Seit 09:05 Uhr Im Gespräch

Mittwoch, 18.09.2019
 
Seit 09:05 Uhr Im Gespräch

Sein und Streit | Beitrag vom 30.12.2018

Philosophischer Kommentar"Einfach mal die Klappe halten"

von Arnd Pollmann

Beitrag hören Podcast abonnieren
Grafik  (imago/Ikon Images)
Sagen Sie jetzt nichts: Wer schweigen kann, hat mehr Zeit zum Nachdenken. (imago/Ikon Images)

Ständig sollen wir unsere Stimme erheben – gegen Populisten, für die Rettung der Wale und gegen Umweltverschmutzung. Reden wird völlig überschätzt, meint Arnd Pollmann. Was heute wirklich Not tut, ist ein Lob der Stille.

Einst bekam der weise Sokrates Besuch. Vor seiner Tür stand ein Mann, der in den Straßen Athens als "Schwätzer" verrufen war. Er war gekommen, um sich von Sokrates im Fach Rhetorik ausbilden zu lassen. Der Philosoph verlangte daraufhin doppelt soviel Honorar wie sonst üblich. Natürlich wollte der Schwätzer den Grund für diesen horrenden Aufschlag erfahren, und Sokrates antwortete: "Weil ich dir sowohl das Sprechen als auch das Schweigen beibringen muss!"

"Die Wissenden reden nicht, die Redenden wissen nicht"

Die Rhetorik ist die Kunst der Beredsamkeit. Sie soll uns lehren, wie man – statt mit Taten oder gar Gewalt – mit Worten überzeugt. Wer aber andauernd redet, wer unentwegt plappert, wird andere eher "nerven" als überzeugen. Wichtiger noch scheint für Sokrates aber etwas ganz anderes zu sein: Wer ohne Punkt und Komma schwätzt, lässt erkennen, dass er sich keine Zeit nimmt, vorab gründlich nachzudenken. Solche Menschen reden viel, haben aber kaum etwas zu sagen. Ihre diskursive Diarrhö soll bloß wortreich die faktische Inhaltsleere ihrer Worte übertönen. Oder wie es passend dazu in einem alten japanischen Sprichwort heißt: "Die Wissenden reden nicht, die Redenden wissen nicht". Daher will Sokrates dem Schwätzer erst einmal eine Art Funkstille auferlegen, um diese als Denkpause nutzen zu können.

Kontraproduktive Geschwätzigkeit

Der nun anstehende Jahreswechsel gilt uns traditionell als eine solche meditative Ruhepause. Wir sollen kontemplativ rasten und zur "Besinnung" kommen. Da heutzutage viel zu viel kommuniziert wird, hätten viele Menschen eine derart "stille" Zurückhaltung bitter nötig. Ständig heißt es: "Wir müssen reden!". Ständig wird man aufgefordert, seinen Senf dazuzugeben oder sich zu erklären, die Stimme zu erheben: gegen Rechts und zugleich auch gegen ganz Links, gegen Populisten, EU-Gegner, Umweltverschmutzung. Auch über unsere Gefühle sollen wir unentwegt Auskunft geben. Und den Sex, ja, auch den sollen wir in Zukunft diskursiv verflüssigen. Man muss kein Fan des modischen Achtsamkeitstrends sein, um derart viel Geschwätz für kontraproduktiv zu halten.

Natürlich geht es bei der ersehnten Besinnung nichts einfach nur um metaphysisches Yoga bzw. um ein meditatives Entspannungsprogramm zur Kompensation von Jahresendzeitstress. In dem schönen Wort "Besinnung" ist vielmehr ein doppelter "Sinn" enthalten: Zum einen wird damit physiologisch auf eine erneuerte Aufmerksamkeit für die eigenen "fünf Sinne" angespielt. Vor allem aber wird in ethischer Absicht für die Wiederentdeckung von "Sinn im Leben" plädiert; für eine Besinnung auf existenzielle Ziele, die das Leben zu einem guten Leben machen würden, wenn diese Ziele nicht andauernd im Stress profaner Alltagsverrichtungen aus dem Auge und damit aus dem Sinn gerieten. Besinnung wird notwendig, wenn das Leben vom Kurs abkommt und scheinbar keine Zeit zum Nachdenken bleibt.

Schweigen lernen von Clint Eastwood

Als Philosoph sage ich das Folgende nur mit einer gewissen Hemmung, und natürlich wirkt es paradox oder gar geschäftsschädigend, in einem Radio-Kommentar wortreich für eine buchstäblich stille Zurückhaltung zu plädieren. Aber dennoch: Reden wird maßlos überwertet! Schreiben übrigens auch. Auf das Denken kommt es an. Und dafür braucht man Ruhe. Frei nach Clint Eastwood: Wenn ein Mensch schweigt, sollte man ihn auf gar keinen Fall unterbrechen. Daher lautet der guter Vorsatz für den Jahreswechsel: Öfter mal die Klappe halten und erst mal tiefer in sich gehen! Von Sokrates lernen, heißt pausieren lernen. Wie also wäre es mit einer "Kunst der Denkpause", einer Art Anti-Rhetorik, die nicht das Reden, sondern die stille Zurückhaltung und damit auch das Aushalten von Stille zur Kunstform erhebt? Und das Hörbuch "Das Schweigen großer Philosophen" wäre garantiert ein Bestseller!

Mehr zum Thema

Wenn die Worte verschwinden, bleiben Gedanken als Tonspuren - Die Stille hinter den Worten
(Deutschlandfunk Kultur, Hörspiel, 28.10.2018)

Der Mensch als Spaziergänger - Ich gehe, also denk' ich?
(Deutschlandfunk Kultur, Sein und Streit, 20.5.2018)

Stille Gärten in Großbritannien - Gemeinsam schweigen
(Deutschlandfunk, Tag für Tag, 1.8.2018)

Religionen

weitere Beiträge

Entdecken Sie Deutschlandfunk Kultur