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Sein und Streit | Beitrag vom 15.07.2018

Philosophischer Kommentar zu Rettern in Thailand und im MittelmeerWenn Europa selbst zur Höhle wird

Von David Lauer

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Die Sea Watch 2 bei einer Mission vor der libyschen Küste. Die Geflüchteten werden von den Helfern mit Rettungswesten versorgt. (imago / Christian Ditsch)
Die Sea Watch 2 vor der libyschen Küste: "Flüchtlingskrise ist ganz wesentlich die Krise eines europäischen Selbstverständnisses." (imago / Christian Ditsch)

Ganz Europa hat bei der Höhlenrettung in Thailand mitgezittert. Gleichzeitig werden Seenot-Retter auf dem Mittelmeer angefeindet. Verwandelt sich Europa selbst in eine Höhle, in der unliebsame Wahrheiten draußen bleiben müssen?

Warum hat die Rettung einer thailändischen Jugendfußballmannschaft aus einer überfluteten Höhle Menschen auf der ganzen Welt so außergewöhnlich bewegt? Hans Blumenbergs Monumentalwerk "Höhlenausgänge" liefert für diese Frage einigen Aufschluss.

Auf fast tausend Seiten verfolgt Blumenberg die Metapher der Höhle durch die antike Mythologie und die Geschichte des westlichen Denkens. Fast alle Facetten dieser Metapher lassen sich in der Geschichte der geretteten Jungen wiederfinden. Wir verspüren unmittelbar das Faszinosum der Höhle. Sie ist Schutzraum, der eine Rückkehr in die Geborgenheit des Mutterleibs verspricht, und zugleich romantischer Sehnsuchtsort, der zu tief im Innern verborgenen Geheimnissen führen kann. Genauso unmittelbar aber verstehen wir den Schrecken der Höhle als Ort der Dunkelheit, der Enge und Gefahr. Höhlen sind Eingänge zur Unterwelt, zum Totenreich, aus dem niemand zurückkehrt. Und waren die zwölf Jungen und ihr Trainer nicht schon so gut wie tot?

Die Höhle als Eingang zur Unterwelt

Und waren es nicht Helden im wahrsten Sinne des Wortes, Helden wie Herakles oder Orpheus, die unerschrocken den Abstieg in die Unterwelt wagten, um die unschuldig Eingeschlossenen ins Leben zurückzubringen? Die Geschichte aus Thailand führt eine Erzählung wieder auf, die tief in unsere kulturelle DNA eingeschrieben ist. Es ist eine Geschichte der Hoffnung, die allerorts als inspirierend wahrgenommen wurde: Hier sieht man, zu welcher Empathie und Selbstlosigkeit der Mensch fähig ist. In einem Kommentar war in diesem Sinne von einem "modernen Höhlengleichnis" die Rede.

Mittelmeer: Warum werden Helfer angefeindet?

Vielfach ist in den letzten Tagen allerdings auch gefragt worden, warum den Eingeschlossenen in der Höhle so viel mehr Empathie zuteil wurde als den zu gleicher Zeit aus dem Mittelmeer geretteten Flüchtlingen. Warum wollen wir ihre Geschichten nicht hören? Auch hier gibt es Retter, doch ohne Heldenkränze. Warum müssen sie sich anfeinden und fragen lassen, ob ihr Tun sinnvoll, ja überhaupt legitim sei?

Blumenberg gibt auch hier einen Hinweis. Denn auch diese Geschichte ist eine Höhlengeschichte. Nur handelt sie nicht von denen, die in eine Höhle hinabsteigen, sondern von jenen, die seit jeher in ihr sitzen. "In der Höhle", so merkt Blumenberg an, "gibt es nur eine Richtung selbsterhaltender Aufmerksamkeit, die Öffnung, die leicht zu beobachten oder gar zu verschließen ist und von der her alles Fremde kommen muß."

Ein zeitgenössisches Höhlengleichnis

Durch den Eingang der Höhle Europa drängen sich Menschen. Sie haben Geschichten zu erzählen von einer Welt draußen, jenseits der Höhle. Diese Geschichten jedoch hören wir nicht so gerne, weil wir in ihnen nicht die Heldenrolle spielen. Es sind unangenehme Geschichten von den Folgen unserer kolonialen Vergangenheit und unserer ausbeuterischen Welthandelspolitik.

Die sogenannte Flüchtlingskrise ist ganz wesentlich die Krise eines europäischen Selbstverständnisses, das sich nicht mehr aufrechterhalten lässt, wenn solche Geschichten laut im Innern der Höhle zu hören sind. Und genau das ist die Schlusspointe des Höhlengleichnisses, wie Platon es erzählt.

Wenn die Wahrheit draußen bleiben muss

Nehmen wir an, der gewöhnliche Zustand der Menschheit gleiche einer Gruppe von Leuten, die in einer dunklen Höhle gefangen sind. Diese Höhle halten sie für die ganze Wirklichkeit. Wenn nun einer von ihnen nach draußen gebracht und mit der wahren Welt konfrontiert würde, und dann in die Höhle zurückkehrte, um seinen Genossen die Wahrheit beizubringen: dass sie tatsächlich in einer Schattenwelt leben – wie würden die anderen reagieren? Platons Vermutung ist nüchtern, aber realistisch: Sie würden nichts hören wollen und den Störenfried, wenn sie nur könnten, zum Schweigen bringen. Nichts ist schwieriger, als das Angebot der Wahrheit akzeptabel zu machen. Leider liegt auch hier ein Höhlengleichnis für diese Tage.

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