Plädoyer für ein besseres Gesundheitssystem

Lauterbach: Konkrete Hilfestellungen, wie sich Patienten schützen können. © Deutschlandradio - Bettina Fürst-Fastré
12.04.2009
Der SPD-Politiker Karl Lauterbach hat ein kritisches Buch über unser Gesundheitssystem geschrieben. Darin beschreibt er offen und schonungslos die Missstände der Zwei-Klassen-Medizin von gesetzlich und privat Versicherten. In einem eigenen Kapitel erklärt Lauterbach, wie man einen guten Arzt findet und listet die bundesweit besten Kliniken auf.
Er ist Politiker geworden, um das Gesundheitssystem zu verändern. Er wollte es für die Menschen besser machen. Acht Jahre später schreibt er kritische Bücher über genau dieses Gesundheitssystem und gibt Tipps, wie man sich am besten vor der Gesundheitsmafia schützt. Er ist immer noch Politiker, hat viel geredet und sich engagiert, man kennt ihn als den Mann mit der Fliege, doch ändern konnte er nur wenig. Karl Lauterbach, SPD-Gesundheitsexperte, sitzt in den politischen Gremien, die über das Gesundheitssystem entscheiden und kann über das, was am Ende tatsächlich rauskommt, kaum Gutes berichten.

So kann man sein neues Buch "Gesund im kranken System" nur als Bankrotterklärung verstehen. Die Kapitulation des Politikers Lauterbach, der feststellen muss, dass er zwar viele gute Tipps und Tricks für Patienten und Versicherte geben kann, aber keine ungerechten Behandlungen oder die Einflussnahme von Pharmaunternehmen verhindern kann. Das macht das Buch nicht schlecht. Im Gegenteil, wer sich so gut im Dschungel der Machtkämpfe und Interessenskonflikte von Ärzteschaft, Krankenkassen und Politik auskennt, weiß wo die größten Wunden liegen.

Offen und schonungslos beschreibt Karl Lauterbach ganz konkret die Missstände. Er kritisiert die Zwei-Klassen-Medizin, die in Deutschland durch gesetzliche und private Krankenversicherung zustande kommt. Wer gesetzlich versichert ist, immerhin sind das 90 Prozent der deutschen Bevölkerung, der wartet länger auf Vorsorgeuntersuchungen und Behandlungen und wird häufig nicht von den richtigen Ärzten behandeln.

Wer dagegen privat versichert ist, kommt viel eher zu einem Spezialisten, weil seine Kasse bis zu drei Mal mehr für die Behandlung zahlt als die gesetzliche. Außerdem erlaubt das System privat Versicherten ambulante Therapiemöglichkeiten bei Experten in Kliniken, die für gesetzlich Versicherte nicht möglich sind.

Ein weiteres Manko ist die Fortbildung der Ärzte in Deutschland. Sie ist im internationalen Vergleich mäßig bis schlecht. Vergleichsstudien zeigen, dass sich aktuelles Fachwissen nur auf wenige Kompetenzzentren und Universitätskliniken in Deutschland beschränkt.

Niedergelassene Ärzte, besonders Hausärzte, die einen Großteil der Patienten behandeln, haben kaum Zeit und Mittel, sich über den aktuellen Stand der Wissenschaft zu informieren. Oft fehlen den Ärzten ausreichende Englischkenntnisse, um internationale Studien zu verstehen, außerdem sind die Kosten für Fachmagazine enorm hoch. Lauterbach beklagt, dass es in Deutschland keine unabhängige Stelle gibt, die die international wichtigsten Studien zusammenfasst und allen Mediziner zu Verfügung stellt.

Ebenfalls schlecht sieht es in der deutschen Gesundheitsforschung aus. Große deutsche Studien sind kaum zu finden, viele Fachleute wandern ins Ausland ab. Ein ebenso vernachlässigtes Thema: Die Vorsorge bzw. Vorbeugung. In Deutschland gibt es zuviel unsinnige Früherkennung anstelle guter Gesundheitsberatung, durch die sich zahlreiche Erkrankungen vermeiden ließen, kritisiert der Autor.

Es ist gut, dass Karl Lauterbach nach seiner Analyse des "kranken Systems" konkrete Hilfestellung gibt, wie sich Patienten schützen können. In einem eigenen Kapitel erklärt er, wie man einen guten Arzt findet und listet die bundesweit besten Kliniken auf. Eine sehr gute Übersicht, aus der schnell hervorgeht, wo man sich behandeln lassen sollte und wo besser nicht.

Bleibt am Ende aber immer noch die Frage, was man gegen die vielen Missstände tun kann. Natürlich hat Karl Lauterbach als Gesundheitspolitiker dazu etliches zu sagen. Vorschläge für ein neues, besseres Gesundheitssystem finden sich zahlreich im letzten Kapitel. Es ist sein politisches Plädoyer, in dem er beschreibt, wie er sich ein gutes Gesundheitssystem vorstellt. Er fordert zum Beispiel eine bessere Finanzierung der Vorbeugung und eine bessere Fortbildung der Ärzte. Indirekt zeigt das Buch, wie absurd unser Gesundheitssystem ist, denn wirtschaftliche Interessen und Lobbyismus sind immer noch die bestimmenden Faktoren.

Rezensiert von Susanne Nessler

Karl Lauterbach: Gesund im kranken System. Ein Wegweiser.
Rowohlt-Verlag. 224 Seiten. 16,90 €.