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Studio 9 | Beitrag vom 29.10.2015

Pianist Alexej Botwinow aus Odessa"Russland lehnt europäische Werte prinzipiell ab"

Von Thomas Franke

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Eine Stadtansicht von Odessa (picture-alliance/ dpa / Daniel Gammert)
Odessa: Ist Kultur die Rettung? (picture-alliance/ dpa / Daniel Gammert)

Russland bezeichnet den Krieg in der Ukraine als Kulturkampf. Lassen sich die russische und die europäische Kultur nicht miteinander vereinbaren? Fragen an den Pianisten Alexej Botwinow, der in Odessa lebt.

"Diese Musik ist unbekannt, und gerade jetzt ist es sehr wichtig, zu zeigen, dass wir in der Ukraine nicht nur Folklore haben, sondern zeitgenössische europäische Musik."

Aleksej Botwinow wurde in Odessa geboren. Mit 19 Jahren hat er den Rachmaninow Wettbewerb in Moskau gewonnen. Das war 1983. Odessa war damals eine Stadt in der Sowjetunion. Nach Jahren im Ausland, lebt er nun wieder in seiner Heimatstadt Odessa.

Gefeiert wurde er seit 2010 für sein Projekt "Goldberg Reloaded", in dem er Bachs Goldbergvariationen mit orientalischen Rhythmen vereint. Doch seine Spezialität ist immer noch Rachmaninow.

"Das ist russische Musik, auch deshalb vielleicht gelte ich als russischer Pianist. Aber in letzter Zeit lege ich Wert darauf, dass ich ein ukrainischer Pianist bin. Und ich spiele auch, wo immer das geht, zeitgenössische ukrainische Musik. Denn die ist nicht nur gut, sondern sie ist auch absolut europäisch."

Und das hat gute Gründe. Botwinow möchte, dass die Ukraine sich nach Westen orientiert.

In Russland herrscht ein totalitäres Regime

"Die unverhohlene und beispiellose Aggression Russlands ist Ausdruck einer überheblichen Haltung, dem ukrainischen Volk seinen Traum, in die große europäische Familie aufgenommen zu werden, zu verwehren. Russland hat sich hingegen als ein Staat erwiesen, der seit der näheren Vergangenheit die Ablehnung europäischer Werte zum Prinzip erhoben hat. Im natürlichen Streben der Ukraine nach Europa sieht er eine Bedrohung für sein totalitäres, praktisch bereits diktatorisches Regime. Diese ideologische 'Bedrohung' ist anscheinend so mächtig und für Russland so gefährlich, dass es offensichtlich bereit ist, unser Land in seinem eigenen Blut zu ertränken und damit diese freie Entscheidung des ukrainischen Volkes zu verhindern."

Botwinow gehört zu den Verfassern eines offenen Briefs von Künstlern und Intellektuellen an deutsche Politiker. Sie bitten darin explizit um Unterstützung. Die vom Kreml ausgerufene Bedrohung der Russen und ihrer Kultur in der Ukraine sei Propaganda, sagt Botwinow.

"Die russische Welt Dostojewskijs,Tolstojs und Rachmaninows ist etwas ganz anderes als die russische Welt Putins und seiner Freunde. Das sind zwei unterschiedliche Dinge. Ich werde mich natürlich nie von der russischen Kultur lossagen. Das ist meine Kultur. Ich bin mit der Kultur aufgewachsen. Aber sie ist das komplette Gegenteil dessen, was das monströse, unmenschliche Regime tut."

Im Mai letzten Jahres sah es kurz so aus, als würde die Gewalt auch nach Odessa kommen. Das Gewerkschaftshaus brannte. Damals waren viele Odessiten der Ansicht, Russland sei eine gute Alternative zum gescheiterten Staat Ukraine. Botwinow:

"Jetzt wollen das, so ist mein Eindruck, nur noch vielleicht zehn Prozent der Bevölkerung, wenn nicht weniger. In meinem Umfeld gab es Leute, die ganz klar prorussisch waren, kluge, intellektuelle Menschen aus der Elite. Sie haben ihre Sicht geändert. Sie wollen eine andere Regierung. Aber keiner von denen will, dass Putin kommt und wir Teil Russlands werden. Die Stimmung hat sich stark geändert. Es gibt keine Spaltung der Menschen."

Kultur soll helfen, Odessa wieder nach vorn zu bringen

Immer mehr Odessiten versuchen seitdem, die Stadt kulturell nach vorn zu bringen. Botwinow selbst organisierte im Frühjahr ein Klassikfestival, das erste in der Stadt. Das war schwierig.

"Die Korruption vernichtet alles. Auch die Kultur. Du wirst depressiv, wenn du täglich mitbekommst, dass nichts nach Gesetzen entschieden wird, sondern nur mit Geldern, die in den Taschen der Beamten verschwinden."

Von der Stadt hätten sie keine Unterstützung bekommen, erzählt Bodwinow. Es waren die Spenden engagierter Bürger, die das Festival ermöglicht haben. Botwinow arbeitet mit anderen Intellektuellen und Künstlern an einem langfristigen kulturpolitischen Konzept für Odessa.

"Wir sind überzeugt: Die Stadt muss ein mächtiges Festivalzentrum werden. So wie – ich weiß nicht, womit ich das vergleichen soll, Cannes zum Beispiel ist klein, es lebt vor allem von seinem Image, Odessa könnte erheblich größer sein. Es könnte eine Kulturmetropole sein am Schwarzen Meer, die es mit Istanbul aufnehmen könnte. Das wird der Stadt helfen,  Investitionen anziehen und den Lebensstandard erhöhen."

Viel Zeit für Veränderungen bleibt nicht - vielleicht ein Jahr, glaubt Botwinow.

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