf Scholz: ein Automat. Armin Laschet: ein regionaler Bankmanager. Annalena Baerbock: eine viel zu laute Klassensprecherin. Die Sondierer: schrecklich nett und langweilig. Deutschland habe die Politiker, die es verdient. Nur  Robert Habeck hat Glück: Ihm gesteht man wenigstens "Personality" zu.

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Journalisten, öffentliche Intellektuelle, Politmoderatoren und notorische Besserwisser sprechen dem gegenwärtigen politischen Personal kurzerhand gern jegliche Ausstrahlung und Aura ab. Mit der niederschwelligen Diffamierung derer, die gerade versuchen, eine Regierung zustandezubringen, korrespondiert auf denkwürdige Weise eine überhöhte Sehnsucht nach Charisma und Pathos.

Zeitgleich versorgen Strategen, Berater und Spindoktoren die Medienöffentlichkeit mit dem Gerede vom "Storytelling". Allerorten wird eine "Erzählung" gefordert, immerzu ist von einem "Narrativ" die Rede, das eine Koalition oder Partei jetzt zu erfinden habe.

Was soll das? Was ist das für eine Auffassung von Politik? Ist Storytelling nicht das inhaltsleere Aufplustern des Uneigentlichen, da es dabei allein auf die emotionale Stimmigkeit der "Geschichte" ankommt, nicht aber auf Logik, Begründung, Präzision und Faktentreue?

Nachhaltigkeit braucht Tugenden wie Nach- und Rücksicht

Das Kerngeschäft des Politischen ist Problemlösen, nicht Erzählen. Ist das Bohren dicker Bretter, Moderation, Aushandlung, Verhandlung, Synthese, Kompromisskunst. Zum Glück haben wir hierzulande weder Entertainer vom Schlage eines in existenziellen Krisen Witze erzählenden Boris Johnson – geschweige denn Profilneurotiker wie Donald Trump, dem langjährige Beobachter zwar Charisma und Rampensauqualität zusprechen, in dem sich der Weltgeist aber doch so grotesk geirrt hat.

Charismatiker mögen mitreißen, aber sie sind Verführer. Sie brauchen und schaffen Jünger. Seien wir froh über die deutschen Kanzlerkandidaten und Sondierer und ihre stilvolle Form der langen Weile, über die Zivilisiertheit im Umgang miteinander und den Versuch, Vertrauen nicht nur zur Worthülse in irgendeiner Story zu machen. Der zeitgenössische Geist der Nachhaltigkeit will nicht mehr Selbstgefälligkeit und Rechthaberei, sondern favorisiert Tugenden wie Um-, Nach- und Rücksicht, Besinnung und Besonnenheit.

Versöhnungsarbeit statt Charisma

Gerade in einer Ära, da Fake News von realen Fakten kaum noch zu unterscheiden sind, da Verschwörungserzählungen den rationalen Grundkonsens aushöhlen, da Manipulation und Agitation Empirie und Evidenz zu zersetzen drohen und immer mehr Unterhaltung zu immer weniger Kultur führt, ist stocknüchterne Sachdienlichkeit von enormem Wert. Die so gnadenlose wie infantile Shitstormkultur unserer Tage braucht gerade jetzt unaufgeregt sachorientierte Menschen, die sich nicht von der Social-Media-Meute durch die Manege treiben lassen.

Charisma mag berauschend, sexy und unterhaltsam sein. Aber erstens ist die Nähe zum Narzissmus augenfällig und zweitens nimmt Charisma dort die Abkürzung über Emotionalität und Entertainment, wo Problemlösung erst anfängt. Charisma blendet, wo hartnäckig irdische Versöhnungsarbeit zu leisten wäre und die hohe Komplexität der Sache Durchdringung und Dialektik erforderte. Charisma verkörpert immer auch Provokation, Sachdienlichkeit hingegen die Sicherheit, dass da einer nicht nur weiß, was er tut, sondern auch, wie er es tun muss.

Wer Pathos sucht, kann in die Oper

Wir brauchen keine Story. Wir brauchen auch keine Narrative. Wir brauchen die politische Intelligenz einer angemessenen und einfühlsamen Ansprache. Wer Storys will, soll Krimis lesen; wer Pathos sucht, kann in die Oper. Ja, es ist wahr: Olaf Scholz und Co. sind weder Willy Brandt noch Franz Josef Strauß. Aber die Kandidaten und Sondierer des strategischen Realismus entwickeln gerade eine ganz andere Aura: die Aura unbestechlicher Allgemeinvernunft. Für rechtschaffene Langweiligkeit stehen die Chancen erfreulich gut.

Porträt des Autoren und Publizisten Christian Schüle (picture alliance / Frank May)Christian Schüle (picture alliance / Frank May)Christian Schüle, geboren 1970, hat in München und Wien Philosophie, Soziologie und Politische Wissenschaft studiert. Er hat einen Lehrauftrag für Kulturwissenschaft an der Universität der Künste in Berlin und lebt als freier Schriftsteller, Essayist und Publizist in Hamburg. Zu seinen zahlreichen Büchern zählen der Roman "Das Ende unserer Tage" und zuletzt die Essays "Heimat. Ein Phantomschmerz" sowie "In der Kampfzone".

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