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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 04.08.2008

Philosophische Streitschrift

Bernulf Kanitscheider: "Entzauberte Welt. Über den Sinn des Lebens in uns selbst. Eine Streitschrift", S. Hirzel Verlag, 217 Seiten

Das Plädoyer für einen „aufgeklärten Hedonismus“ klingt nach dem deutschen Existenzialisten Friedrich Nietzsche. (AP-Archiv)
Das Plädoyer für einen „aufgeklärten Hedonismus“ klingt nach dem deutschen Existenzialisten Friedrich Nietzsche. (AP-Archiv)

Die Frage nach dem Sinn es Lebens ist für Philosophen ein unerschöpfliches Thema, kann aber für die Bewältigung des wirklichen Lebens störend sein. Der Gießener Philosophieprofessor Bernulf Kanitscheider empfiehlt, sich die "philosophische Krankheit der Sinnsuche" zu leisten - aber nur für kurze Zeit. Sein Buch liest sich als "Streitschrift" gegen jede Art von Ideologie und gegen all jene, die anderen einen Sinn verordnen wollen.

Eine Streitschrift. Gegen alle, die behaupten, sie hätten d e n Sinn des Lebens gefunden und ihr ganz persönliches "Sinn-Rezept" dann anderen "verordnen" wollen. Gegen jede Art von Ideologie. Besonders gegen Theologen, die andere zu überzeugen suchen, der Sinn des Lebens bestände darin, irgendeinem göttlichen Willen zu entsprechen. "Gott ist tot". Das gilt für Kanitscheider als ausgemacht.

Des Autors philosophische Position wird gern als "Neuer Atheismus" gefeiert oder auch verschmäht, je nach Interessenlage. Verwunderlich. Die Schlüssel-Argumente in diesem Buch sind mehr als 100 Jahre alt: Ein denkender Mensch sollte dem Universum keine sinnhafte Entwicklung unterstellen. Natur ist weder sinnvoll noch sinnlos, sie lässt sich mit dem Begriff "Sinn" schlicht nicht beschreiben. Das hat schon Bertrand Russel festgestellt. In seinem Aufsatz "A free man’s worship" von 1903. Und nach ihm das Gros der analytisch orientierten Philosophen. Also auch Bernulf Kanitscheider, denn der bekennt ausdrücklich zu Naturalismus und analytischer Philosophie.

Den Begriff "Sinn" sollte man tatsächlich nur gebrauchen, wenn von Sachverhalten in der Menschenwelt die Rede ist. Zumindest dann, wenn man beansprucht, als Wissenschaftler zu sprechen. (Die Sprache der Poesie folgt freilich anderen Regeln). Ein Plan kann "sinnvoll" genannt werden oder auch "sinnlos", das Leben einer Maus dagegen nicht. Schon im 19. Jahrhundert hat sich Friedrich Engels über Philosophen lustig gemacht, die spekulieren, ob es wohl der Sinn des Mäuselebens sei, das Futter für die Katzen abzugeben.

Ein Kapitel dieses Buches ist der Auseinandersetzung mit Hans Küng gewidmet. "Alle Religionen beantworten die Frage nach dem Sinn des (…) des Lebens, der Geschichte (…) mit Blick auf eine allerletzte Wirklichkeit", hat der Theologe im Jahr 1990 geschrieben. Solche Formulierungen sind einem analytisch orientierten Philosophen natürlich ein Dorn im Auge, und Kanitscheider hat recht. Küng verwischt in seinen Texten häufig die Grenze zwischen Wissenschaft und Glauben.

Gegen solcherlei "Verdunklungskunst" hat Kant ein dickes Buch geschrieben, die "Kritik der reinen Vernunft". Kanitscheider hingegen, ganz analytisch orientierter Philosoph (sprich Jünger der formalen Logik), hält alles Reden über Gott per se für unvernünftig. Auch dagegen hat Kant ein dickes Buch geschrieben, die "Kritik der praktischen Vernunft."

Für Kanitscheider jedenfalls ist die Gottesfrage entschieden. Der ist "religiös unmusikalisch". Das hat der Soziologe Max Weber einmal über sich geschrieben, und auch der Titel des vorliegenden Buches "Entzauberte Welt" geht auf Max Weber zurück. Was hat uns der Untertitel zu bedeuten, "Vom Sinn des Lebens in uns selbst"? Ganz einfach. In einer "entzauberten Welt", wo Gottes Gebote nicht mehr als für alle verbindliche Norm akzeptiert werden (das ist seit der Aufklärung der Fall), ist jeder Mensch gefordert, selbst für den Sinn seines Lebens zu sorgen.

Kanitscheider plädiert an dieser Stelle für einen "aufgeklärten Hedonismus". Sein Lieblingsphilosoph kommt aus der griechischen Spätantike, heißt Epikur und ist der Anwalt maßvoller Genüsse. Zu den Freuden des modernen Menschen, die maßvoll genossen werden wollen, gehört, so Kanitscheider, auch der gelegentliche Seitensprung. Er votiert (wie schon Bertrand Russel) für die offene Zweierbeziehung, sie käme der menschlichen Natur am nächsten. Auch Drogen aller Art gehörten freigegeben, Jugendschutz ja, aber der freie erwachsene Bürger habe ein "Recht auf Rausch".

Das letzte klingt nach Friedrich Nietzsche, wie er rümpft auch Kanitscheider die Nase über "die asketischen Ideale des Christentums". Dass es moderne Menschen gibt, die sich aus freier Entscheidung bemühen, nach biblischem Gebot zu leben (vielleicht gerade, weil sie "aufgeklärte Hedonisten" sind ), kann oder will sich Kanitschneider nicht vorstellen.

Das Gute an diesem Buch: Es plädiert entschieden (und diesmal ganz im Sinn von Immanuel Kant) für menschliche Selbstbestimmung. Für Freiheit. Und gegen die Ehrfurcht vor Staatsideologen, Kirchenfürsten, autoritären Vätern (auch Müttern) und "Sinn-Stiftern" aller Art. Vor Menschen mit manipulatorischem Geschick und dem unbedingten "Willen zur Macht".

Rezensiert von Susanne Mack

Bernulf Kanitscheider: Entzauberte Welt. Über den Sinn des Lebens in uns selbst. Eine Streitschrift,
S. Hirzel Verlag, Stuttgart, 217 Seiten, 24,00 Euro

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