Montag, 17.12.2018
 

Sein und Streit | Beitrag vom 09.09.2018

Philosophischer Kommentar zur WHO-Bewegungs-StudieWie man dem Denken Beine macht

Von Florian Werner

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Illustration von einem Gehirn mit zwei Beinen. (imago /stock & people)
Bedeutet fehlende Bewegung auch geistigen Stillstand? (imago /stock & people)

Die Deutschen bewegen sich zu wenig, so warnt die Weltgesundheitsorganisation in einer aktuellen Studie. Die Folgen für das körperliche Wohlbefinden sind fatal – ganz zu schweigen von den Folgen für die Philosophie, kommentiert Florian Werner.

"Faulheit, jetzo will ich dir / Auch ein kleines Loblied bringen. – / O – – wie – – sau – – er – – wird es mir, – – / Dich – – nach Würden – – zu besingen!" So seufzte der Aufklärer Gotthold Ephraim Lessing in seinem Gedicht "Lob der Faulheit" – das freilich niemals zur Sache, nämlich zum Loben, kommt, sondern vorher in Gähnen und Sprachlosigkeit versickert.

Die Leserinnen und Leser haben natürlich trotzdem verstanden – und sich die faulheitsverherrlichenden Worte des Dramatikers womöglich ein wenig zu bereitwillig zu Herzen genommen. Ja, die Deutschen sind, entgegen einem weit verbreiteten Klischee, ausgesprochen faul: Mehr als 40 Prozent der Bevölkerung bewegen sich zu wenig, das belegt eine aktuelle Studie der Weltgesundheitsorganisation. Unter wirtschaftlich vergleichbaren Staaten sind nur die Portugiesen, die Neuseeländer und die Zyprioten fauler.

Philosophieren mit den Füßen

Die körperlichen Konsequenzen sind verheerend: Bei Menschen mit zu wenig Auslauf steigt das Risiko von Herzerkrankungen, Infarkten, Krebs, Diabetes und Bluthochdruck. Dramatisch genug – doch die philosophischen Konsequenzen dürften noch viel fataler sein. Schließlich ist es eine altbekannte Tatsache, dass die Psyche erst bei physischer Aktivität richtig in Schwung kommt. Bereits der weise Aristoteles betrieb seine Athener Akademie in einem Perípatos, einem Wandelgang, flanierte also mit seinen Schülern während des Philosophierens "peripatetisch" hin und her.

Der Humanist Michel de Montaigne monierte knapp zwei Jahrtausende später, dass seine Gedanken beim Sitzen ständig einschlafen würden: "Mein Geist rührt sich nicht, wenn meine Beine ihn nicht bewegen." Und der französische Philosoph Michel Serres schließlich behauptet, das Gehen sei sogar der Anfang des Denkens überhaupt: "Jawohl, definitiv, man denkt und man schreibt mit den Füßen."

Großhirn im Vorruhestand

Die Folgen sind klar: Wer seine Füße nur unter den Schreibtisch beziehungsweise abends aufs Sofa legt und allenfalls bewegt, um manchmal das Gaspedal durchzudrücken, von dem ist geistig nicht viel zu erwarten. Ein Land, das sich gern selbst mit dem großspurigen Zusatz der Dichter und Denker schmückt, sollte jedenfalls alarmiert sein, wenn sich über ein Drittel seiner Bevölkerung zerebral in den Vorruhestand verabschiedet hat. "Wo alles zu viel fährt, geht alles sehr schlecht", wie schon der leidenschaftliche Spaziergänger Johann Gottfried Seume schrieb. Im Umkehrschluss könnte man formulieren: Wo gegangen, geradelt, geschwommen wird – da läuft es.

Und Lessing? Nun: Der würde, wenn er heute lebte und sähe, was seine Laudatio auf die Faulheit angerichtet hat, vermutlich eher ein "Lob der Bewegung" dichten: "Fußmarsch, jetzo will ich dir / Auch ein kleines Loblied bringen. – / O – – wie – –" Es sei denn, er säße ebenfalls zu viel am Schreibtisch – und wäre zum Dichten einfach körperlich und geistig zu faul.

Der Schriftsteller Florian Werner auf der phil.COLOGNE 2015 (picture alliance / dpa / Horst Galuschka) (picture alliance / dpa / Horst Galuschka)Florian Werner studierte Anglistik, Amerikanistik und Germanistik und promovierte mit einer Arbeit über HipHop und Apokalypse. Er schreibt erzählende Sachbücher und Prosa und spielt Fußball in der Deutschen Autorennationalmannschaft. 

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