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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 29.02.2008

Pioniere der Geschwindigkeit

Alessandro Baricco: "Diese Geschichte". Carl Hanser Verlag. 311 Seiten

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Ein Opel 4/12 PS 'Laubfrosch' von 1924 (AP Archiv)
Ein Opel 4/12 PS 'Laubfrosch' von 1924 (AP Archiv)

Der italienische Erfolgsautor Alessandro Baricco lässt in seinem neuesten Roman die Zeit der ersten Autorennen wieder auferstehen. Er porträtiert technikbegeisterte Bauern, die zu Mechanikern werden. Hauptfigur Ultimo träumt von der idealen Rennstrecke. Unterhaltsame Kost mit begrenztem Erkenntnisgewinn.

Alessandro Baricco, 1958 in Turin geboren und Musikwissenschaftler, ist einer der gewieftesten Literaturbetriebshandwerker Italiens. Er hat 1994 die Turiner Schreibschule Holden erfunden, an der man Kreatives Schreiben studieren kann, die erste italienische Einrichtung dieser Art. Er hat eine Fernsehsendung moderiert. Er hat ein halbes Dutzend Romane veröffentlicht, darunter den Welterfolg Seide, übersetzt in 32 Sprachen. Zwei seiner Bücher wurden verfilmt. Seine Romane arbeitet er zu szenischen Lesungen um, die an den italienischen Theatern aufgeführt werden und Tausende von Besuchern anziehen. Es gibt Videokassetten davon, die phantastische Verkaufszahlen erreichen. Er hat einen Verlag gegründet. Mit anderen Worten: Alessandro Baricco ist längst ein Markenprodukt, ein Geschäftsgenie ist er ohnehin. Aber ist er auch ein guter Schriftsteller?

Sein neues Buch "Diese Geschichte", in Italien lange auf der Bestsellerliste, scheint auf den ersten Blick das Zeug dazu zu haben. In seiner typischen verträumten Erzählweise lässt der Schriftsteller ein Europa der Jahrhundertwende auferstehen und berichtet von den Pionieren der Autorennfahrt. Geschwindigkeit und die Bewegung durch den Raum werden zum Faszinosum, Autorennen finden mitten auf dem Land statt, führen durch Dörfer und an Bauernhöfen vorbei und sind ein gesellschaftliches Ereignis.

Wir lernen Ultimo Parri kennen, den Sohn eines fortschrittlichen Bauern, der eines Tages beschließt, seine 26 Rinder zu verkaufen und stattdessen eine Autowerkstatt zu eröffnen. Seinen klugen Sohn infiziert der Vater mit seiner Technikbegeisterung. Eines Tages verirrt sich durch einen Zufall ein adliger Autorennfahrer in die Gegend und macht Libero Parri zu seinem Mechaniker. Es kommt zu unglückseligen, schicksalhaften Verstrickungen.

Ultimo, mit dem "Goldschatten" ausgestattet und von eigentümlicher Anziehungskraft für seine Umgebung, begeistert sich für die Schönheit der Straßen, muss im Ersten Weltkrieg das Desaster von Caporetto durchstehen, geht in die USA, wo er die überkandidelte russische Klavierlehrerin Elizaveta samt ihrer Steinways durch die Gegend kutschiert, kehrt nach Europa zurück und hängt dem Traum nach, eine ideale Rennstrecke zu konzipieren. Eines Tages gelingt es ihm. Die Komposition eines kunstvollen Straßen-und-Kurven-Gefüges ist für Ultimo eine Metapher für das Leben. Ein Gespür für seine Mission entwickelt nur die russische Jugendfreundin, die ihm aber erst Jahrzehnte später auf die Spur kommt. Am Ende haben sich die beiden verpasst und dennoch gefunden.

Baricco versteht es, den kulturgeschichtlichen Hintergrund in Schwingungen zu versetzen. Er vermischt Fakten mit Fiktion, fügt noch eine Prise Lebensphilosophie hinzu, wartet mit zwei, drei Liebschaften auf, arbeitet ein paar mystische Elemente ein und schlägt einen bedeutungsschwangeren Ton an - fertig ist der neue Jahrhundertwenderoman. Vielmehr als intelligente Unterhaltung gelingt ihm nicht.

Rezensiert von Maike Albath

Alessandro Baricco: Diese Geschichte
Aus dem Italienischen von Annette Kopetzki
Carl Hanser Verlag 2008
311 Seiten. 19, 90 Euro

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