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Sein und Streit | Beitrag vom 21.10.2018

Philosophische OrteHort und Hoffnung der Demokratie

Von Hans von Trotha

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Zeichnung um 1900 mit dem Blick über die Pnyx auf die Akropolis. (imago / Leemage)
Wiege der Demokratie: die Akropolis in Athen (imago / Leemage)

Der Hügel Pnyx gilt als Keimzelle demokratischer Macht. Wenige Schritte von hier, in der Agora, wurde das Prinzip der politischen Selbstbestimmung erfunden. Hans von Trotha fragt, wofür der Garten der Demokratie heute steht.

"Eilt her zum Tanz, Olympier, her schickt Anmut, gepriesene, ihr Götter, die den oft Umschrittenen, den opferduftreichen Nabel der Stadt im heiligen Athen ihr aufsucht, und den an Kunst reichen, weltberühmten: den Markt! Veilchengebundene Kränze empfanget, frühlinsgepflückter Lieder Klänge!"

So besang einst der griechische Dichter Pindar den Ort, an dem die abendländische Philosophie so etwas wie ihren Ursprung hat – die Agora von Athen.

"Die Agora von Athen hat an diesem leuchtenden Morgen die gleiche Färbung wie in den Versen Pindars, vielleicht weil sie nach vielen Wendungen des Zufalls zu einem Garten geworden ist; zu einem merkwürdigen Garten, übersät mit Steinen und antiken Marmorstücken, die der Boden wieder aus seinem Schoß entlassen hat wie blanke Knochen und nun zwischen efeuumrankten Oleander-, Oliven-, Lorbeer- und Bananenbäumen liegen."

Der in Athen lebende Spanier Pedro Olalla hat auf dem Höhepunkt der griechischen Finanzmisere der Idee der griechischen Demokratie –  unterennbar verbunden mit der griechischen Philosophie, beide untrennbar verbunden mit der Stadt Athen – ein sehr lesenswertes Buch gewidmet, das in diesem Herbst im Berenberg Verlag auf deutsch erscheint. Es heißt "Die ausgegrabene Demokratie. Ein Spaziergang durch Athen."

Demokratie heute - Erneuerung durch Rückbesinnung

"Um die Demokratie zu erneuern, muss man zu ihren Anfängen zurückkehren", schreibt Olalla. Und diese Anfänge liegen, genau genommen, nicht dort, wo die meisten sie vermuten, nämlich auf der Athener Agora, sondern einige Meter oberhalb, zwischen Agora und Akropolis.

Athen im Sommer.  Heerscharen von Touristen schleppen sich zur Akropolis hinauf. In allen möglichen Sprachen wird hier versucht, den Durchreisenden eine Idee vom alten Athen zu vermitteln, von der alten Idee der Demokratie, von der Philosophie dahinter. Immer wieder fällt dabei das Wort "Pnyx". Pedro Olalla schreibt:

"Wenn es einen Ort gab, an dem die Demokratie geboren wurde, dann ist es dieser, das Felsenplateau der Pnyx. … Oben, an dem der Stadt zugewandten Hang, ist ein langes Stück sauber aus dem Felsen geschnitten. Erfolgt ist dieser Schnitt Ende des vierten Jahrhunderts vor Christus. Zum Abschluss wurde aus dem Stein eine Rednertribüne gemeißelt, und diese Tribüne gibt es heute noch."

Pnyx - ein Ort der "grenzenlosen Macht"

Hier steht man zwischen Akropolis und Agora, wie der Welt enthoben. Hier haben die Menschen in allen wichtigen Fragen abgestimmt, also wirklich Demokratie ausgeübt, nach den Reformen des Kleisthenes im 4. Jahrhundert vor Christus. Aristoteles spricht von der "grenzenlosen Macht", die das abstimmende Volk als Souverän ausübt. Die Pnyx ist der Ort dazu, die Keimzelle dieser Macht. Erdacht wurde sie auf der Agora.

"Ich bin die Grenze der Agora", diese Worte sind in einen Stein gemeißelt, den passiert, wer von der Akropolis über die Pnyx hinuntersteigt. Auf einer anderen Seite wird die Agora von der Stoa begrenzt, der rekonstruierten Säulenhalle, in deren Vorgängerbau einst Zenon von Kition lehrte. Ganz nah scheinen einem die Ideen der seinerzeit hier diskutierenden Philosophen, wenn man über die Agora streift, in der Steinreste, Pflanzen und Ideen einander zu überwuchern scheinen. Hier sind sich Aischylos, Sophokles, Euripides, Aristophanes, Herodot, Thukydides und Sokrates begegnet. Und man kann sich das, wenn man sich einfach hinsetzt, ein wenig Zeit verstreichen lässt, lebhaft vorstellen.

Platons Akademie - bald eine Shopping Mall?

Sokrates wurde dann zum Lehrer Platons. Was schon zum nächsten Athener Ort der Philosophie führen würde, zu Platons Akademie im Nordwesten der Stadt, bis heute ein Garten. Noch. Kaum war ich in diesem Sommer in Athen angekommen, erreichte mich der Aufruf, eine Petition zu unterschreiben, die verhindern soll, was wohl nicht mehr zu verhindern ist – dass dort, wo einst Platon Ideen lehrte, die bis heute prägend sind, das entstehen soll, was unsere Zeit künftigen Generationen offenbar anstelle philosophischer Ideen zu hinterlassen gedenkt: eine Shopping Mall.

Mehr zum Thema:

Platon zur Großen Koalition - Gut regiert, wer nicht regieren will!
(Deutschlandfunk Kultur, Sein und Streit, 3.12.2017)

Richard David Precht - Was wir von den alten Griechen lernen können
(Deutschlandfunk Kultur, Interview, 16.10.2015)

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