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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 23.08.2006

Plädoyer für eine Reform des Islam

Sachbuch: "Kein Gott außer Gott"

Rezensiert von Abdul-Ahmad Rashid

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Pilger in Mekka (AP)
Pilger in Mekka (AP)

In seinem Buch setzt sich der iranischstämmige Amerikaner Reza Aslan mit Entstehung und Entwicklung des Islam bis heute auseinander. Sowohl für Leser der westlichen Welt als auch für Muslime gibt er interessante Einsichten in die Facetten dieser Weltreligion. Azlan plädiert für ihre Reformation.

"Als Muhammad vor tausendvierhundert Jahren in Mekka eine Revolution in Gang setzte, um die archaischen, starren und ungerechten Verhältnisse der Stammesgesellschaft durch die radikal neue Vision der von Gott geschenkten Moral und der sozialen Gleichheit zu ersetzen, zerriss er das Gewebe der traditionellen arabischen Gesellschaft. Erst nach Jahren der Gewalt und der Zerstörung konnte der Hidschaz von seinen ‚falschen Idolen’ befreit werden. Und es wird noch viele Jahre dauern, ehe der Islam von seinen neuen falschen Idolen der Frömmelei und des Fanatismus befreit ist."

Das ist das Fazit, welches der US-iranische Autor Reza Aslan am Ende seines Buches "Kein Gott außer Gott" zieht. Doch für den Verfasser ist diese Erkenntnis kein Grund zur Bitternis. Vielmehr keimt aus ihr auch ein Stück Hoffnung hervor:

"Diese Befreiung wird kommen, die Reform ist nicht mehr aufzuhalten. Die Zeit der islamischen Reformation hat begonnen. Wir leben mitten in ihr."

Schon seit vielen Jahren fordern kritische Stimmen im Westen, die islamische Welt müsse einen Martin Luther hervorbringen. Denn genauso wie das Christentum stehe der Islam vor der Notwendigkeit, seine Dogmen zu überdenken und sich der Moderne anzupassen. Verschleierte, unterdrückte Frauen, gesteinigte oder körperamputierte Menschen, Zwangsscheidungen und Ehrenmorde passten genauso wenig in unsere Zeit wie unmündig gehaltene Massen, so die Kritiker. Reza Aslan teilt diese Meinung. Sein Buch "Kein Gott außer Gott" ist daher ein Plädoyer für diese Reformen. Doch die islamische Welt selber tue sich, so Aslan, noch schwer damit:

"Was heute in der muslimischen Welt stattfindet, ist eine innermuslimische Auseinandersetzung, kein Kampf zwischen dem Islam und dem Westen. Der Westen ist nur Zuschauer – das unachtsame, komplizenhafte Opfer eines Machtkampfes um die Frage, wer das nächste Kapitel in der Geschichte des Islams schreiben wird."

Um diese Spannungen verständlich zu machen, breitet Aslan die Geschichte des Islams aus. Er schildert das Entstehen der Urgemeinde in der Wüstenstadt Medina, unweit von Muhammads Geburtsstadt Mekka und zeigt, unter welchen dramatischen Umständen die Gemeinde im Laufe der Jahre nach dem Tod des Propheten zerbrach. Es kam zur "Fitna", dem ersten Bürgerkrieg in der islamischen Geschichte. Aus dieser ersten Spaltung, aus der die Sunniten und Schiiten hervorgingen, leiteten sich die weiteren Spaltungen ab.

Nicht weniger als heute ist dieser Konflikt aktuell. Dies alles vermittelt Aslan in sachkundiger, aber gleichzeitig unterhaltsamer und spannender Art. Denn der Autor hat nicht nur in Harvard islamische Theologie studiert, sondern besitzt auch einen Abschluss in Belletristik von der Universität Iowa in den USA. Daher vermischt er an vielen Stellen Fakten mit Fiktion und füllt seine Ausführungen mit Geschichten, Zitaten und kleinen Szenen. So entsteht für den Leser eine Idee davon, wie die Dinge sich in der arabischen Wüste vor mehr als tausendvierhundert Jahren abgespielt haben könnten.

"’O Prophet Gottes’, sagte Abu Bakr, ‚deine dauernden Bitten werden deinem Herrn lästig fallen; Gott erfüllt, was er dir versprochen hat.’ Da stand Muhammad auf, rief seiner kleinen Schar zu, auf Gott zu vertrauen und dem Feind entschlossen entgegenzutreten."

Das Buch richtet sich in erster Linie an westliche Leser, die wenige Kenntnisse über den Islam haben. Für sie erklärt Aslan in verständlicher Weise die Themen, die jeden Durchschnittseuropäer beim täglichen Konsum der Nachrichten verwirren: Was ist der Dschihad? Müssen Frauen sich wirklich verschleiern? Welche Ideologie steckt hinter dem Wahhabismus?

Aslan möchte mit seinem Buch auch seine Glaubensbrüder- und schwestern ansprechen, denn der Islam ist eine moderne Religion. Die Agenda für Reformen lägen, so Aslan, bereits in der islamischen Urgemeinde verankert: Dort habe sich Muhammad als gadenloser Reformer erwiesen, indem er beispielsweise die Rechte der Frauen massiv gegen die wütenden Proteste seiner Geschlechtsgenossen verbesserte.

Aslan kritisiert in seinem Buch die Starrheit des Islam und das Unvermögen der Muslime, die von Muhammad eingeleiteten Reformen nach seinem Tod umzusetzen. Stattdessen hätte die geistliche Kaste des Islam, die Rechtsgelehrten, dafür gesorgt, die Traditionen so auszulegen, dass ihre Machtposition nicht gefährdet wurde. Erst in Reaktion auf den Kolonialismus besannen sich Intellektuelle und Geistliche auf den "Urgeist" des Islam und nahmen die Reformen wieder auf. Dabei kam es wiederum zu einer Spaltung unter den Muslimen.

Denn die einen wollten die Islamisierung ihrer Gesellschaften friedlich umsetzen. Andere dagegen wählten radikalere Mittel. Die Anschläge vom 11. September 2001 in den USA waren die logische Konsequenz. Die Spaltung innerhalb der muslimischen Gemeinde hält auch weiterhin an. So stellt sich für die Zukunft die Frage, wer in dieser innerislamischen Auseinandersetzung die Oberhand behält: Die friedlichen Reformer oder die gewaltbereiten Radikalen? Reza Aslan sieht in seinem Buch "Kein Gott außer Gott" hier deutliche Parallelen zur Geschichte des Christentums: Dieses habe fünfzehnhundert Jahre für seine Reformation gebraucht. Der Islam, vor tausendvierhundert Jahren in der arabischen Wüste entstanden, sei nun auch endlich in "sein" fünfzehntes Jahrhundert eingetreten.

Reza Aslan: Kein Gott außer Gott. Der Glaube der Muslime von Muhammad bis zur Gegenwart.
Aus dem Englischen von Rita Seuß
Beck-Verlag, München 2006
335 Seiten. 24,90 Euro.

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