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Im Gespräch / Archiv | Beitrag vom 11.04.2019

Pianistin Ragna SchirmerSieben Flügel und viel pädagogisches Gespür

Moderation: Britta Bürger

Ragna Schirmer lächelt für ein Porträt in die Kamera. (© Maike Helbig)
Musikerziehung für junge Menschen: Ragna Schirmer plädiert dafür, an den Hochschulen die Ausbildung von Musikpädagogen zu fördern. (© Maike Helbig)

Die Pianistin Ragna Schirmer erforscht und erspielt sich seit Jahren das Werk Clara Schumanns. Zu deren 200. Geburtstag gibt sie in diesem Jahr besonders viele Konzerte – meist auf einem ihrer sieben historischen Flügel.

Mit 28 Jahren wurde Ragna Schirmer bereits Professorin für Musik an der Hochschule in Mannheim. Nach einigen Jahren allerdings gab sie diese Arbeit auf, zugunsten einer Stelle an einer Schule für musikalisch hochbegabte Kinder in Halle. Selbst hat sie als Kind eine sehr gute musikalische Förderung bekommen.

"Ich war ganz früh schon ein Bühnenkind. Ich wollte immer auftreten, ich wollte vortragen." Mit sieben Jahren erhält sie Unterricht bei einer "hervorragenden Klavierlehrerin". "Ich wollte unbedingt spielen. Ich erinnere mich noch an das Gefühl, dass ich alles richtig machen wollte, und ich wollte auch auftreten und vorspielen. Meine Lehrerin hat mir dann immer schwerere Stücke gegeben und Vorspieltermine festgesetzt. Dann hab ich geübt wie so’n Wiesel – mit zehn, elf Jahren schon fünf, sechs Stunden am Klavier jeden Tag. Ich habe nie daran gezweifelt, dass ich das will."

Kindern das Handwerkszeug geben

Die Arbeit an der Schule in Halle liebt sie: "Weil das genau dem entspricht, wofür ich auch stehe, nämlich Kinder und Jugendliche in jungen Jahren bestmöglich auszubilden, ihnen das Handwerkszeug zu geben, sowohl was die manuelle Ausbildung, aber auch was die psychische Ausbildung angeht, und sie damit fit zu machen für ein Hochschulstudium."

An den Hochschulen sollte man weniger die solistische Ausbildung fördern, als die der Musikpädagogen – gute Lehrer sieht sie als Grundlage für exzellenten musikalischen Nachwuchs. "Ich bin der festen Überzeugung, dass wir uns unbedingt um den Nachwuchs kümmern müssen, und zwar in der elitären Ausbildung, also um den Nachwuchs, der dann auch wirklich später die Musikerlaufbahn einschlägt."

Bei ihren eigenen Schülern versucht Schirmer immer, individuell auf die Persönlichkeit und die Willensstärke der Kinder und Jugendlichen einzugehen und dann durch Bestärkung zu motivieren und Schwächen unmerklich am Rande abzufangen. "Bisher gibt mir der Erfolg da Recht." Vor allem gelte es auch, Kindern zu vermitteln, dass für den Erfolg am Instrument viele Stunden harter Arbeit nötig sind, allerdings nicht durch Drill sondern durch Stärkung der Willenskraft.

Die großen Hände der Clara Schumann

Ragna Schirmer gilt als Expertin für die Komponistin und Pianistin Clara Schumann. Immer tiefer ist sie in deren Werk und Biographie eingetaucht. Beeindruckend sei die Stärke der Musikerin, die trotz ihrer elf Schwangerschaften und sieben Kinder ein hohes musikalisches Niveau gehalten und ausgebaut habe.

Bei ihren Konzerten spielt Schirmer gerne die Originalprogramme nach, die Clara Schumann früher gespielt hat. Auch ihre neue CD, mit dem vom historischen Programmzettel übernommenen Titel "Madame Schumann", enthält zwei dieser Originalprogramme. Die seien durchaus eine Herausforderung. Nicht nur, dass Clara Schumann von ihrem Vater exzellent ausgebildet worden war, sie hatte auch ganz besondere Hände: "Clara Schumann hatte extrem große Hände, sie übertrafen sogar die meisten großen Männerhände. Sie konnte also sehr, sehr viel greifen, wo wir uns heute auf dem Klavier etwas mehr mühen müssen als sie."

Auch wenn ihre  Finger nicht so lang sind wie Clara Schumanns, hat Ragna Schirmer doch schon das Vergnügen gehabt, deren Flügel spielen zu dürfen: ein "ergreifender, fast übermenschlicher Moment". Seitdem faszinieren sie historische Instrumente:

"Es ist tatsächlich Clara Schumann selbst gewesen, die mich auf diesen Pfad geführt hat, denn ich hatte 2011 die Möglichkeit, ihren eigenen Flügel zu spielen in einem Konzert. Zunächst war mein Gefühl: 'Naja gut, das ist ein historischer Flügel, der ist alt, den muss man halt irgendwie sehr vorsichtig wieder zum Klingen bringen.' Aber der hatte so eine besondere Farbe und ich war selbst so ergriffen beim Spielen, dass ich von dem Tag an nicht mehr aufhören konnte, zu suchen, zu forschen und mich mit historischen Instrumenten zu beschäftigen."

Ihrer Ansicht nach kann man die Musik einer Zeit nur dann wirklich verstehen, wenn man auch die Instrumente der Zeit kennt und weiß, wie diese geklungen haben.

Stolze Besitzerin von sieben Flügeln

Schirmer hat dann "immer ältere Instrumente" gesammelt. Insgesamt besitzt sie inzwischen sieben eigene Flügel, verteilt auf ihre Wohnung in Halle, ein Lager und die Räume eines Leipziger Restaurators. Diese Flügel begleiten sie auch gelegentlich auf ihre Konzertreisen. Zur Zeit steht einer davon auf der Bühne des Puppentheaters Halle, wo sie in einem Puppenspiel zu Clara Schumann zu sehen und zu hören ist.

(ma)

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