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Religionen / Archiv | Beitrag vom 11.01.2014

Pionierarbeit"Wir sind alle unterschiedlich“

Inklusion von Kindern mit Behinderung an einer jüdischen Schule in Buenos Aires

Von Victoria Eglau

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Pflastermalerei zum Thema Inklusion (dpa / picture alliance / Fredrik Von Erichsen)
Inklusion an der Arlene-Fern-Schule: individuelle Betreuung von Kindern mit Behinderung bei gleichzeitiger Integration in eine normale Klasse. (dpa / picture alliance / Fredrik Von Erichsen)

In Argentinien, ähnlich wie in Deutschland, gehen die meisten Kinder mit Behinderung auf Sonderschulen. Eine Ausnahme: Die Arlene-Fern-Schule in Buenos Aires integriert sie - und wurde dafür bereits ausgezeichnet.

"Leitzanim" – das hebräische Wort für Clowns – steht an einer Tür im Kindergarten der Gemeinschaftsschule Arlene Fern in Buenos Aires. Dahinter spielen und lernen die Dreijährigen. An einem niedrigen Tisch hantiert ein Grüppchen von Mädchen emsig mit Plastiklöffeln und Schüsseln. Sie tun so, als würden sie einen Kuchen backen. Die kleine Anita strahlt, nur kann sie nicht so unbefangen schwatzen wie die anderen. "Mama“, "Ja“, "Nein“ und ihr eigener Name sind die Wörter, die sie über die Lippen bringt. Ansonsten verständigt sie sich mit ausdrucksvollen Gesten.

Anita ist fast sechs und hat erst vor wenigen Monaten laufen gelernt. Sie leidet an einer Genkrankheit und den Folgen einer Schädeldeformation. Neben ihr sitzt Ariela Silberleib. Die junge, blonde Frau ist Psychologin und seit diesem Schuljahr Anitas Integrationslehrerin.

"Sie hat wirklich Fortschritte gemacht. Seit sie laufen kann, ist sie unabhängiger. Sie ist viel mitteilsamer, und sie erkennt und versteht mehr.

Die anderen Kinder aus der Clown-Gruppe stören sich nicht an Anitas Defiziten. Im Gegenteil: sie registrierten ihre Fortschritte, sagt Ariela Silberleib.

"Statt etwa zu sagen: Anita kann nicht sprechen, fällt ihnen positiv auf, dass sie einige Wörter gelernt hat, und dass sie nun laufen kann. Alle mögen Anita, sie beziehen sie mit ein und haben keine Berührungsängste."

Am Anfang standen Vorurteile

Die individuelle Betreuung und Förderung behinderter Kinder bei gleichzeitiger Integration in eine normale Schulklasse oder Kindergartengruppe zeichnet die Escuela Comunitaria Arlene Fern aus. Gegründet wurde sie vor 18 Jahren von der argentinischen Judaica–Stiftung, die von dem bekannten Rabbiner Sergio Bergman geleitet wird. Die Idee, im Bereich der Inklusion Pionierarbeit zu leisten, war von Anfang an da. Doch am Anfang standen auch die Vorurteile. Bea Plotquin, Leiterin der Arlene Fern-Schule:

"Damals fragten uns Eltern, ob die Integration von behinderten Kindern die Qualität unseres Unterrichts beeinträchtigen würde, ja sogar, ob die Behinderung 'ansteckend' sein könnte. Doch inzwischen melden immer mehr Eltern ihre nicht-behinderten Kinder gerade deshalb an, weil sie von unserem Inklusionsmodell angetan sind."

Die Eltern des 13-jährigen Martín sind froh, dass es für ihren Sohn mit Down-Syndrom eine Alternative zur Sonderschule gab. Martín solle an möglichst "normalen“ Orten aufwachsen, um später einmal weitgehend unabhängig zu leben, betont der Vater. Und seine Mitschüler erführen durch Martín, dass nicht alle Menschen gleich seien. "Wir sind alle unterschiedlich“ – das ist das Motto der Arlene Fern-Schule. Direktorin Bea Plotquin:

"Mit der Zeit haben wir gemerkt, dass die nicht-behinderten Kinder am meisten von der Inklusion profitieren, weil sie von klein auf einen völlig vorurteilsfreien, natürlichen Umgang mit Behinderten lernen."

In der Pause bevölkern aufgekratzte Kinder die Flure mit den bunt angemalten Wänden, so wie in jeder anderen argentinischen Schule. Iván und Mati unterhalten sich lachend. Beide gehen in die siebte Klasse. Iván gehört zu den Klassenbesten, obwohl er nicht sprechen und nicht laufen kann. Er verständigt sich mithilfe eines Computers und eines Bretts, auf dem er mit seinem Finger Buchstaben und Zahlen zeigt. Seine Mitschüler haben gelernt, ihn zu verstehen, wenn er in rasender Geschwindigkeit Sätze bildet oder Rechenaufgaben löst. Ivans Freund Mati:

"Am Anfang war es sehr schwer, ihm zu folgen. Jetzt haben wir uns alle daran gewöhnt. Ich mag Iván sehr, und er hat auch noch andere Freunde in der Klasse."

Solidaritätszuschlag zusätzlich zum Schulgeld

Wie Anita im Kindergarten hat auch Iván seine eigene Integrationslehrerin – neben der Klassenlehrerin. 32 der 550 Schüler, die die Arlene Fern-Schule besuchen, haben eine Behinderung, und sie alle erhalten eine auf sie persönlich zugeschnittene Unterstützung und Förderung. Das große Lehrerkollegium ist teuer. Zusätzlich zum Schulgeld zahlt jede Familie einen Solidaritätszuschlag, wie Tali Joffe erklärt - die Leiterin des Kindergartens.

"In der Thora steht, dass jeder den zehnten Teil seines Einkommens für wohltätige Zwecke spenden soll. An unserer Schule zahlen die Eltern einen Zuschlag, der für Familien bestimmt ist, die sich das Schulgeld nicht leisten können. Das heißt, die Schulgemeinschaft unterstützt sie. Außerdem wird mit dem Zuschlag unser Integrationsprojekt finanziert."

Jüdische Bräuche und Traditionen prägen den gesamten Schulalltag der Arlene-Fern-Schule, und werden nicht nur im Religionsunterricht vermittelt, der jeden Nachmittag stattfindet. Direktorin Bea Plotquin: 

"Die Vermittlung von Werten spielt an unserer Schule eine große Rolle, und wir vermitteln Werte, die im Judentum wichtig sind. Das Ziel ist, die Schüler zu guten Menschen zu erziehen. Sie lernen die 'Brachot', die Segenssprüche. Nach dem Mittagessen singen wir 'Birkat Hamason', das Tischgebet. Damit die Kinder ein Gefühl der Dankbarkeit dafür entwickeln, satt zu werden, und das Bewusstsein, dass nicht alle Menschen genug zu essen haben. Und damit sie darüber nachdenken, was sie tun können, um das zu ändern."

Als die Judaica-Stiftung 1995 beschloss, eine inklusive Schule ins Leben zu rufen, lag der verheerende Anschlag auf das jüdische Gemeinschaftszentrum AMIA in Buenos Aires gerade einmal ein Jahr zurück. Das bis heute nicht aufgeklärte Attentat forderte 85 Menschenleben. Tali Joffe, Leiterin des Arlene-Fern-Kindergartens, erinnert sich:

"Viele Familien hatten Angst und schickten ihre Kinder nicht mehr auf jüdische Schulen. Doch der Leiter unserer Stiftung, Rabbiner Bergman, wollte mit der Gründung dieser Schule ein Zeichen setzen - und der Zerstörung Aufbau und Leben entgegensetzen."

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