Christi Himmelfahrt

Kommentar: Kurze Pause von der ständigen Betriebsamkeit

04:26 Minuten
Hellblauer Himmel ist mit weichen kumulierten Wolkenformen gefüllt, darunter ein langes dichtes Wolkenband und verstreut kleinere Wolken in der Entfernung.
Der Blick zu den Wolken zeigt uns unsere leibliche Verbundenheit mit der Welt – mit der wir aktiv nur selten in Verbindung treten. © picture alliance / Zoonar / D.Voigt
Von Simone Miller |
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Höher, schneller, weiter – nur die Feiertage unterbrechen unseren Dauerlauf im Hamsterrad. An Himmelfahrt den Kopf in den Wolken zu haben, lohnt sich. In der Selbst- und Zeitvergessenheit eröffnet sich eine neue Gangart des Lebens.
Noch schnell fünf E-Mails und sieben Chatnachrichten beantworten, den Anmeldeslot für den Kindersprachkurs nicht verpassen, zwischendrin Insta checken, und, ach ja, das gerade heiß diskutierte Buch noch schnell bestellen. Der durchschnittliche Spätmoderne verbringt seinen Alltag eingespannt ins Triebwerk der auf Geschwindigkeit getrimmten Zweckdienlichkeit.
Fast unwillkürlich versuchen wir Tempo zu halten: nichts Wichtiges verpassen, mitreden können, uns und den Kindern Chancen offenhalten. Das systemisch eingebaute Höher-schneller-weiter ist uns dabei so sehr zur zweiten Natur geworden, dass wir es kaum noch hinterfragen, wie auch – dafür fehlt uns meist die Zeit.

Einkehr eröffnet den Blick in neue Sphären  

Zu wiederkehrenden Terminen allerdings wird unser heillos überfrachteter Kalender mit seinem Ursprung konfrontiert und gleichsam von einer anderen Zeitwahrnehmung heimgesucht – einer viel älteren, ganz anderen Gesetzen gehorchenden: der religiösen. Nicht Beschleunigung verlangen die Glaubenswunder von uns, sondern ritualisierte Einkehr, sie lenken unseren Blick in andere Sphären – himmelwärts.
Das Religiöse führt uns an die Übergänge von Weltlichem zu Transzendentem, von Heutigem zu Damaligen, von Leben zu Tod. Und so war es nicht von ungefähr eine Wolke, die Jesus hinauf zu Gott gebracht haben soll, sind Wolken doch selbst Phänomene der Übergänglichkeit. 
Wolken schweben nicht nur. Sie sind Bewegte, die sich nicht selbst bewegen. Sie verändern auch fortwährend ihre Gestalt. Sie sind nichts anderes als das Sichballen, Sichaufbauen, Sichverdichten und -zerstreuen. "Selbsttätige Ereignisse" nennt der Literaturwissenschaftler Joseph Vogl sie. Das Schöne daran: Ihre Übergänglichkeit fordert unablässig unsere strenge Unterscheidung zwischen aktiv und passiv, zwischen Ursache und Wirkung heraus.
So lässt der Tanz der Nebelartigen unser verwaistes Wissen darum anklingen, dass es noch andere Gangarten, andere Bezugsweisen gibt als das Tun oder Getanwerden. Nebenbei erinnern sie uns daran, dass die Philosophie sich selbst lange Zeit auch als Wissenschaft der schwebenden Dinge verstand.
Heben wir den Blick gen Himmel, öffnen wir uns noch für etwas anderes – für einen eigenen ästhetischen Bereich: den der Atmosphären. Mal heiter hell, mal dunkel dramatisch, dann wieder bedrückend grau – das Himmelsspektakel macht Eindruck auf uns: Es stimmt uns, auch wenn wir gerade nicht hinsehen.

Wolken zeigen uns das Auf und Ab des Lebens

Öffnen wir uns der Weite über uns, nehmen wir eine unabweisliche Verbundenheit mit den Launen der Himmelskörper wahr, der Winde, Temperaturen und Druckgebiete. Unsere leibliche Verbundenheit mit der Welt wird uns gegenwärtig – eine Verbundenheit, zu der wir aktiv nur selten in Verbindung treten. 
Und das obwohl wir doch "Völker des Luftmeeres" sind, wie Goethe uns taufte. Schließlich atmen wir Luft und nur in seinen Wellen sind wir Fische im Wasser. In der Welt sein bedeutet für uns ganz existenziell in der Luft sein; und das wiederum: in Atem sein.
Was der Atem uns gebietet, die Wolken uns vor Augen führen und die Atmosphären für uns spürbar machen, ist die Tätigkeit des Lebens selbst, sein Auf und Ab, sein Werden und Vergehen, seine Gestimmtheit, sein So-Sein und Doch-schon-wieder-anders.

Ausstieg aus dem Gestrampel im Alltag

Viel zu häufig schneidet der Alltag uns radikal ab von diesen grundlegenden Spielarten des Lebens und ihrer eigenen Rhythmik. Kein Wunder sind viele von uns befallen von einer ungestillten Sehnsucht nach einem Ausstieg, nach dem unvorstellbaren Bruch mit dem Diktat unserer Zeit – dem unermüdlichen Gestrampel im ewigen Beschleunigungswettkampf. 
Doch womöglich unterschätzen wir den Blick gen Himmel da - bedeutet den Kopf in den Wolken zu haben, doch alle Strategie fahren lassen, sich im Schwebenden erden, sich auf den Wogen des Luftmeeres treiben lassen. Womöglich findet sich in den Augenblicken der Selbst- und Zeitvergessenheit eine Pforte zu einer anderen Gangart des Lebens. Wenn also das der heimliche Ausblick ist, dann ist der Aufblick vielleicht sein Anfang.

   
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