Physiotherapeut Kreidler

    Heilende Hände für Profisportler

    06:40 Minuten
    Physiotherapeut André Kreidler (rechts) behnadelt während seiner Zeit bei Hertha BSC einen Spieler.
    Physiotherapeut André Kreidler (rechts) behnadelt während seiner Zeit bei Hertha BSC einen Spieler. © Imago / Jürgen Engler
    Von Thomas Wheeler · 10.12.2023
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    Tennis, Eishockey, Fußball: André Kreidler hat als Physiotherapeut viele Leistungssportlerinnen und -sportler behandelt sowie verschiedene Teams betreut. Mit einer Sportlerin war er sogar auf Welttour.
    „Man muss immer genau schauen, woher die Problematik ist. Man muss auch auf den Spieler eingehen. Ist nicht immer, dass nur der Sport die Ursache ist. Es gibt manchmal auch so kleine Baustellen nebenbei, wo man auch mal hinter den Vorhang schauen sollte.“
    Das erzählt mir André Kreidler, als wir bei ihm zu Hause auf seiner Couch sitzen. Nach der Mittleren Reife und dem Zivildienst in einem Krankenhaus hat er eine dreijährige Ausbildung zum Physiotherapeuten absolviert.

    Kreidler beginnt bei Preußen Berlin

    Kreidler denkt zurück: „Nach meiner Ausbildung habe ich angefangen bei den Preußen Berlin. Das war damals noch in der Jafféstraße und danach dann in der Deutschlandhalle. Und dann ist ja die Mannschaft leider unter dem Namen Berliner Schlittschuhclub komplett pleitegegangen – 2004/2005. Nachdem die Preußen pleite waren, war ich sechs Jahre beim ERC Ingolstadt."
    Am Rande eines Länderspiels in Berlin kommt der Kontakt nach Bayern zustande. Bis 2021 hat André Kreidler sowohl mit Profisportlern als auch mit anderen Patienten in einer Praxis zusammengearbeitet. Inzwischen konzentriert er sich ausschließlich auf den Leistungssport.

    Kreidler ist wieder zurück beim Eishockey

    Seit Saisonbeginn arbeitet er wieder für den deutschen Eishockey-Rekordmeister Eisbären Berlin. Der 42-Jährige ist sehr dankbar dafür, dass ihm der Verein die Möglichkeit gegeben hat, zu seinen Wurzeln zurückzukehren.
    Kreidler unterstreicht: „Jetzt bin ich wieder da, wo ich herkomme, eigentlich 20 Jahre war. Der Kindheitstraum war immer Fußball. Aber jetzt beim Eishockey, da fühle ich mich einfach wieder wohler.“

    Was Eishockey- und Fußballspieler unterscheidet

    Besonders, weil er Eishockeyspieler als sehr geerdete Menschen wahrnimmt. Anders als viele Profifußballer – eben ohne Allüren. André Kreidler hat den Vergleich.
    Denn in der vergangenen Spielzeit hat er berufliche Erfahrungen erstmals auch im Fußball gesammelt. Bei Hertha BSC. Dort hielt es ihn allerdings nicht lang, da er seine eigenen Ansprüche an seine Arbeit nicht umsetzen konnte.
    Der Physiotherapeut bilanziert: „Im Fußball war 80 Prozent massieren und Beine lockern und weniger behandeln. Da war ich mit mir selbst unzufrieden, weil ich natürlich sehr darauf geachtet habe, nach meiner Ausbildung viel in Fortbildung zu investieren, um besser zu werden. Und das war leider im Fußball nicht so gegeben, wie ich mir das erhofft hatte – und von daher habe ich die Entscheidung getroffen, vom Fußball wieder wegzugehen.“

    Vertrauensverhältnis zu den Spielern

    Bei seiner täglichen Arbeit ist es ihm wichtig, ein Vertrauensverhältnis zu den Spielern aufzubauen. Dabei geht es in erster Linie um die Behandlung, aber er ist auch offen für persönliche Gespräche mit den Profis.

    Social Media hat die Generation verändert. Man merkt, dass die Jungs auch immer nachschauen, was die Fans schreiben. Das geht natürlich auch nicht an jedem so vorbei. Wenn Du Silber holst, dann feiern sie dich alle, aber wenn du dann auch mal scheiße spielst, dann hacken sie auch auf einen ein. Dann probiert man auch bestmöglich da zu sein, um demjenigen zu helfen.

    André Kreidler, Physiotherapeut, über junge Spieler und Social Media

    Manchmal muss er Spieler schützen

    An der Seite seines langjährigen Kollegen Thomas Wöhrl versucht André Kreidler die Spieler durchaus auch vor ihrem eigenen Übereifer zu schützen: „Die Schmerzwahrnehmung, da muss man sie manchmal bremsen, weil natürlich viel nach Amerika und Kanada geguckt wird. Dort wird mit extrem starken Schmerzen gespielt. Manchmal muss man da einen Spieler stoppen.“
    Dabei räumt er ein, dass der Einsatz von Schmerzmitteln im Spitzensport generell zunimmt: „Ab und zu kommt man nicht um kleine Ibuprofen zum Spiel rum. Wir schauen schon drauf, dass es nicht überhandnimmt, weil es gibt auch eine Karriere nach der Karriere für den Sportler.“

    2018 war für ihn ein Highlight-Jahr

    Kreidler hat auch die Eishockeynationalmannschaft als Physiotherapeut betreut – und ist dabei gewesen, als diese 2018 völlig überraschend Olympisches Silber bei den Winterspielen in Pyeongchang geholt hat.
    „Ich war sehr froh und glücklich, ein Teil dabei sein zu dürfen“, blickt Kreidler zurück.

    Mit Angelique Kerber auf Welttour

    2018 bleibt André Kreidler aber auch deshalb in Erinnerung, da er im selben Jahr die deutsche Tennisspielerin Angelique Kerber auf ihrer Welttour begleitet hat. Beide kennen sich bereits seit 2014. Vorher hat er den russischen Tennisspieler Michal Juschni und den Serben Janko Tipsarevic behandelt.
    In seiner Zusammenarbeit mit Angelique Kerber erfährt er auch, dass Sportlerinnen ganz anders mit Erfolgen und Misserfolgen umgehen als Sportler: „Bei den Herren geht es oft zügig. Scheiße, verloren. Und bei den Damen dauert es manchmal ein bisschen länger.“
    Jedenfalls sei klar: „In der Einzelbetreuung ist man wesentlich intensiver zusammen. Man frühstückt zusammen, isst Mittag zusammen, geht abends essen, macht die Behandlung. Sport ist familiär, aber Eins-zu-eins-Betreuung ist noch mal wesentlich familiärer. Und wenn dann die ganze Zusammenarbeit am Ende so gekrönt wird, ist es natürlich auch etwas ganz anderes, wie mit einer Mannschaft etwas zu gewinnen.“
    Pysiotherapeut André Kreidler (links) mit Tennisspielerin Angelique Kerber (Mitte)
    André Kreidler (links) mit Tennisspielerin Angelique Kerber (Mitte) in Australien © Imago / Jürgen Hasenkopf

    Früher Wunsch, etwas mit Menschen zu machen

    Der Wunsch, später irgendwas mit Menschen machen zu wollen, kommt bei Kreidler schon sehr früh auf.
    Der Physiotherapeut erklärt: „Als kleines Kind habe ich es schon immer gemocht, so zu helfen. Und meine Eltern wollten immer gerne, dass ich über den Rücken laufe, weil es ja für die wie so eine kleine Massage ist. Darauf hat sich das dann über die Jahre aufgebaut.“

    Wichtige Rolle seines Pflegevaters

    André Kreidler lebt nur bis zu seinem siebten Lebensjahr bei seinen Eltern. Da Mutter und Vater Alkoholiker sind, kommt er in ein Kinderheim und wohnt, bis er 24 ist, in einer Pflegefamilie.
    Vor allem sein Pflegevater treibt ihn an, einen Beruf zu erlernen, der ihn erfüllt. Mittlerweile ist der Berliner über 20 Jahre als Sportphysiotherapeut tätig. Er betont: „Dass man niemals auslernen wird – selbst mit 65 oder 70. Und ich es wichtig finde, dranzubleiben. Und sich dadurch in meinen Augen auch weiterentwickelt, reifer und auch besser wird.“

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