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Sein und Streit | Beitrag vom 13.01.2019

Philosophischer KommentarTwitter Adieu - Wer hat Angst vor der totalen Öffentlichkeit?

Von Peter Trawny

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Collage mit einem Mann und Messanzeige (Imago Images)
Ohne Privatheit keine Öffentlichkeit - sind wir schon völlig nackt im Netz? (Imago Images)

Datenklau und Verrohung der politischen Debatte – diese Gründe haben Robert Habeck veranlasst, Twitter und Facebook zu verlassen. Aber ist der Rückzug ins Private überhaupt noch möglich? Droht die digitale Öffentlichkeit total zu werden?

Wir bewegen uns täglich in Twitter, Facebook und Instagram. Wir posten die Tochter beim Weihnachtskonzert, einen Link zu einem Interview auf YouTube, einen Kommentar zur Äußerung einer Politikerin. Ich tue das mit dem Smartphone ständig, in beinahe jeder Lebenssituation. Ich halte es kaum aus, nicht zu wissen, was andere posten; ich muss die Posts sehen, muss antworten, muss posten. Es scheint keinen Raum, keine Zeit mehr zu geben, ohne dass ich mich in Sozialen Medien bewege.

Politische Beteiligung geht nicht mehr ohne digitale Medien

Und warum auch nicht? Facebook, Twitter und Instagram sind eine Dimension der Welt, in der wir leben. Nichts trennt diese Form der Öffentlichkeit von anderen Formen. Ob ich mich in einer Stadtbibliothek bewege oder im Internet oder im Internet in einer Stadtbibliothek, ist kaum noch zu unterscheiden. Wir leben in einem digitalen "Global Village", wortwörtlich "in einem Computer", wie der Medientheoretiker Marshall McLuhan sagte. Das Internet ist also mehr als das Mittel zu einem begrenzten Zweck. Es ist mindestens eine Dimension unserer Welt, die kollabieren würde, wenn es, das Internet, nur einen Moment lang aussetzte.

Das gilt vor allem für Politiker. Heute werden die Sozialen Medien immer mehr das, was in der antiken griechischen oder römischen Stadt die Agora oder das Forum war, der Markt der Waren und der Meinungen. Sie sind der Ort, an dem politisch gestritten wird. Daher gilt unbedingt: Wer sich politisch engagieren will, muss auf die eine oder andere Weise auf der Agora, das heißt in Sozialen Medien erscheinen.

"Digitalismus" - das wahre Leben nur noch im Netz

Natürlich — diese Abhängigkeit betrifft auch andere. Medien wie das Fernsehen, der Rundfunk, der Journalismus, der dazugehörige Literatur- und Kunstbetrieb sind ganz allgemein ein gigantischer Markt geworden. Wer in diesen Bereichen unter dem Druck selbstausbeuterischer Strategien tätig ist, bekommt sehr schnell den Eindruck, dass ohne die Sozialen Medien nichts mehr funktionieren würde. Bald fühlt man sich sozusagen nur noch lebendig, wenn man sein Bild oder seinen Namen veröffentlicht sieht. Die Teilnahme an der Öffentlichkeit wird synonym mit persönlichem Erfolg oder Misserfolg.

Aber diese Abhängigkeit von den Sozialen Medien, dass wir jederzeit unsere Aufmerksamkeit auf irgendeinen Display konzentrieren müssen, um dort alles von uns zu veröffentlichen, gilt — auch wenn das heute gern behauptet wird — für den Menschen als solchen nicht:

Das Unverfügbare macht Öffentlichkeit erst möglich

Die Öffentlichkeit der Sozialen Medien ist keineswegs total. Ich existiere nicht ausschließlich in ihnen. Das, was ich unmittelbar in meinem Selbstverhältnis erfahre, meine Ängste, meine Trauer, mein Begehren, meine geheimsten Wünsche: kurz gesagt die jemeinige Intimität, entzieht sich nicht nur der Öffentlichkeit der Sozialen Medien, sie ist und bleibt sogar deren Voraussetzung. Denn Öffentlichkeit, der Raum, in dem Informationen aller Art veröffentlicht werden, ist auf das, was noch nicht veröffentlicht ist und auch niemals veröffentlicht werden kann, angewiesen. Gäbe es nicht solches, was verborgen und entzogen bliebe, gäbe es gar keine Öffentlichkeit. Eine totale Öffentlichkeit, die jede Intimität, jede Privatheit, vernichten würde, würde sich zuletzt selber vernichten.

Totale Durchleuchtung zerstört Öffentlichkeit

In einer Welt, in der meine Intimität — alle meine mich ausmachenden Emotionen und Gedanken — veröffentlicht würde, herrschte wohl das schlimmste Terrorregime, das man sich vorstellen kann. Wir wären wie beim Verhör, nur dauernd, einer derartig grellen Durchleuchtung ausgesetzt, die man nicht mehr als Licht der Öffentlichkeit bezeichnen kann. Die Welt wäre zu einem total überwachten Lager geworden. Darum ist die Macht, die die Sozialen Medien schon jetzt über uns haben, nicht nur Ausdruck unserer persönlichen Freiheit, sondern ebenso einer Unfreiheit. 

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